Was bedeutet der Begriff Futurist?
Gerd Leonhard*: Der Begriff ist ja eher amerikanisch, bei uns üblich ist Zukunftsforscher. Aber als Forscher im akademischen Sinn würde ich mich nicht unbedingt bezeichnen. Für mich bedeutet ­Futurist zu sein eher, mit meinen Klienten die Zukunft gemeinsam zu entdecken, damit sie sich besser neu erfinden können. Vielleicht wäre Zukunftsberater in meinem Fall die bessere Übersetzung.

Und was macht ein Zukunftsberater?
Ich arbeite mit Firmen, die erkennen, dass in fünf bis sieben Jahren ihr Geschäftsmodell abgeflaut oder gar obsolet sein wird und sie jetzt etwas tun müssen. Ich mache mit den CXO dieser Firmen quasi ein Zukunftstraining; eine Art von Zukunftstherapie. Das heisst aber eben nicht, dass wir unseren Klienten die Zukunft zeigen, also ihnen eine Art von Rezept abgeben. Vielmehr erarbeiten wir den Kontext von ihren relevanten Themengebieten. Beispiel Pharmaindustrie: Wir diskutieren den Trend «beyond the pill», also was nach der klassischen Behandlung mit Pillen potenziell passieren wird. Oder die Tatsache, dass Biologie jetzt mit Technologie verschmilzt. Und dann können unsere Klienten ihre eigenen Möglichkeiten entdecken. Es ist vielmehr ein Discovery-Prozess als ein striktes Rezept, denn es gibt kein Rezept für die Zukunft, sondern sie wird von uns jeden Tag neu erfunden.

Sie sagen: «Die Menschheit wird sich in den nächsten zwanzig Jahren stärker verändern als in den letzten dreihundert.» Wie gelangen Sie zu dieser Hypothese?
In den letzten zehn Jahren haben wir unglaubliche technologische Fortschritte machen können. Intelligente Roboter, selbstfahrende Autos, automatische Sprachübersetzung und viel mehr hat sich von Science-Fiction zu «Science-Fact» ­gewandelt. Viele Schwellenpunkte der Wissenschaft, wie zum Beispiel künstliche Intelligenz, sind überschritten worden. Auch die Vernetzung, das Internet der Dinge, Hochleistungscomputer sind heute Realität oder beinahe so weit – kurz vor dem Take-off-Punkt der exponentiellen Kurve der Veränderungen.

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Worin liegt der Unterschied zur industriellen Revolution?
Im Gegensatz zur industriellen Revolution ist es heute so, dass wir an dem Punkt sind, den Mensch selber zu verändern. Sowohl psychologisch als auch biologisch. Die Dampfmaschine hatte auf den Mensch als solchen nicht so einen Einfluss. In zwanzig Jahren aber könnten wir hybride Mensch-Maschinen haben. In gewisser Weise haben wir das schon mit den mobilen Geräten als Verlängerung unserer Gehirne. Nur sind die elektronischen Devices noch aus­serhalb des menschlichen Körpers. Noch. Die aktuellen technologischen Entwicklungen laufen exponentiell ab und verstärken sich gegenseitig, sodass wir uns die Welt in zwanzig Jahren heute noch gar nicht ausmalen können.

Wie sieht das auf das Arbeitsumfeld ­bezogen konkret aus?
Heute können Maschinen längst nicht alles, was Menschen können. Aber die Lücken in der Sprach- oder Gesichtserkennung stehen kurz davor, geschlossen zu werden. Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden. In den nächsten 10 bis 15 Jahren sind wir so weit, dass Roboter rund die Hälfte aller Jobs für uns erledigen können. Routinearbeiten wie Buchhaltung, juristische Fallanalyse, Flugzeuge fliegen, Diagnostik … Ich betone hier das Wort können. Es ist eine soziale Frage, ob wir das akzeptieren sollen oder nicht. Aber theoretisch können die Maschinen dies effizienter, klaglos und für einen Bruchteil der Kosten.

Wie definieren wir zukünftig Business-­Excellence?
Heute verstehen wir darunter meist Effizienz. In Zukunft wird Business-Excellence bedeuten, anderweitig Wert zu schaffen, einen «purpose» zu verfolgen und individualisierbare Services in Form von Erfahrungen anzubieten. Airbnb bietet beispielsweise «Entdeckungen» an. Sie können jetzt in Barcelona, als Teil der Wohnungsmiete, die Flamencogruppe zum Auftritt begleiten.

