Die hohe Arbeitslosigkeit, die heute nicht nur in Europa und in den Vereinigten Staaten herrscht, ist eine Tragödie. Nicht nur wegen des damit einhergehenden Sozialproduktverlustes, sondern auch wegen der ­persönlichen und emotionalen Kosten der ­Arbeitslosen, die nicht Teil der arbeitenden ­Bevölkerung sind.

Sparsamkeit verbessert laut deren Befürwortern angeblich die Moral. Einer von ihnen, der britische Premier David Cameron, glaubt daran, dass sein Programm die «Abhängigkeit von staatlichen Leistungen» reduziere, eine Stringenz «wiederherstelle» und die «Tatmenschen, die Kreativen und die Lebensbejahenden» ermutige. Ähnlich sagt der US-Kongressabgeordnete Paul Ryan, sein Programm sei Teil eines Plans, «Kreativität und Unternehmergeist» zu fördern.

Einige Sparmassnahmen können tatsächlich dazu geeignet sein, die Moral zu stärken. Mönche finden ihren Lebensinhalt in einer kargen Umgebung, und militärische Ausbildungslager sollen den Charakter stärken. Aber die Art der fiskalischen Sparsamkeit, die praktiziert wird, führt erst einmal dazu, dass Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren und ihr Leben mit nichts anderem füllen können als einem Gefühl der Ablehnung und Ausgrenzung.

Anzeige

John Maynard Keynes verschätzte sich vor 83 Jahren

Sicher, eine kurze Zeit der Arbeitslosigkeit fördert vielleicht die Reflexion, führt zu einer Stärkung der persönlichen Beziehungen und einer Rückbesinnung auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Manche Ökonomen dachten sogar einmal, dass wir heute viel mehr ­Freizeit hätten. So spekulierte John Maynard Keynes in seinem Essay «Die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkel», dass innerhalb von 100 Jahren, also bis 2030, höhere Einkommen den durchschnittlichen Arbeitstag auf lediglich drei Stunden reduzieren würden und die Gesamtarbeitszeit pro Woche lediglich 15 Stunden betragen würde.

Es bleiben zwar noch 17 Jahre, doch es sieht so aus, als hätte sich Keynes verschätzt. Wie auch Robert Theobald, der 1963 in seinem Buch «Freie Menschen und freie Märkte» die Abneigung der Menschen gegenüber einer hohen Arbeitslosigkeit hinterfragte. Er bekräftigte, «wir können bedeutsame Freizeit haben, anstatt zerstörerischer Arbeitslosigkeit» und dass wir keine «Wirtschaft bräuchten, die einem wirbelnden Derwisch ähnelt und von kompulsivem Verbrauch abhängig ist».

Robert J. Shiller, US-Ökonom

Aber wenn wir etwas suchen, das uns die Zeit vertreibt, und dabei auch noch zufrieden sein wollen, dann scheint das immer auf eine Art Arbeit hinauszulaufen: «Sinnvolle Freizeitbeschäftigungen» werden irgendwann langweilig. Menschen scheinen mehr als drei Stunden pro Tag arbeiten zu wollen, auch wenn es nur Arbeit am Band ist. Und die Ge­legenheit, zu arbeiten, sollte eine Grundfreiheit sein.

Die Arbeitslosigkeit ist ein Produkt des Kapitalismus: Menschen, die nicht mehr gebraucht werden, werden einfach entlassen. Auf dem klassischen Bauernhof gab es keine Arbeitslosigkeit. Sparmassnahmen machen die Unfähigkeit der Wirtschaft, eine persönliche Verbundenheit herzustellen, sowie den moralischen Preis offensichtlich – denn dies kostet.

Das Work Sharing hat seinetechnischen Probleme

Das Modell Work Sharing sorgt dafür, dass die Menschen in einer Rezession halbwegs bei ihren Arbeitsstellen verbleiben können, was auch ihr Selbstwertgefühl stärkt. Ein Unternehmen könnte, anstatt in einer Krise 25 Prozent der Belegschaft zu entlassen, die Arbeitszeit der Mitarbeiter von acht auf, sagen wir, sechs Stunden reduzieren. Keiner würde entlassen und alle kämen dem Ideal von Keynes ein wenig ­näher. Einige Länder, allen voran Deutschland, praktizieren dieses Modell.

