2020 ist ein Wendejahr: Es markiert den Beginn einer anderen Epoche, die alles umkrempeln wird – Volkswirtschaften, Finanzmärkte, Politik und ganz allgemein unseren Lebensstil. Diese These vertritt ein neues Forschungspapier der Deutschen Bank. Es skizziert ein «Zeitalter der Unordnung», welches das «Zeitalter der Globalisierung» (1980 bis 2020) ablösen wird.

Laut dem DB-Team unter Führung von Jim Reid – Leiter der Global Fundamental Credit Strategy im Range eines Managing Director – war vieles davon schon länger und tiefer angelegt: Die Coronakrise bildet nun höchstens noch den Auslöser. Als wichtigste wirtschaftliche Facetten werden genannt:

  • Die derzeit hohen Vermögens-Bewertungen – ob bei Aktien, Obligationen oder Immobilien – sind zerbrechlich. Sie dürften sich grundsätzlich nicht halten lassen.
  • Sowohl Staaten als auch Unternehmen werden sich weiter verschulden. Man wird sich daran gewöhnen (müssen), dass freizügige Ideen wie Helikoptergeld und die Modern Monetary Theory zum Mainstream wird.
  • Die neue «Era of Disorder» wird geopolitisch geprägt sein durch den Konflikt zwischen den USA und China. Denn das Reich der Mitte wird seine historische Rolle als wirtschaftliche Führungsmacht der Welt wieder neu betonen. Dabei drohe beides – ein «Clash of Cultures» zwischen dem liberalen Westen und der kommunistischen Volksrepublik. Aber auch ein «Clash of Interests». 
  • Für die Europäische Union steht laut dem DB-Thesenpapier eine entscheidende Dekade an: Make or break? Findet Europa stärker zusammen oder treibt es weiter auseinander? Die bisherige Politik des Durchwurstelns werde sich kaum noch halten lassen. Der Corona-Wiederaufbaufonds deute auf eine weitere Integration hin. Andererseits dürften sich die ökonomischen Gräben in und nach dieser Krise noch verschärfen. Was die Fliehkraft verstärken würde.
  • Inflation oder Deflation? Die Preisentwicklung dürfte uns in der Ära des Durcheinanders stärker beschäftigen, so die Deutschbanker. Denn so oder so werde sich das Preisniveau nicht mehr so einfach steuern lassen wie in den letzten Jahrzehnten. Und es könnte bald eine «neue Generation» ans Ruder kommen, die eher bereit ist, Inflation zu tolerieren – denn die würde helfen, die geerbten Schuldenberge abzutragen. 
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Ray Dalio sagt: Das Ende ist nah, kaufen Sie Gold. Der Hedgefund-Magnat prophezeit, dass die Wirtschaft in eine neue Ära eintritt. 

  • Die Ungleichheit verschärft sich. Was dann aber zu einem «Backlash» führt. Zum Beispiel in Form von höheren Steuern für Reiche.
  • Die Generationenkonflikte werden schärfer. Spätestens wenn die Millennials zur Altersgruppe an den Lenkstangen der Gesellschaft werden, könnte eine Umverteilung einsetzen. Die heute 25- bis 40jährigen befinden sich strukturell in einer benachteiligten Situation: Sie spüren die Krise besonders, ihre Aussichten sind eher trübe, auch im Hinblick auf die Pensionierung. Sie werden darauf drängen, mehr Mittel auf ihre Seite zu lenken – etwa via Erbschaftssteuern, Liegenschaften-Taxen oder via Kürzungen bei den Pensionen.

«Der vielleicht grösste Fehler in den kommenden Jahren könnte es sein, einfach vergangene Trends zu extrapolieren».

Aus dem zitierten Paper
  • Immer noch revolutionär wirkt die Entwicklung bei der Technologie, so die Studie weiter. Wobei unklar ist, ob wir es mit einer Blase zu tun haben oder tatsächlich mit einer Revolution, die noch weitergetrieben wird. Ein wichtiger Aspekt fürs Zusammenleben wird sein, ob Heim- und Telearbeit tatsächlich normaler und häufiger werden. Dies würde die ganzen Gesellschaften sehr stark verändern. Die grossen Städte – die grosse Gewinner der «Ära der Globalisierung» waren –, würden beispielsweise wieder an Bedeutung verlieren.

Allgemein ist das Papier auch eine Bilanz der Finanzmärkte, und sein Fazit ist ernüchternd: Das Zeitalter der Globalisierung war einmalig – es war «the best combined asset price growth» in der Geschichte. Es sei unwahrscheinlich, dass solch eine Performance im neuen Zeitalter des Durcheinanders aufrechterhalten werden kann.

Natürlich sind solche Gross-Szenarien mit der üblichen Vorsicht zu geniessen. Sie werfen aber ein Licht auf einen entscheidenden Punkt: nämlich dass es in der Weltwirtschaft manchmal zu fundamentalen Erschütterungen – zu Paradigmenwechseln – kommt. Und dass die Erfahrungen und Regeln, die zuvor jahrzehntelang gültig gewesen waren, plötzlich nicht mehr viel wert sind.

Oder anders: Wer einfach die Erfahrung der letzten drei oder vier Jahrzehnte extrapoliert, dürfte in den chaotischen Zeiten, die kommen, öfters falsch liegen.

(rap)

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