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Wie verändert dies die aktuellen ­Geschäftsmodelle?
Gewisse Firmen beziehungsweise Geschäftsmodelle sind sicher Auslaufmodelle. Andere müssen lernen, die exponentielle Technologiekurve verstehen und von der Zukunft her zurückdenken zu können. Zum Beispiel im Bereich Automobile: Benzinmotoren sind in fünf Jahren passé. Und die Batterien von Elektroautos werden früher oder später ein Jahr halten. Wer also heute Kupplungen herstellt, weiss, dass das in fünf Jahren vorbei ist. In der Konsequenz muss er sich überlegen, was er dann macht.


Wie können sich Firmen für diese Zukunft wappnen?
Voraussicht schafft Raum für neue Entwicklungen. Neue Kreationen können aus der Zukunft abgeleitet und bereits parallel zu den bestehenden Tätigkeiten angegangen werden. Wir nennen das «hybrid thinking»: Heute sowohl das tun, was aktuell möglich ist, als auch damit anfangen, was zukünftig erst möglich sein wird. In der Schweiz haben gerade viele KMU die Einstellung: Wir wollen trotz der digitalen ­Revolution erfolgreich sein. Es ist genau anders herum. Wegen dieser muss man erfolgreich sein. Die Zukunft ist nicht mehr ein Zeitraum, sondern eine Denkweise. Business as usual is dead.

Wie kann ich mich als Arbeitnehmer auf diese Situation vorbereiten?
Die beste Antwort ist sicher, immer weiterzulernen, neu zu lernen und Neues zu entwickeln. Bis heute lernen die Kinder in den Schulen leider nur, bessere Roboter zu sein. Wer komplizierte ROI-Berechnungen von Hand in Echtzeit durchführt, wie das heute noch gelehrt wird, der kann im Business gar nicht bestehen. Mensch­liche Qualitäten wie Intuition und Flexibilität, Kreativität, Verhandeln, Erfinden, Diskutieren und vernetztes Denken werden benötigt. Es kann befreiend wirken, wenn Menschen nur noch solche Dinge tun.

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Aber es wird definitiv weniger Jobs geben?
Ja, sicherlich werden wir Jobs verlieren, die auch nie mehr zurückkommen werden. Das Ausmass der Veränderungen ist viel grösser als bisher, da Computer unbegrenzt leistungs- und lernfähig sind. Wir werden eine Krise von technologischer Arbeitslosigkeit erleben, vor allem in der Phase, in der die alten Jobs schon weg sind, die neuen aber noch nicht da.

Wie gehen wir als Gesellschaft damit um?
Wir müssen den sozialen Wandel aktiv begleiten über ihn entscheiden und. Die Leute, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, müssen versorgt und umgeschult werden. Aus­serdem müssen im Bereich Bildung drastische Veränderungen angestossen und neue Berufe kreiert werden. Von den Jobs in zehn Jahren existieren rund 70 Prozent heute noch nicht. Und trotzdem werden wir nicht genug Arbeit im klassischen Sinn haben.

Und dann?
Früher oder später wird es dadurch zur Entkopplung von Arbeit und Einkommen kommen. Denn durch den Einsatz von Technologie werden einige Dinge wie Energie oder medizinische Versorgung in Zukunft so teuer sein wie Spotify heute. Das bedingungslose Grundeinkommen wird zur Realität. Firmen müssen zur Verantwortung gezogen werden, zum Beispiel in Form einer Automatisierungs- und Robotersteuer. Staaten müssen sich auf einheitliche Regulierungen über Datennutzung einigen. Technologische Möglichkeiten sind neutral, bis wir sie anwenden.

Gerd Leonhard (55), ist Futurist und Keynote-Speaker, Autor von fünf Büchern und CEO von The Futures Agency, einem internationalen Netzwerk für führende Futuristen und Zukunftstrainer. Zuvor verbrachte er 17 Jahre als Musiker, Produzent und Internet-Entrepreneur in den USA. Er berät Firmen dabei, sich optimal auf mögliche Zukunftstrends vorzubereiten und entwickelt entsprechende Programme.

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