Wenn die Finanzminister und Notenbankchefs der Weltgemeinschaft am Wochenende im saudi-arabischen Riad zusammenkommen, stehen sämtliche ihrer Prognosen und Beschlüsse unter erheblichem Vorbehalt. Denn angesichts der rasanten Ausbreitung der neuartigen Lungenepidemie durch das Coronavirus Sars-Cov-2 sind alle Aussagen über die nahe Zukunft derzeit extrem schwierig.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) beispielsweise warnt in seinem aktualisierten Ausblick, dass die prognostizierte Konjunkturerholung sehr fragil ist. Zwar haben die IWF-Ökonomen ihre offizielle Prognose bisher nicht gestutzt. Mittelfristig, so warnen sie, werde das weltweite Wachstum aber unter seinem historischen Durchschnitt bleiben. Die Abwärtsrisiken für China – und damit auch für den Rest der Welt – überwiegen.

Alle schauen auf die chinesische Wirtschaft

Entscheidend für den weiteren Verlauf ist vor allem, wie sehr das neuartige Virus und seine Folgen die chinesische Wirtschaft treffen. Das Land, in dem die neue Epidemie vermutlich bereits im Dezember ihren Ausgang nahm, ist nach wie vor am stärksten betroffen. Nach Angaben der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität sind bisher rund 75‘200 Menschen an dem Virus mit der Bezeichnung Sars-CoV-2 erkrankt, davon 74‘200 in China.

Schon ausserhalb von Krisenzeiten ist eine Einschätzung der wahren Stärke der chinesischen Wirtschaft schwierig. Ungefilterte Informationen, die nicht von der Zentralregierung in Peking freigegeben wurden, sind selten.

Viele Analysten bauen sich daher ihre eigenen Wachstumsindikatoren, die zum Beispiel aus Daten zum Energieverbrauch oder aus Handelsinformationen bestehen. Diese Hilfsindizes werden auch jetzt wieder bemüht, wenn es darum geht, eine Einschätzung über das wahre Ausmass der wirtschaftlichen Folgen durch Sars-CoV-2 zu bekommen.

Immerhin trägt China mittlerweile rund 17 Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei. Und wer die Richtung der Weltwirtschaft kennt, kann damit viel Geld verdienen.

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So belastet das Coronavirus die Swiss

Für die Airline werden die Folgen bereits spürbbar. Mehr hier (HZ+).

Entsprechend kreativ bemühen sich viele professionelle Investoren derzeit, selbst aus zunächst ziemlich abseitig wirkenden Indikatoren noch halbwegs valide wirkende Informationen über den wahren Zustand der chinesischen Ökonomie herauszulesen. Bisher ist das Ergebnis dabei relativ eindeutig: Egal auf welches Barometer man derzeit schaut – sie weisen alle ausnahmslos nach unten.

Ein Beispiel dafür ist das chinesische Passagieraufkommen. Dieses ist gegenüber dem Vorjahr um 85 Prozent eingebrochen, und eine Erholung von diesem dramatischen Einbruch ist bisher nicht in Sicht. Statt der täglich 80 Millionen seien derzeit nur noch 18 Millionen Chinesen auf Reisen unterwegs.

Für die Auguren ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sich Chinas Wirtschaft weiterhin im Bann der Angst befindet. Seit dem Ausbruch sind mehrere Millionenmetropolen, allen voran Wuhan, wo die neue Seuche ihren Ausgang nahm, abgeriegelt.

Nicht nur das Reisen ist deutlich erschwert

Das erschwert nicht nur das Reisen innerhalb Chinas. Zugleich gibt es Reisewarnungen für das Land, und mehrere Staaten, darunter die USA, verwehren Reisenden aus China aus Angst vor Ansteckung derzeit die direkte Einreise.
Wie sehr die Folgen der Epidemie den Alltag in der zweitgrössten Ökonomie der Welt zum Erlahmen gebracht haben, zeigen nicht nur Fotos und Videos aus Wuhan oder Berichte über ein geradezu verwaist wirkendes Peking, sondern auch Daten zu Restaurantbesuchen oder zur Strassennutzung.

Grafik zum Verkehrsaufkommen in China: Wegen des Coronavirus verkehren täglich nur 18 und nicht wie sonst üblich 80 Millionen Chinesen.

Wegen des Coronavirus sind nur 18 – und nicht wie üblich 80 – Millionen Chinesen jeden Tag unterwegs.

