Chinas Wirtschaft leidet offensichtlich mehr unter den Lockdowns, als die Regierung zugeben mag. Das zeigen die Daten mehrerer Firmen, die Satellitenbilder auswerten.

Laut Satellitendaten ist die Hafenaktivität in China unter das Niveau des ersten Coronavirus-Ausbruchs im Jahr 2020 gesunken. Gleichzeitig ist die Bautätigkeit stark zurückgegangen, was beides darauf hindeutet, dass sich auch die offiziellen Wirtschaftszahlen verschlechtern werden.

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Satellitenbilder werden zu einem wichtigen Echtzeit-Dateninstrument, um die Auswirkungen des schlimmsten Coronavirus-Ausbruchs in China seit 2020 zu messen. Offizielle Zahlen werden nur monatlich veröffentlicht und geraten zunehmend in Zweifel, da Peking am ehrgeizigen Wachstumsziel von etwa 5,5 Prozent festhält, obwohl die Covid-Zero-Politik wichtige Wirtschaftszentren wie Shanghai zur Schliessung gezwungen hat.

Lagerbestände wachsen im Lockdown

Das in San Francisco ansässige Unternehmen SpaceKnow, das die Aktivitäten von mehr als 1300 Fabriken aus dem Weltraum verfolgt, meldete, dass die Produktionsleistung während der Schliessungen im März und Anfang April hoch blieb, obwohl sich die Lagerbestände aufbauten. Dies ist wahrscheinlich ein Zeichen für logistische Engpässe, da die Beschränkungen durch das Coronavirus zu erheblichen Unterbrechungen und einem Mangel an Lastwagen führen, die Waren zu den Häfen und im ganzen Land transportieren können. 

Die Daten von SpaceKnow und dem chinesischen Unternehmen Four Squares Technology, das die Aktivität auf Baustellen mit Hilfe von Satelliten verfolgt, zeigen erhebliche Einbrüche in den Häfen und im Baugewerbe. Die mit Hilfe von Satellitenbildern erfassten Aktivitäten im verarbeitenden Gewerbe und im Einzelhandel scheinen jedoch den bisherigen Trend der offiziellen Daten zu bestätigen.

Binnenschiffsverkehr unter dem Stand von 2020

Die landesweite Fabrikproduktion entsprach den normalen saisonalen Mustern, obwohl die Daten zeigen, dass die Produktion während des grössten Teils des März unter dem Durchschnitt lag, so SpaceKnow. 

Ganz anders sieht es in den chinesischen Häfen aus, wo die Aktivität wieder auf das niedrige Niveau während der Lockdowns im Jahr 2020 zurückgegangen ist. Der Binnenschiffsverkehr liegt laut SpaceKnow derzeit deutlich unter dem Tiefstand vom Januar 2020.

Es gibt zudem Anzeichen dafür, dass sich die Lagerbestände in den Fabriken auftürmen. Laut SpaceKnow stauen sich Waren in den Exportlagern, während sich die für den Inlandsverbrauch bestimmten Autos in den Vertriebszentren stapeln, was darauf hindeutet, dass Autos zwar hergestellt, aber nicht verkauft werden.

Weniger Autos vor Einkaufszentren

Die Nachfrage im Einzelhandel ist seit der Verschärfung der Beschränkungen in Grossstädten wie Shanghai und Shenzhen am 13. März stark zurückgegangen, liegt aber immer noch deutlich unter dem Ausmass, das bei den ersten Virusausbrüchen in China im Jahr 2020 zu verzeichnen war. SpaceKnow misst die Detailhandelsaktivität, indem es Veränderungen in der Anzahl der Fahrzeuge auf Parkplätzen von Einkaufszentren in China verfolgt. 

Offizielle Daten zeigten letzte Woche, dass die Detailhandelsumsätze im März um 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken sind, verglichen mit einem Einbruch von 15,8 Prozent während des Lockdowns im Jahr 2020.

Ausbau der Infrastruktur schwächelt ebenfalls

Angesichts des schwachen Wachstums der Einzelhandelsumsätze in diesem Jahr sollen Investitionen, insbesondere in die Infrastruktur, die treibende Kraft in Chinas Wirtschaft sein. Die Satellitendaten zeigen jedoch, dass der viel erwartete Investitionsanreiz im März ausblieb, obwohl die offiziellen Daten einen Anstieg der Anlageinvestitionen in die Infrastruktur im März um 12,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zeigen.

Satellitenbilder von Four Squares Technology zeigen, dass die Bautätigkeit in den wirtschaftlich wichtigsten Regionen Chinas im März stark zurückgegangen ist. Laut Four Squares sank die Neubaufläche in den drei wichtigsten Wirtschaftsgürteln Chinas um die Städte Shenzhen, Shanghai und Peking im März um 57 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Gürtel um Shanghai sank die Neubaufläche in diesem Zeitraum um 83 Prozent. 

Auch im Strassenbau sah es schlecht aus: Im März wurden in den zentralen und westlichen Regionen Chinas 8759 Kilometer Strassen gebaut, was einem Rückgang von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Dies deutet darauf hin, dass China nicht in der Lage war, seinen Bausektor von den Auswirkungen der Lockdowns zu isolieren. Daten des japanischen Unternehmens Komatsu über den Einsatz von Baumaschinen deuten ebenfalls auf einen Rückgang der Aktivitäten im März hin.

Beamte kämpfen mit Daten um Beförderung

Die Diskrepanz zwischen den offiziellen Zahlen und den Satellitendaten trägt zur Skepsis gegenüber den chinesischen Wirtschaftsstatistiken bei. Wachstumsraten sind ein wichtiger Leistungsindikator für Beamte, die im Vorfeld eines Kongresses der Kommunistischen Partei im Herbst um eine Beförderung kämpfen. Dies könnte ein Anreiz für sie sein, gute Daten zu melden.

«Die Glaubwürdigkeitsprobleme im Zusammenhang mit Chinas Wirtschaftsdaten werden in diesem Jahr wahrscheinlich noch viel deutlicher zutage treten», so Logan Wright, Leiter der China-Marktforschung bei der Rhodium Group. Das Beharren darauf, dass China in diesem Jahr trotz Gegenwinden rasant wächst, könnte die langfristige Glaubwürdigkeit der offiziellen Daten «gefährden», fügte er hinzu.

(bloomberg/gku)