Es ist soweit. An diesem Freitag wurde bei der amerikanischen Medikamenten-Aufsicht FDA das erste Gesuch eingereicht: Erstmals soll ein Impfstoff gegen Covid-19 zugelassen werden, entwickelt von der Forschungsfirma Biontech und vom Pharmariesen Pfizer.

Der erste Impfstofferfolg gegen die Coronaplage kommt also von einer deutschen ­Firma, die von einem türkischen Ehepaar gegründet worden ist und die mit einem US-Megamulti zusammenarbeitet, welcher wiederum von einem griechischen CEO geleitet wird. Dies wurde da und dort schon wegen der hübschen Symbolik gerühmt. Aber es ist mehr: nämlich ein Normalfall. Der Impfcocktail bildet die Realität der Globalisierung ab. 

Globalisierung? In den nuller Jahren war sie ein Schreckgespenst für die Linke gewesen, in den zehner Jahren wetterte auch die Rechte dagegen, in den zwanziger Jahren schien sie vollends reif für den Ideenfriedhof. Plötzlich war die Vernetzung der Menschheit ­sogar schuld an der Pandemie – als ob es zuvor niemals Pest und Cholera und die Spanische Grippe gegeben hätte.

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«Vielleicht war das, was wir in den letzten Jahren mit Donald Trump und in den letzten Monaten mit dem Coronavirus erlebt haben, bloss ein kleiner Rückschlag – mehr nicht.»

Und so erwarteten noch vor wenigen Monaten, im März 2020, viele den Salto rückwärts: Covid-19 zerriss Lieferketten, die Nationen schotteten sich wieder ab, Grenzen gingen zu, Exportstopps wurden verhängt. Was allesamt zeigte, wie fragil das oft beschworene globale Handelssystem in Tat und Wahrheit ist. Der Nationalstaat bewies sich als Manager der Probleme. Übernationale Organisa­tionen wie EU und UN, WTO und WHO wirkten ziemlich überrumpelt. Die Privatwirtschaft musste gehorchen und auf Staatsgelder hoffen.

Aber vielleicht war das ja nur ein Schlagloch in der Fahrbahn. Vielleicht brausen wir bald weiter – hin zu einer stärker globalisierten Wirtschaft, in der grosse Konzerne wichtige Stützen sind. Und vielleicht war das, was wir in den letzten Jahren mit Donald Trump und in den letzten Monaten mit dem Coronavirus erlebt haben, bloss eine kleine Delle, mehr nicht.

Der Protektionist geht

Denn bereits hat der Wind gedreht. Nach dem ersten Corona-­Schreck fanden die Politiker rasch wieder zur Einsicht, dass Austausch mehr bringt als Grenzwälle. Der Protektionist Donald Trump wird ersetzt durch einen Politiker, der stärker auf Handel und Weltorganisationen setzt. In Asien besiegeln sie die grösste Freihandelszone der Erde.

Und vor allem durften wir in den letzten Tagen quasi live verfolgen, wer die Menschheit von der Virusgeissel befreien kann: die «Global Economy».

Sowohl bei der raschen Entwicklung von Tests als auch bei der Erforschung von Impfstoffen: Es triumphieren – auf den ersten Blick – Privatbe­triebe wie Biontech (Mainz), Moderna (Cambridge), Fosun Pharma (Schanghai) oder auch Lonza und Roche (Basel). Und da wirkt – bei tieferer Betrachtung – ein Komplex aus Forschungs-Startups, ­Universitäten, internationalen Pharma­konzernen und öffentlichem Gesundheitswesen. Viel Staat, sehr viel Unternehmertum.

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Die meisten Praktiker hatten es ja schon im Frühling bemerkt: Es gebe schlicht keine Alternative zu einem sehr freien Welthandel. Man müsse bloss lernen, die Just-in-time-Produktion sicherer zu organisieren, einzelne Waren­ströme doppelt zu führen und dafür halt etwas Effizienz zu opfern.

So lehrt uns die ­Viruskrise, dass die Kooperation vielleicht nachhaltiger und sicherer organisiert werden muss – aber auch, dass wir voneinander abhängig geblieben sind. Corona zeigt, welche Kraft die globalisierte Wirtschaft sein kann.