Der Aufschwung kommt, aber wie stark wird er und vor allem wie lang wird er halten? Der Optimismus von Konsumenten und Unternehmern ist in vielen Ländern zwar sehr gross, Aufbruchstimmung bleibt aber bis jetzt Mangelware. Woran das liegt?

Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und leitet das von ihm gegründete Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners. Er war Chefökonom der UBS und unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

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Vielleicht trauen die Menschen dem Erfolg der Impfstrategie noch zu wenig. In praktisch allen Industrienationen wird zurzeit so fleissig geimpft wie nie zuvor. Der Anteil der Menschen, der sich impfen lassen will, steigt.

Die Aussichten, dass wir im Herbst zwei Drittel der Bevölkerung immunisiert haben werden, sind gut. Was ist aber mit dem dritten Drittel? Vielleicht sind die Menschen auch vorsichtig, weil in diesem Frühsommer die Ansteckungszahlen in Europa in vielen Ländern so parallel zurückgegangen sind.

Lockdown oder Lockerungskurs schien dabei keinen Unterschied gemacht zu haben. Wer glaubt noch an Prognosen von Virologen? Wie sieht dann aber der Herbst aus?

Europa erholt sich nur langsam

Vielleicht ist es auch einfach die nüchterne Feststellung, dass in Europa und in der Schweiz mal wieder alles langsamer vonstatten geht als in den USA. Genau wie in den letzten Rezessionen brauchen die USA gut anderthalb Jahre, bis die Konjunktur sich wieder normalisiert. Europa und die Schweiz ein volles Jahr länger.

Vielleicht ist es auch so, dass viele Menschen instinktiv begreifen, dass der Ablauf der Rezession zwar nicht ungewöhnlich ist, dass wir uns aber immer noch in einer tiefen Krise befinden.

Tatsächlich war die Unterauslastung der Wirtschaft im ersten Quartal in der Schweiz und in der Euro-Zone mehr als doppelt so gross als in der Finanzkrise. In Grossbritannien, wo der Brexit die Wirtschaft zusätzlich belastet, wurden sogar so tiefe Werte gemessen, wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

«Die Menschen spüren wohl, dass man zwar zu allem Nein sagen kann, dass es so aber bestenfalls schleppend vorangeht.»

Schliesslich haben die politischen Entscheidungen der vergangenen Wochen die Menschen zusätzlich verunsichert. So hat der Bundesrat offensichtlich ohne einen Plan B die Verhandlungen zum Rahmenabkommen mit der EU abgebrochen.

Die sich abzeichnende Einführung einer globalen Mindeststeuer für Grossunternehmen wird sich negativ für den Standort Schweiz auswirken. Das Volks-Nein zum CO₂-Gesetz bedeutet, dass es uns bis auf weiteres beim Thema Dekarbonisierung an klaren Rahmenbedingungen mangelt.

Wenig Kompromissbereitschaft

Und die sich nun abzeichnende Diskussion um ein weiteres AHV-Reförmchen wird den Eindruck der Visions- und Planlosigkeit und letztlich der Ohnmacht der doch angeblich so souveränen Schweiz angesichts der globalen Veränderung noch verschärfen.

Mitten in der Krise scheint uns nicht nur der Kompass verloren gegangen zu sein. Die für den Erfolg unseres gesellschaftlichen Systems so wichtige Kompromissbereitschaft ist auf einem sehr tiefen Niveau angekommen. Die Menschen spüren wohl, dass man zwar zu allem Nein sagen kann, dass es so aber bestenfalls schleppend vorangeht.

Wie stark und wie dauerhaft wird dann der Aufschwung? Keine Frage, wir werden von dem historisch einmalig grossen, wirtschaftspolitischen Stimulus des Auslands profitieren. Rekorddefizite und tiefe Zinsen sprechen für einen anfangs sogar sehr kräftigen Aufschwung.

Was danach kommt, steht aber in den Sternen. Denn wie die Staatsfinanzen auf einen stabilen Pfad gebracht werden können und wie die Geldpolitik normalisiert werden kann, ist völlig unklar.

Im besten Fall bedeutet das nach ein paar Quartalen mit starkem Wachstum bereits die nächste Wachstumsschwäche. Ist es das, was die Aufbruchstimmung im Keim erstickt?

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