«Higher for longer», lautet der Schlachtruf der Zentralbanken. Um der Inflation endgültig den Garaus zu machen, sollen die Leitzinsen noch lange auf hohem Niveau bleiben. 

Selbst weitere Zinserhöhungen wollen sie nicht ausschliessen. Dass man seit August pausiert, heisse noch lange nicht, dass der Straffungszyklus zu Ende ist, sagte Jerome Powell von der US-Notenbank Fed kürzlich. 

Doch die Finanzmärkte sehen das anders. An den Zinsderivatemärkten ist keine Leitzinserhöhung mehr eingepreist. Im Gegenteil: Schon im kommenden Mai rechnet die Mehrheit mit der ersten Zinssenkung in den USA. Die SNB wird es ihr im Juni gleichtun, wird gewettet.

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Auch wenn die Inflation zurückgeht und die Konjunktur an Schwung verliert – solche Erwartungen sind verfrüht.

Hartnäckige Kerninflation 

Das Beispiel Australien soll den Zinssenkung-Spekulanten eine Warnung sein: Dort sah sich die Reserve Bank diese Woche gezwungen, die Zinsen nach einer fünfmonatigen Pause wieder anzuheben, weil die Inflation bei den Dienstleistungen hartnäckiger ist als erwartet und die Inflationsrisiken wieder zugenommen haben.

Auch in den USA liegt die Kerninflation ohne die volatilen Energie- und Lebensmittelpreise immer noch über 4 Prozent. Für eine Notenbank, die sich 2 Prozent zum langfristigen Ziel gesetzt hat, ist das immer noch viel zu viel und ein Grund, wachsam zu bleiben.

Der US-Arbeitsmarkt entwickelt sich zwar in die vom Fed gewünschte Richtung. Das heisst, er kühlt sich etwas ab. Es werden monatlich nicht mehr ganz so viele neue Stellen geschaffen wie Anfang Jahr, und die Arbeitslosenquote ist seit dem Tiefpunkt von 3,4 auf 3,9 Prozent gestiegen. Ob das reicht, um die Konsumlust und das Lohnwachstum zu bremsen, ist offen. Schliesslich können die Amerikanerinnen und Amerikaner immer noch auf Erspartes aus der Pandemie zurückgreifen. Das verzögert die Anpassungen des Konsumverhaltens.

Es braucht mehr als eine leichte Abkühlung

Wer auf Zinssenkungen hofft, muss sich also noch eine Weile gedulden. Eine leichte konjunkturelle Abkühlung wird nicht reichen, um die Notenbanken zum Umdenken zu bewegen. Das Unterschätzen der Inflation vor zwei Jahren war ihnen eine Lehre. 

Bevor das Fed und andere Notenbanken die Zügel lockern, muss es erst richtig krachen und einen Kollaps in den Inflationserwartungen geben. 

Auch die SNB ist bei der Inflationsbekämpfung noch nicht über dem Berg. Wegen der Strompreise und der Mieten steigt die Teuerung sogar wieder. Die Zinsen sind im internationalen Vergleich ohnehin schon niedrig und eine Leitzinssenkung ist daher kein Thema. Auch hier ist Geduld angesagt. 
 

rop
Peter Rohnerist Chefökonom der Handelszeitung.Mehr erfahren