Die US-Präsidentenwahl scheint auf Messers Schneide: Amtsinhaber Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden lieferten sich weiterhin ein Kopf-an-Kopf-Rennen.  «Die Hoffnung vieler Europäer auf einen klaren Sieg von Joe Biden hat sich nicht erfüllt», kommentiert Michael Holstein, der Konjunkturchef der DZ Bank. «Das Ergebnis wird knapp sein, die Spaltung des Landes wohl fortbestehen. Damit werden die Beziehungen zwischen Europa und den USA nicht einfacher, auch was den Handel angeht.»

Sollte Trump gewinnen, werde es wirtschaftspolitisch um weitere Steuersenkungen und um Ausgabenkürzungen gehen. Für die US-Konjunktur müsse das nicht schlecht sein, doch für die Exportwirtschaft werden die Verhältnisse nicht einfacher. «Trump könnte das Thema Autozölle zurück auf die Tagesordnung holen», so Holstein. «Für die ohnehin angeschlagene deutsche Autoindustrie wäre das wohl der 'Worst Case'.»

«Geduld gefragt»

Unter einem Präsidenten Biden gäbe es zunächst sicherlich ein grosses Konjunkturprogramm, später vermutlich Steuererhöhungen für Unternehmen und Haushalte mit hohen Einkommen. «Der Fokus in der Handelspolitik würde zwar weniger auf neue Zölle gelegt, doch steigende Defizite im US-Außenhandel würden auch einen Präsidenten Biden unter Druck setzen.»

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Bei der Credit Suisse wies Chief Investment Officer Michael Strobaek darauf hin, dass die Volatilität an den Märkten vorerst hoch bleiben dürfte. «Angesichts des Mangels an Klarheit ist Geduld gefragt».  

Dollar als sicherer Hafen

Dirk Clench, Senior Economist bei der LBBW, erwartet, dass der Dollar im Falle eines Trump-Sieges kurzfristig aufwerten werde: «Das lehrt die Erfahrung aus dem überraschenden Wahlsieg Trumps 2016. Zudem dürfte Trump die geopolitischen Konflikte eher anheizen als beruhigen. Daher sollte der Dollar als sicherer Hafen eher nachgefragt werden.»

Die Börsen würden bereits eine Wiederwahl von Donald Trump ein: Dies eine Erkenntnis von Thomas Altmann von QC Partners: «Die US-Futures machen einen Freudensprung. Beim Technologie-Future Nasdaq 100 ist es ein wahres Kursfeuerwerk.» Donald Trump sei zwar weiterhin eine Art Schreckgespenst für viele US-Handelspartner und viele westliche Politiker. An den Börsen habe Donald Trump während seiner ersten Amtszeit dagegen die Wandlung vom Schreckgespenst zum gefeierten Steuersenker vollzogen.

Derweils mache sich in Europa Ernüchterung breit. «Für die Handelsbeziehungen zwischen den USA und der EU wäre die Wiederwahl Trumps nicht die beste Nachricht. Auch die Börsen in Hongkong und China machen den Freudensprung kaum mit. Denn mit vier weiteren Jahren unter Donald Trump würde eine Normalisierung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China in weite Ferne rücken. Stattdessen würden die Beziehungen auch in den kommenden vier Jahren von Zöllen dominiert.»

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«Gute Stimmung kann jederzeit kippen»

Für Carsten Brzeski, den Chefökonomen der ING, ist das Gute am knappen Resultat, «dass die ganzen Analysen über mögliche Folgen von Biden oder Trump noch eine Zeit lang weiterverwendet werden können.» Doch der ernste Punkt: Nun sei «noch mal deutlich geworden ist, wie geteilt das Land ist.»

Warnend die Stimme von Thomas Gitzel, dem Chefvolkswirt der VP Bank: Komme es zu einer längeren Hängepartie oder einem knappen Sieg von Joe Biden mit Anfechtungsklagen der Republikaner, dann werde man an den Börsen wenig erfreut sein. «Die gute Stimmung kann also auch jederzeit kippen.»

(«Reuters» – rap)