Wir vertrauen auf Gott, steht auf jeder Dollarnote: «In God we trust». Das Motto mutet überholt an, zumal Friedrich Nietzsche den Schöpfer bereits 1882 philosophisch für tot erklärt hat. Seither kommt Gott als Garant des Geldes eigentlich nicht mehr infrage.

Trotzdem halten die Notendrucker in den USA bis heute am religiösen Spruch fest. Das ist kein Zufall. Denn Geld ist Glaubenssache: Es lebt vom Vertrauen - von der Zuversicht der Leute, die es als Tauschmittel, als Recheneinheit und zur Wertaufbewahrung nutzen. Gott mag tot sein, doch die moderne Gesellschaft hat noch keine Alternative gefunden.

Immer wieder eine Krise

Im Gegenteil. Wer oder was Geld und seinen Wert garantieren soll, ist immer weniger klar. Wiederholt wurde das monetäre System erschüttert. Auch im 21. Jahrhundert blieb es instabil.

Wie schnell das Vertrauen zusammenbrechen kann, hat die Finanzkrise vor Augen geführt. Im Jahr 2007 kamen die Geldströme in den Finanzzentren von einem Tag auf den anderen zum Erliegen. Märkte froren ein, der Handel erlahmte. Geld war plötzlich zum Nullzins verfügbar und blieb für manche Firmen doch Mangelware.

Die Baustellen

Seither taumelt die Welt zwischen Schuldenkrisen, Rezessionen und Immobilienblasen. Staaten und Volkswirtschaften sehen sich mit einer ganzen Reihe von Problemen konfrontiert: Probleme mit Ursprung im Finanzsystem, welche die Entwicklung behindern.

1. Überschiessende Kreditzyklen

Wie viel Geld kommt eigentlich in Umlauf? Die Entscheidung darüber liegt in erster Linie bei den Geschäftsbanken. Sie vergeben Kredite, wenn es ihnen rentabel erscheint, und stornieren sie, wenn Unsicherheit aufkommt.

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Die private Geldschöpfung hatte oft überschiessende Konjunkturzyklen zur Folge: Je mehr Geld in die Wirtschaft floss, desto bessere Aussichten schienen Kreditnehmer zu haben – was die Kreditvergabe umso mehr ankurbelte. 

Das Herdenverhalten führte zu Kreditblasen und zum typischen Absturz, wie man ihn 1929 oder 2008 beobachten konnte. Banken reagierten auf erste Bankrotte, indem sie die Geldschöpfung drosselten. Eine Negativspirale aus steigenden Schulden und sinkenden Preisen setzte ein.

2. Riskante Bankgeschäfte

Banken sind fragil. Im heutigen System – dem fraktionalen Reservenbanking – müssen sie nur einen kleinen Teil ihrer Ausleihungen über Reserven bei der Notenbank absichern.

Sie können deshalb leicht in Schieflage geraten. Um Bankenpleiten und volkswirtschaftlichen Schaden abzuwenden, haben Notenbanken und Staaten in der Vergangenheit oft implizite und explizite Garantien ausgesprochen.

Die Garantien hatten jedoch einen unerwünschten Nebeneffekt: Sie verleiteten Banken und deren Manager dazu, höhere Risiken einzugehen. Der Fall UBS lässt grüssen. Hohe Risiken zahlen sich für eine mit Garantien ausgestattete Bank aus. Wenn alles gut läuft, streicht sie Gewinne ein. Wenn es schlecht läuft, übernimmt der Staat einen Teil der Verluste.

3. Hohe Zugangsbarrieren

Die verzerrte Anreizstruktur hat Behörden dazu veranlasst, das Bankenwesen stärker zu regulieren. Basel I, Basel II und Basel III hiessen die internationalen Regelwerke. National existieren zahlreiche weitere Vorschriften.

Die Regulierung soll sicherstellen, dass Banken weniger riskante Geschäfte betreiben. Doch die Eingriffe haben problematische Nebenwirkungen. Erstens können sie dem Publikum eine falsche Sicherheit vorgaukeln, wenn sie der Realität hinterherhinken. Zweitens sind die umfangreichen Regelwerke Barrieren für Banken, die neu in den Markt eintreten wollen. Der Wettbewerb wird zugunsten der Platzhirsche verzerrt.

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4. Obskure Schattenbanken

Die Regulierung macht für Banken eine weitere Option attraktiv: Die Kreditvergabe ausserhalb der Bilanz zu organisieren, im sogenannten Schattenbankensystem. Befeuert durch die Digitalisierung hat diese Art, Banking zu betreiben, in den letzten 30 Jahren stark zugenommen.

Vor allem in den USA wurde das Geld- und Kreditwesen zunehmend über spezielle Konstrukte organisiert: Über Ausserbilanzvehikel, die in verbriefte Kredite investierten, die wiederum von Drittparteien garantiert wurden und bei Viertparteien in Bargeld eingetauscht werden konnten. Die kontinuierliche Expansion des Schattenbankensystems hat das Bankenwesen undurchsichtig gemacht und seine Krisenanfälligkeit erhöht.

5. Machtlose Notenbanker

Notenbanken müssen die Wirtschaft mit Geld versorgen und die Preise stabil halten. Beide Aufgaben werden indirekt übers Bankensystem wahrgenommen. Notenbanken setzen den Zins fest, zu dem sich Geschäftsbanken kurzfristig Geld leihen können.

