Volkswirtschaftlich ist die Coronakrise die grösste Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der konjunkturelle Einbruch ist doppelt so tief wie in der Finanzkrise und erfolgt in deutlich kürzerer Zeit. Nach den Prognosen von Union Investment wird das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone im Jahr 2020 um 8,5 Prozent schrumpfen.

Jens Wilhelm ist Mitglied des Vorstands der Union Asset Management Holding AG und Chief Investment Officer.

Besonders gravierend dürften die Folgen in Italien (-11,7 Prozent) und Spanien (-11,5 Prozent) ausfallen. Selbst die USA, in den vergangenen Jahren der Hort wirtschaftlicher Stabilität, werden mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 7,0 Prozent hart getroffen. Unsere Schätzungen lassen einen Anstieg der US-Arbeitslosigkeit auf annähernd 20 Prozent erwarten – ein beispielloser Vorgang in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte.

Massnahmen stärker als bei Finanzkrise

Die konjunkturelle Talsohle dürfte bereits im zweiten Quartal 2020 erreicht werden. Das Volumen der geld- und fiskalpolitischen Massnahmen ist höher als in der Finanzkrise und verfehlt seine Wirkung nicht. Das Schlimmste an den Märkten liegt hinter uns. Zwar ist mit einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen im Herbst 2020 zu rechnen. Aber: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sind viel besser vorbereitet und sollten nicht mehr überrascht sein.

Die Folgen einer zweiten Welle werden daher für die Kapitalmärkte deutlich geringer ausfallen. Einen schnellen, V-förmigen Aufholprozess ist jedoch nicht zu erwarten. Die Erholung wird im zweiten Halbjahr 2020 einsetzen, aber sie wird flach verlaufen.

Es ist mit moderatem Wachstum zu rechnen - zunächst ohne Inflationsdruck. Die Sorge vor einem schnellen Anstieg der Inflation ist unbegründet. Zwar kann es nach bei einigen Gütern krisenbedingt vorübergehend zu steigenden Preisen kommen. Aber mittel- bis langfristig ist mit einer anhaltenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrageschwäche zu rechnen, in deren Folge der Inflationsdruck gedämpft wird.

Rückkehr zur Austerität?

Wesentliche Stützpfeiler der Krisenbekämpfung sind die Hilfsmassnahmen von Regierungen und Notenbanken. Geld- und fiskalpolitisch wurde in der Coronakrise vieles richtig gemacht. Es ist damit zu rechnen, dass auch künftig der wirtschaftspolitische Fokus auf Wachstumsförderung und nicht auf Bekämpfung öffentlicher Haushaltsdefizite liegen wird. Eine Rückkehr zur Austerität wird es so schnell nicht geben. Vor uns liegen Jahre mit strukturell erhöhten Schuldenquoten der öffentlichen Hand.

Um die Tragfähigkeit der weltweiten Staatschulden zu gewährleisten, ist eine weitere geldpolitische Unterstützung zu erwarten. Die Zentralbanken werden ihre Gläubigerrolle im Markt für Staatsanleihen ausbauen und auf Jahre hinaus die Renditen drücken. Besonders wichtig ist diese Hilfe für den Euroraum: Bereits vor Corona war die wirtschaftliche Lage von Ländern wie Italien angespannt.

Durch die Wachstumseinbussen und die konjunkturpolitischen Gegenmassnahmen verringert sich daher die Schuldentragfähigkeit. Mit den Massnahmen der Europäischen Zentralbank und den Vorschlägen für einen Wiederaufbaufonds wurde dieses Problem wirkungsvoll adressiert. Die politischen Risikoprämien für Anlagen im Euroraum werden sinken. Das dürfte auch den Aussenwert des Euro unterstützen.

Beschleunigung der Trends

Es muss von einer weiteren Verlangsamung der Globalisierung ausgegangen werden: Eine gross angelegte Rückverlagerung industrieller Fertigung in die westlichen Länder wird es nicht geben. Aber bei kritischen Gütern wie Schutzausrüstung oder Impfstoffen werden die Regierungen auf den Ausbau heimischer Produktionskapazitäten dringen. Zudem haben die Unternehmen Erfahrungen in der Krise gesammelt.

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Die Coronakrise hat die Anfälligkeit globaler Lieferketten schonungslos offengelegt. Daraus werden die Unternehmen lernen. Im Ergebnis sollte sich der bereits seit einigen Jahren anhaltende Trend abnehmender Wachstumsraten im internationalen Handel beschleunigen. Die Globalisierung verliert als Wohlstands- und Wachstumstreiber an Kraft. Auch auf der Marktstrukturseite ist mit weitreichenden Folgen der Pandemie zu rechnen: Starke Unternehmen werden gestärkt. Gleichzeitig werden bereits angeschlagene Unternehmen vermehrt aus dem Markt ausscheiden. Eine höhere Konzentration wird in vielen Branchen die Folge sein.

Dort gibt es perspektivisch die Chance auf höhere Margen und Gewinne. Bei der Auswahl von Aktien und Unternehmensanleihen gilt es diese Verschiebung zu beachten. Qualität wird sich mehr denn je auszahlen. In diesen Fällen sind auch historisch hohe Bewertungsniveaus gerechtfertigt. Nachhaltiges Investieren gewinnt weiter an Bedeutung. Anleger stossen beim Umgang mit der Pandemie allenthalben auf Nachhaltigkeitsfragen. Das fängt bei der wachsenden Attraktivität der Gesundheitsbranche an und hört bei Aktionärsrechten auf virtuellen Hauptversammlungen auf. Nachhaltigkeit wird die Geldanlage der Zukunft stark prägen.

Risikoanlagen bleiben favorisiert

Trotz der Unsicherheiten rund um das Coronavirus sind die Anlagetrends der vergangenen Jahre bestätigt. Das Negativ- bzw. Niedrigzinsumfeld hält nicht nur an, es verschärft und verbreitert sich sogar. Investoren sieht er daher mehr denn je von einem Anlagenotstand bedroht. Sichere Staatsanleihen werfen nach wie vor kaum Verzinsung ab. Hinzu kommt das massiv steigende Emissionsvolumen im Zuge der anziehenden Staatsverschuldung, was das Performancepotenzial begrenzt.

Gerade unter Chance-Risiko-Aspekten zählen daher Unternehmensanleihen zu den Anlagefavoriten. Die grössten Anlagechancen bieten nach wie vor Aktien. So ist dem DAX auf Sicht von zwölf Monaten einen Anstieg auf 13’300 Punkte zuzutrauen. Es kommt aber mehr denn je auf die sorgfältige Titelauswahl an. Auch Rohstoffe sind attraktiv, wenn auch volatil: Der Ölpreis ist durch Angebotsbeschränkungen und schwache Nachfrage gedeckelt. Edel- und Industriemetalle bieten hingegen noch günstige Einstiegsgelegenheiten. 

Corona wird zu einem Dekadenthema, dessen Konsequenzen genauso dauerhaft sein werden wie die Folgen der Finanzkrise. Die wichtigste Wirkung der Pandemie liegt in der Verstärkerrolle von Trends. Die Krise beschleunigt bereits vorher angelegte Trends wie Deglobalisierung, Marktkonzentration und Nachhaltigkeit. An der Börse schafft Corona Gewinner wie Technologieaktien und Verlierer wie die Luftfahrt- oder Tourismusbranche. Anleger können sich diese Entwicklungen durch aktives Management zunutze machen.