Wer auf die Finanzmärkte und das Kaufverhalten der Konsumenten schaut, könnte meinen, alles sei im Lot. Die Aktienkurse steigen, und die Leute geben das Geld mit vollen Händen aus, vor allem für Ferien, Unterhaltung und Restaurants.

Aber gleichzeitig ist die Inflation immer noch viel zu hoch und real schrumpfen die Einkommen. Die hohen Zinsen verteuern Firmenkredite und Hypotheken massiv. Es ist das perfekte Rezept für eine weltweite Rezession. Deutschland ist ja bereits in einer, und von China ist auch nicht viel zu erwarten. 

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Boom und Bust. Das passt irgendwie gar nicht zusammen. Dieser Widerspruch macht die aktuelle Situation so einzigartig, und es ist davon auszugehen, dass er sich nicht ganz schmerzfrei auflösen wird.

Denn der Grund für die Robustheit der Konjunktur ist der Arbeitsmarkt und die relativ komfortable finanzielle Situation der Privathaushalte. Beides hängt zusammen und hat seinen Ursachen zum Teil in der Pandemie.

Der Konsumboom ist nur möglich, weil noch so viel Erspartes aus der Zeit übrig ist, als der Konsum eingeschränkt war und die Einkommen dank der Corona-Hilfsgelder weiterliefen. Ausserdem haben sich viele Bedürfnisse wie Auslandsreisen und Besuche von Veranstaltungen aufgestaut, die jetzt nachgeholt werden – zur Not auch auf Pump, wie US-Zahlen zu den Kreditkartenschulden zeigen. Diese Kreditorgie wiederum hat nur dank dem engen Arbeitsmarkt Bestand. Wer in den Genuss von Lohnerhöhungen gekommen ist und nicht um seine Stelle fürchten muss, hat auch weniger Angst vor Schulden.

Dass praktisch überall Vollbeschäftigung herrscht und Unternehmen über Personalmangel klagen, ist ebenfalls eine Folge von Corona. Die Pandemie hat viele zur Frühpensionierung oder zur Reduktion des Pensums motiviert. Und natürlich spielt auch der demografische Wandel eine Rolle, weil jetzt die Babyboomer in Pension gehen und eine grosse Lücke im Arbeitsmarkt hinterlassen.

Jetzt, da die Konjunktur an Schwung verliert, zögern die Unternehmen damit, Personal zu entlassen, weil sie wissen, wie schwierig es ist, wieder gute Leute zu finden. Ökonomen und Ökonominnen sprechen bereits von Labour-Hoarding, also dem Horten von Arbeitskräften.

Das kann eine Weile lang gut gehen, aber nicht ewig. Die Arbeitslosigkeit bleibt zuerst tief, der Konsum stabil. Im Endeffekt bedeutet das Horten von Arbeitskräften aber, dass die Unternehmen mehr Personal einstellen, als ökonomisch sinnvoll ist.

Die in der Folge zu hohen Lohnkosten drücken auf die Profitabilität. Das heisst: Nun werden die Gewinnmargen der Unternehmen unter Druck kommen, nachdem sie diese in der Erholung zum Teil massiv ausweiten konnten. Das sind zuerst einmal schlechten Nachrichten für die Börsen, wo die Analystinnen immer noch viel zu hohe Gewinnerwartungen haben.

In zweiter Linie werden aber auch die Konsumentinnen und Konsumenten und die Gesamtwirtschaft darunter leiden, wenn die Unternehmen mangels Gewinnen die Investitionen hinunterfahren und irgendwann dann doch auch beim Personal sparen müssen. Entlassungen sind dann auch ausserhalb des Tech-Sektors unvermeidlich.

Hinzu kommt, dass der ganze Effekt der massiven Zinserhöhung auf die Wirtschaft erst mit Verzögerung zu spüren sein wird. Es macht sehr wohl einen Unterschied, ob für eine Hypothek oder einen Firmenkredit über 5 statt weniger als 2 Prozent bezahlt werden. Wir bewegen uns also auf sehr dünnem Eis.
 

rop
Peter Rohnerist Chefökonom der Handelszeitung.Mehr erfahren