Der Bundesrat hat nun auch Hilfe für Startups gegen die Virus- und Lockdown-Schäden geboten: Jungunternehmen sollen bis zu 154 Millionen Franken als Bürgschaften erhalten. Das ist gut gemeint, aber für den systemrelevanten Sektor des Startup-Biotops untauglich, und zwar gleich mehrfach.

Um die nach der Krise verbleibenden Privatinvestoren zu ergänzen, braucht es vom Staat eine Milliarde Franken an Matching-Kapital. Bürgschaften für Bankkredite sind eher schädlich.

 

Nicolas Berg hat seit 1984 ein Dutzend Startups mitgegründet und hat als Business Angel gegen 20 Startups mitfinanziert, darunter Xing als Country Manager Schweiz. 2007-13 war er als Mitgründer von Redalpine Venture Partners aktiv. Seit sechzehn Jahren arbeite er auch als Trainer und Coach von Venturelab und des Startup Campus.

Als Startups gelten junge Unternehmen, die ein auf Technologie und Innovation basierendes, skalierbares Geschäftsmodell verfolgen. Sie haben Forschungsförderungs- oder Investorengelder eingesammelt oder wissen ein Qualitätslabel wie Innosuisse, De Vigier oder Venturekick hinter sich. Sie sind ein Motor für Innovation und zukunftsträchtige Jobs gelten.

2,2 Milliarden wurden investiert,…

In Frankreich, das Startups mit vier Milliarden Euro via Ko-Investments und Garantien hilft, stammen 17 bis 20 Prozent aller Stellen aus Startups. Für die USA wies die Kauffman Foundation nach, dass die Gruppe der maximal fünf Jahre alten Startups jährlich rund drei Millionen neue Jobs schaffen – während die etablierten Firmen jährlich per saldo eine Million Jobs abschaffen.

Die im März versprochene Lockdown-Nothilfe von 40 Milliarden Franken greift bei typischen Startups nicht, weil nach Umsatz berechnete Garantie-Darlehen hier bloss einen Tropfen auf einen heissen Stein darstellen. Tech-Startups leben anfangs kaum von Kunden, sondern hauptsächlich von Investorengeldern. 2019 investierten Business Angels, Family Offices und Venture-Capital-Fonds gut 2,2 Milliarden Franken in Schweizer Startups.

…jetzt 1 Milliarde weniger

Wegen des Virus und der weltweiten Rezession, welche die Schweiz mit 70 bis 170 Milliarden Franken treffen wird, werden die privaten Investitionen um mindestens 50 Prozent einbrechen, also auf rund eine Milliarde. Die Investoren werden selber getroffen, sie müssen für ihr bestehendes Portfolio doppelt so viele Mittel reservieren wie vor der Krise geplant – und so gehen sie nur noch sehr sparsam neue Engagements eingehen.

«Wirklich die Qualität von Startups beurteilen können nur die gut 3000 Business Angels und ein paar Dutzend Risikokapitalfonds.»

Falls der Staat und Forschungsförderer die wegbrechende Milliarde nicht sofort ausgleichen werden ab Mai monatlich bei 40 bis 80 unserer – weltweit bewunderten – Hochschul-Ausgründungen die Lichter ausgehen. Denn Startups sind chronisch knapp liquid und von
regelmässigen Folgefinanzierungen abhängig.

Nun hat der Bundesrat aufs Mittel der Bürgschaftsgenossenschaften zurückgegriffen – und gemeinsam mit den Kantonen im Schlüssel 67:33 eine Summe von 154 Millionen Franken versprochen. Dabei können Startups Bankkredite beantragen, was sie sonst nicht können (und meist auch nicht wollen).

Finanzminister Ueli Maurer erläuterte, der Bund könne die Qualität der interessierten Startups nicht beurteilen – dies sollten Stellen tun, die näher bei den Startups seien. Zum Beispiel die Wirtschaftsförderungen der Kantone und Innosuisse, die Bundes-Förderagentur für Technologie und Innovation.

Anzeige

Die Bundes-Massnahme hat drei grobe Mängel:

1. Wirklich die Qualität von Startups beurteilen können nur die gut 3'000 Business Angels und ein paar Dutzend Risikokapitalfonds. Für die Prüfung eines Investments in Startups wenden die so genannten Lead-Investoren jeweils ein bis drei Monate auf; die Summe der daraus resultierenden Kapitalerhöhung ist ein in Franken quantifizierter
Tatbeweis der Qualitätsprüfung.

2. Startups brauchen nur Eigenkapital, weil Kredite für künftige nötige Kapitalerhöhungen eine Giftpille darstellen. Deshalb kennt man international seit Jahrzehnten das Instrument des «Matching», wobei staatliche Akteure – etwa die Europäische Entwicklungsbank, die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau oder der ZKB-Startup-Fonds – ungefähr eins-zu-eins die privaten Investoren ergänzen.

3. Die Summe ist viel zu klein. Um ein übermässiges Startup-Sterben zu vermeiden, braucht es nicht 154 Millionen Franken, sondern eine Milliarde.

Warum? Normalerweise sterben innert fünf bis zehn Jahren drei von zehn Startups, aber virusbedingt dürften 2020/2021 ohne die Bundes-Milliarde sechs von zehn Startups ohne eigenes Verschulden eingehen beziehungsweise ohne Wachstum verkümmern.

Jobs für heute, Jobs für morgen

Als Ko-Investor in einem Startup-Matchingfonds – gemeinsam mit privaten Investoren – konnte der Bund sogar mittelfristig Geld verdienen. Startups als Anlagekategorie rentieren bei genügend Diversifikation mit über 10 Prozent jährlich. Die Vorstellung ist auch ordnungspolitisch berechtigt. Der Bund beziehungsweise die Nationalbank haben in früheren Krisen auch schon in die Rettung der nationalen Fluggesellschaft und der grössten systemrelevanten Bank investiert. Ersteres resultierte in einem Abschreiber von 1,5 Milliarden Franken, zweiteres brachte mittelfristig immerhin Gewinn.

Jetzt ist wieder die Fluginfrastruktur mit Flughäfen, Swiss, Easyjet und Skyguide zuoberst auf der politischen Agenda, von denen 170'000 Jobs abhängen sollen. Derweil sich mit der Milliarde für die Startups die Mehrheit der neuen Jobs der nächsten 20 Jahre sichern liesse. Und das wohl auch noch gewinnbringend.