Aber das Work Sharing hat seine technischen Probleme, wenn es plötzlich bei einer Krise wie der aktuellen verstärkt eingesetzt wird. Diese Probleme schliessen eine Verwirklichung des Ideals grösseren Müssiggangs, wie von Keynes oder Theobald gefordert, aus.

Ein Problem ist, dass Arbeitnehmer Fixkosten haben, wie den Weg zur Arbeit oder eine Gesundheitsversicherung, die nicht sinken, wenn die gearbeiteten Stunden (und damit die Entlöhnung) sinken. Mit ihren Schulden und Verpflichtungen verhält es sich ähnlich. Sie hätten kleinere Häuser kaufen können, wenn sie gewusst hätten, dass ihre Arbeitszeit reduziert werden würde, aber es ist schwierig, ein Haus, das einmal gekauft ist, zu verkleinern.

Ein anderes Problem ist, dass es schwierig sein könnte, alle Jobs im gleichen Umfang zu kürzen. Einige Arbeitsplätze können mit der Produktion gekürzt werden, andere nicht.

Wir brauchen eine gesellschaftliche Übereinkunft

In seinem Buch «Why Wages Don’t Fall During a Recession» berichtet Truman Bewley von der Yale University über umfangreiche Befragungen von Managern, die Löhne festsetzen und Entlassungen durchführen. Er fand heraus, dass sie glaubten, es würde ein ernsthaftes moralisches Problem daraus entstehen, wenn die Arbeitszeiten und Löhne von allen während ­einer Rezession gekürzt würden. Dann hätten alle Mitarbeiter das Gefühl, dass sie keinen richtigen Arbeitsplatz hätten.

Während der Gespräche erzählten die Manager, es sei das Beste (jedenfalls vom Standpunkt eines Managers aus gesehen), wenn der Schmerz der reduzierten Arbeit auf ein paar wenige Personen konzentriert würde, deren Beschwerden vom Rest der Belegschaft nicht wahrgenommen würden. Arbeitgeber sorgen sich um die Moral am Arbeitsplatz, nicht um die Moral der Mitarbeiter, die sie entlassen. Ihre beschädigte Moral betrifft sicher andere als eine Art externer Effekt, was sehr wichtig ist, aber nicht für das Unternehmen, das die Entlassungen durchgeführt hat.

Wir wären vielleicht alle glücklich mit weniger Arbeit, wenn die Abnahme mit einem allmählichen sozialen Aufstieg einhergehen würde. Aber wir können nicht glücklich sein mit einer Arbeitslosigkeit, die aus einer plötzlichen Wirtschaftskrise resultiert.

Das ist der Grund, warum plötzliche Sparmassnahmen die Moral nicht aufbauen können. Für Moral brauchen wir eine gesellschaftliche Übereinkunft, die einen Zweck für jeden findet, eine Möglichkeit, sich selbst als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen, weil man eine Art Arbeit verrichtet.

Wichtig ist ein Anreiz, derArbeitsplätze schafft

Und dafür brauchen wir staatliche Anreize – idealerweise den fremdkapitalfreundlichen Stimulus, der Steuern und Ausgaben gleichermassen hebt. Die höhere Steuerlast für alle Beschäftigten verhält sich analog zu den reduzierten Stunden beim Work Sharing.

Aber wenn die Steuererhöhungen politisch nicht zweckdienlich sind, sollten die Politiker mit der althergebrachten Defizitfinanzierung weitermachen. Wichtig ist, irgendeinen Anreiz zu bieten, der Arbeitsplätze schafft und die Arbeitslosen wieder zurück an die Arbeit bringt.


Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissen­schaften an der Universität Yale. Zusammen mit George Akerlof ist er Autor von «Animal Spirits: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert». © Project Syndicate, 2013