Quelle: welt.de

Das Forschungsunternehmen BigOne beispielsweise will laut der «Financial Times» errechnet haben, dass bereits Anfang Februar insgesamt 83 Prozent der insgesamt eine Million von BigOne regelmässig beobachteten Lieferrestaurants geschlossen waren. Und von den 5500 Filialen von Luckin Coffee, eine Art chinesisches Starbucks, seien Mitte Februar 87 Prozent geschlossen gewesen.

Sichtbar wird die Flaute in China auch am Energieverbrauch des Landes. Dieser ist seit dem chinesischen Neujahrsfest Ende Januar, anders als sonst üblich, nicht wieder angezogen, sondern sogar weiter gefallen. Der Kohleverbrauch, der in «normalen» Jahren 50 Prozent nach den Feiertagen zulegt, ist wegen der brachliegenden Fabriken um rund ein Fünftel gefallen.

«Alle Indikatoren zeichnen ein sehr ähnliches Bild einer Wirtschaft, die jedes Mal um das Neujahrsfest herum zum Stillstand kommt, sich aber seitdem kaum erholt hat», sagte Gareth Leather, Asienökonom bei Capital Economics, der «Financial Times».

Löst das Coronavirus eine weltweite Rezession aus?

Auch andere Ökonomen schlagen Alarm. Beispielsweise der frühere IWF-Ökonom Eswar Prasad, der heute für die Denkfabrik Brookings arbeitet. Er stellt die provokante Frage, ob die Folgen des Virus eine globale Rezession auslösen könnten. «Die zweitgrösste Ökonomie der Welt ist fast zum Stillstand gekommen», sagt Prasad. Das habe auch Folgen für die globale Konjunktur.

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Noch beruhigen sich Mediziner, aber eben auch Ökonomen damit, dass der Ausbruch von Sars-Cov-2 bisher weitgehend auf China begrenzt ist. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sah bisher noch keinen Anlass dafür, eine weltweite Pandemie auszurufen. Entscheidend ist für die Gesundheitsexperten dabei vor allem, ob sich das Virus auch unabhängig von dem Geschehen in China in anderen Ländern verbreitet.

Sollte das trotz aller Vorsichtsmassnahmen tatsächlich passieren, hätte das auch erhebliche Folgen für die Weltwirtschaft. So schätzen die Ökonomen von Oxford Economics, dass die globale Wirtschaftsleistung im Falle einer globalen Pandemie um 1,1 Prozent einbrechen könnte.

Das entspricht ungefähr einem globalen Wohlstandsverlust von einer Billion Dollar gegenüber der bisherigen Schätzung. Sollte die Pandemie auf Asien beschränkt bleiben, würden die Folgen des Virus lediglich 0,5 Prozent des globalen BIP kosten, rund 400 Milliarden Dollar.

Wie sich das Coronavirus auf die Weltwirtschaft auswirkt

Die Folgen für die einzelnen Länder. Mehr hier.

Doch noch sei die ökonomische Krise weitgehend auf China beschränkt, schreiben die Ökonomen. Sollte das so bleiben, würden sich die Folgen für die Weltkonjunktur in Grenzen halten. Oxford Economics hat seine Wachstumsprognose daher bislang lediglich um 0,2 Prozent gesenkt.

Konkurrent IHS Markit erwartet ebenfalls nur einen kleinen Einbruch. Sollten rasch politische Gegenmassnahmen verabschiedet werden, käme die globale Konjunktur mit einem kleinen Minus von 0,1 Prozentpunkten davon, urteilen die Experten dort.

Die Börse stellt weiter munter Rekorde auf

Ein solches Szenario schwebt wohl auch den Finanzmärkten vor. Trotz all der Unsicherheiten zum Virus markieren die Börsen beinahe täglich neue Rekorde. Es scheint bisher offenbar auch niemanden zu stören, dass 138 der 500 S&P-Unternehmen in der jüngsten Gewinnsaison vor den Auswirkungen des Virus auf die Gewinne gewarnt haben.

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Zur Wochenmitte traten auch deutsche Konzerne wie Adidas und Puma vor ihre Aktionäre. Doch trotz drastischer Einbrüche im China-Geschäft haussierten die Aktien der Sportartikelhersteller. Fast scheint es, als ob die Anleger die Ersatzindikatoren aus China für relativ unerheblich halten. Was an den Börsen zählt, ist das Geld – und das ist nach wie vor im Überfluss vorhanden und fliesst weiterhin in Aktien.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: Im Bann der Angst.