Und sie stellen den Banken dieses Geld bei Bedarf zur Verfügung. Das Problem der letzten Jahre: Die Notenbanken konnten ihre Kurzfrist-Gelder gar nicht genug billig hergeben, um die lahmende Wirtschaft anzukurbeln. Im Weg stand die Nullzinsgrenze. Sie kann nur sehr begrenzt unterschritten werden, ohne dass Wirtschaftsteilnehmer beginnen, Bargeld zu horten.

6. Steigende Vermögenspreise

Notenbanken haben die Rezession seit der Finanzkrise mit Tiefzinsen bekämpft. Die Folge davon war ein Anstieg der Vermögenspreise, allen voran bei Immobilien und Aktien. Viele Börsen sind auf dem Allzeithoch. Davon haben grosse Vermögen übermässig profitiert.

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Der Boom birgt auch Risiken für die Finanzstabilität. Immobilienblasen bilden sich. Die Fallhöhe der Aktienkurse wird immer grösser, ein erneuter Crash wird umso gefährlicher. Das Tückische an diesem Spiel ist: Je mehr die Notenbanken versuchen, das Vertrauen auf den Finanzmärkten zu stützen, desto riskanter wird das Verhalten der Marktteilnehmer. Die Notenbanken sind zu Gefangenen der Finanzmärkte geworden.

7. Überschuldete Staaten

Wirklich solide war die Finanzlage vieler Industriestaaten auch vor der Finanzkrise nicht. Seither hat sich die Schuldensituation aber dramatisch verschärft. Der staatliche Sektor wurde faktisch gezwungen, seine Verschuldung hochzufahren.

Einerseits, um fallende Banken zu retten, anderseits, um den Wirtschaftskreislauf zu stützen – ein Kreislauf, der zuvor durch die übereifrige Kreditvergabe der Banken an Privatleute und Unternehmen befeuert worden war.

Während der Privatsektor nun seine Schulden abbaut, ist die öffentliche Hand finanziell zunehmend eingeschränkt. Was sich in Bereichen wie den öffentlichen Investitionen, dem Sozialwesen, aber selbst in der Geopolitik und der globalen Sicherheit auswirkt.

Die Lösungen

Die Krise hat Politik und Zivilgesellschaft aufgerüttelt. Beobachter verschiedenster politischer Couleur kamen 2008 bös auf die Welt.

Sie stellten fest, dass dies nicht der Kapitalismus war, den sie sich vorgestellt hatten. Doch in welche Richtung sollte es nun gehen?

Der Standardweg

Drei mögliche Wege zeichnen sich ab. Einer davon liegt auf der Hand: Der Standardweg. Er beruht auf Anpassungen innerhalb des bestehenden Systems. Man schraubt an den Parametern, baut zusätzliche Tempolimits und Knautschzonen ein.

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Banking bleibt, was es ist: Ein dezentraler und selbstständiger, nur indirekt gelenkter Mechanismus der Finanzintermediation. Diesen Weg beschreiten die Staaten unter anderem mit dem Basel-III-Rahmenwerk.

Die Variante Vollgeld

Eine Alternative dazu sind die Vollgeldreform und verwandte Ideen. Sie wollen Geschäftsbanken ihr bisher grösstes Privileg entziehen: Die Vergabe von Kredit und somit die Schöpfung von Geld nach eigenem Gutdünken.

Das bedeutet, dass die Notenbank einen grösseren Stellenwert erhält. Sie kontrolliert die zirkulierende Geldmenge direkt und braucht das Bankensystem nur noch zur Feinverteilung.

Die Free-Banking-Idee

Umgekehrt läuft der Plan im Ideenstrang des Free Banking. Hier entfallen fast alle Regeln, die das Bankgeschäft bisher umgaben. Dafür werden auch sämtliche Garantien ersatzlos gestrichen. Der Markt bestimmt, wie viel Geld zirkuliert, welche Währung verwendet wird, welche Bank überlebt. Die Notenbank wird als Aufsichts-, Konjunktur- und Preisstabilisierungsbehörde überflüssig.

Die Reform des Finanzsystems setzt bei den Banken an - bei der Art und Weise, wie Banking betrieben wird. Doch sie macht dort nicht halt. Im Kern geht es um das Geld selbst: Um seine Homogenität als Tauschmittel, um die Unsicherheit, die man Individuen im Umgang damit zumuten will, um seinen Charakter als öffentliches oder privates Gut.

Letzlich ist es eine Vertrauensfrage

Die Entscheidung für eine Reformvariante ist letztlich auch eine Vertrauensfrage. Wem trauen wir die Bewirtschaftung des Geldes am ehesten zu? Dem Staat beziehungsweise seiner Stellvertreterin, der Notenbank? Dem freien Markt? Oder vertrauen wir doch auf jenes Arrangement, an das wir uns über die letzten 100 bis 200 Jahre gewöhnt haben: der Mischform aus freier Geldwirtschaft unter zentraler Oberaufsicht?

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Die Antwort bleibt offen, der Gottesersatz muss noch definiert werden. «In the Fed we trust» wäre eine Option. «In Bitcoin we trust» aber auch.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie der «Handelszeitung». Lesen Sie hier: