Martin Pöhland hat ein Luxusproblem. Der Finanzbuchhalter von Winterthur schwimmt im Geld. «Für kurzfris­tige Kredite erhalten wir mittlerweile Geld von den Gläubigern», sagt Pöhland.

Der marktübliche Referenzsatz liegt bei –0,75 Prozent und die Eulachstadt weist ein solides AA-Finanz-Rating auf. Damit resultiert ein Risikoaufschlag von etwa 15 Basispunkten. Winterthur «zahlt» also gegenwärtig –0,6 Prozent Zins.

Mit anderen Worten: Nimmt die Stadt für ein Jahr einen festen Vorschuss von 80 Millionen Franken auf, erhält sie knapp eine halbe Millionen Franken aufs Konto gutgeschrieben. 

A-Ratings landauf, landab

Auf Pump Geld scheffeln, damit befindet sich Winterthur in bester Gesellschaft. Die unabhängige Rating-Agentur Fedafin hat 98 Prozent der Schweizer Gemeinden auf ihre Haushaltslage hin geprüft. Von den untersuchten 2'226 Kommunen haben knapp 2'000 mindestens ein A-Rating. Sie dürften auf ihren kurzfristigen Schulden bis zu einem Jahr Zinsüberschüsse erzielen können. Und auch darüber hinaus.
 

Inzwischen sind die Swap-Sätze für mehrjährige Kredite ebenfalls negativ. «Es gibt durchaus finanzstarke Gemeinden, die mehrjährige Festzinsdarlehen aufnehmen können, auf denen sie Zins bekommen, statt zu bezahlen», sagt Christoph Lengwiler von der Hochschule Luzern (HSLU). Er forscht zur Finanzierung von Gemeinden und hat festgestellt: «Kurzfristige Kredite haben im gesamten Finanzierungsmix der Kommunen zugenommen.»

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So hat sich der Anteil kurzfristiger Schulden in den Gemeinden zwischen 2009 und 2016 nahezu verdoppelt. Allerdings beträgt dieser Kurzfristanteil nur etwa 10 Prozent der Gesamtschuld. Die Zinsän­derungsrisiken sind demnach moderat.

Dennoch zeigt der deutliche Anstieg, dass sich die Gemeinden in ihrem Laufzeitenmix aufs negative Zinsumfeld einstellen, um auch von kurzfristigen Zuschüssen zu profitieren.

«Haushaltsentlastung»

So die Stadt Bern, die praktisch seit der Einführung der Negativzinsen Ende 2014 Zinserträge auf kurz­fristigen Vorschüssen schreibt. Momentan stünden bis Anfang 2020 rund 175 Millionen Franken zu Sätzen von –0,64 bis –0,79 Prozent aus. «Die Zinszuschüsse ­daraus dienen auch der Haushaltsent­lastung», sagt Daniel Schaffner.

«Für kurzfris­tige Kredite erhalten wir mittlerweile Geld von den Gläubigern.»

Martin Pöhland, Stadt Winterthur

«Wir sehen nicht, dass Kantone und Kommunen die aussergewöhnliche Lage strategisch ausnutzen würden, um gezielt Schulden zu machen.» Daniel Rupli, Credit Suisse

Auf den Gratis-Geldsegen zu verlassen mag sich der Finanzverwalter der Stadt Bern aber nicht: «Nur kurzfristig zu finanzieren, ist für uns aus Risikoüberlegungen kein ­Thema. Unsere Finanzierungsstrategie schreibt deshalb auch Mindestrestlauf­zeiten vor.» Dies garantiere eine gewisse Stabilität bei Zinsänderungen.

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Netter Nebeneffekt

Schaffners Aussagen decken sich mit ­jenen von Daniel Rupli, Leiter Aktien- und Obligationen-Research bei der Credit Suisse. «Klar wäre es attraktiv, gratis Schulden aufzunehmen, und es würde die Erfolgsrechnung entlasten. Aber wir sehen nicht, dass Kantone und Kommunen die aussergewöhnliche Lage strategisch ausnutzen würden, um gezielt Schulden zu machen beziehungsweise Überschüsse dank Negativzinsen zu erzielen.» Vielmehr spricht er von einem «netten Nebeneffekt».

Und ein weiterer Banker fügt an: Die Budgetdisziplin sei intakt und vielerorts wirkten die Schuldenbremsen disziplinierend. «Die öffentliche Hand nimmt nicht einfach fremdes Geld auf Vorrat.» Zumal der Finanzierungsbedarf im jetzigen ­Ertragsumfeld bescheiden sei, wo die Kantone dank sprudelnden Steuereinnahmen ihre Investitionen aus eigener Kraft stemmen können.

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Die Begehrlichkeiten der Politik

So betrug der Selbst­finanzierungsgrad gemäss Fachgruppe für kantonale Finanzfragen im letzten Jahr über alle 26 Kantone gesehen stolze 137 Prozent. Budgetiert waren übrigens 64 Prozent.

Und auch fürs Budget 2019 malen ­Säckelmeister erneut schwarz: Mit prognostizierten 74,2 Prozent würden die Kantone nicht alle anstehenden Investi­tionen aus eigenen Steuer- und Gebühreneinnahmen decken können. «Dieses Vorsichtsprinzip der Finanzdirektoren soll wohl vor allem die Begehrlichkeiten der Politik zügeln», meint der Banker.

Er macht zudem seit längerem eine «eher ­bescheidene Emissionstätigkeit» für öffentliche Anleihen aus.

40 Jahre, Null Zinsen

Nicht zuletzt, weil viele Städte und Kantone über die Jahre aus dem Vorsichtsprinzip hohe Cash-Bestände hielten. «In Zeiten von Strafzinsen auf Überschuss­liquidität werden zunächst die betriebsnotwendigen Mittel reduziert, was den Kreditbedarf zusätzlich vermindert hat.» Doch auch bei einer allfälligen Fremdmittelaufnahme zeigen sich die Säckelmeister von ihrer konservativen Seite. Die öffent­liche Hand setzt nämlich vermehrt auf sehr langfristige Finanzierungen.

«Wir überlegen uns, zu gegebener Zeit auch einen solchen Langläufer zu platzieren.»

Daniel Schaffner, Stadt Bern

«Wir ­beobachten am Kapitalmarkt, dass die durchschnittliche Laufzeit in den letzten Jahren stark angestiegen ist», sagt CS-­Kreditexperte Rupli. Nicht zuletzt institutionelle Anleger wie Versicherungen würden aufgrund ihrer Bilanzstruktur solche «Langläufer» gerne nachfragen. 

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Jüngst hat der Kanton Genf beispielsweise eine vierzigjährige Anleihe zu einem Nullzins-Coupon erfolgreich emittiert. Und auch die Stadt Lausanne muss 35 Jahre lang bloss einen Zins von 0,05 Prozent auf ihren Schulden am Kapitalmarkt entrichten. Andere öffentliche Körperschaften folgen dem Beispiel. «Aufgrund des hohen anstehenden Investitionsvolumens überlegen wir uns, ob wir zu gegebener Zeit auch einen solchen Langläufer platzieren wollen», sagt beispielsweise der Berner ­Finanzverwalter Schaffner. Auch seien Anleihen günstiger als Privatplatzierungen. 

«Wir können transparent adressieren»

Zusätzlich zum attraktiven Zinsumfeld helfen neue, digitale Finanzierungsplattformen wie Loanboox oder Cosmofunding, den Zinsaufwand für Städte und Gemeinden zu reduzieren. Dies, indem sie kostengünstig den Finanzbedarf der Kommunen mit der Nachfrage institutioneller Anleger abgleichen.

Die Plattformen hätten sich positiv bewährt, sagt Martin Pöhland von der Stadt Winterthur: «Wir können transparent einen grösseren Kreis von potenziellen Investoren adressieren. Dank der erhöhten Nachfrage sinkt der Zinsaufwand und zugleich können wir grössere Volumen finanzieren.»

Auch die Stadt Bern schreibt alle kurz- und langfristigen Finanzierungen zusätzlich zu den herkömmlichen Kanälen über die digitalen Vermittler aus.

Plattformen heizen Wettbewerb an

Entsprechend florieren die Schuldnerbörsen. Allein über Loanboox wurden in den letzten drei Jahren Kredite im Umfang von 11 Milliarden Franken abgeschlossen. Das durchschnittliche Volumen pro Anfrage betrug 14 Millionen Franken. Auch die Zürcher Bank Vontobel hat mit ­Cosmofunding im Oktober 2018 eine ­Vermittlungsplattform lanciert, die bereits 1,1 Milliarden Franken platzieren konnte. «Die Emittenten kommen überwiegend aus den Segmenten Gemeinde, Kantone, Städte», sagt Sprecher Urs Fehr.

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Die Mehrheit der Deals verfügt über eine Laufzeit von bis zu einem Jahr und wurde zu ne­gativen Zinssätzen abgeschlossen. Zuge­lassen seien nur institutionelle Investoren, welche mehrheitlich aus dem Banken- und Pensionskassensektor stammen.

Die öffentlichen Schulden sind jedenfalls heiss begehrt. «Es herrscht ein scharfer Wettbewerb zwischen institutionellen Anlegern (Pensionskassen, Versicherungen) und den Banken um die Schulden von Gemeinden, Städten und Kantonen», sagt HSLU-Forscher Lengwiler.

Denn die Banken müssen bei der Nationalbank für Liquidität, die einen definierten Freibetrag übersteigt, 0,75 Prozent Negativ­zinsen bezahlen. Sie geben diese den ­institutionellen Anlegern weiter, denen für Überschussliquidität Negativzinsen belastet werden, die durchaus bis zu 1,25 Prozent erreichen können. Insofern sei es für Banken wie Institutionelle ein «lohnenswertes Geschäft», so Lengwiler, selbst wenn sie feste Vorschüsse oder Darlehen den öffentlichen Körperschaften zu Negativzinsen vergeben müssten.

Der Anlagenotstand bei sicheren Assets beschert den Gemeinden also goldene Zeiten.