Wasser war schon lange nicht mehr so viel wert: Bis zu 19 Rappen pro Kilowattstunde wurden in den letzten Wochen an der Strombörse bezahlt. Wer mit seinen Wasserkraftwerken kurzfristig produzieren konnte, verdiente richtig viel Geld.

Und die Schweizer Kraftwerke produzierten. Alleine in der Woche bis zum 22. Januar haben sie 7 Prozent der gesamten Speicherkapazität durch ihre Turbinen gejagt. Danach waren die Seen nur noch zu einem Drittel gefüllt. 

Bis zum vergangenen Sonntag entleerten sie sich weiter auf 27,6 Prozent. So leer waren die Batterien in den Bergen noch nie um diese Jahreszeit. In den Speicherseen hat es inzwischen weniger Wasser als vor einem Jahr, und schon damals diskutierte man über mögliche Blackouts wegen mangelnder ­Reserven (siehe Grafik). Nun hat der Bund erneut die Branchenvertreter einbestellt.

Reserven als Sparmassnahme

Für diesen Donnerstag wurde eine Sitzung der Arbeitsgruppe «Winter» vorgezogen, die eigentlich erst in zwei Wochen hätte stattfinden sollen. Dabei treffen sich Branchenvertreter mit der Strommarkt­aufsicht Elcom. Grund für den Vorzug 
sei, dass eine Lagebeurteilung zur Ver­sorgungssicherheit «unter anderem im ­Hinblick auf die tiefen Pegelstände der Speicherseen und die Kraftwerks- und Importverfügbarkeiten» vorgenommen werden soll, sagt Elcom-Sprecher Simon Witschi.

Das Aufbrauchen der Reserven hat sich für die Stromproduzenten gelohnt. Nicht weniger als 616 Gigawattstunden Strom produzierten die Wasserkraftwerke in der besagten Spitzenwoche. Schon nur bei 10 Rappen pro Kilowattstunde entspräche das einem Ertrag von 60 Millionen Franken. Gut möglich, dass der sekunden­genau lenkbare Spitzenstrom noch zu deutlich höheren Preisen verkauft wurde.

Extrem kalt und zu wenig Atomstrom

Grund für die hohen Preise war die aus­sergewöhnliche Konstellation aus ex­trem tiefen Temperaturen und den vielen Atomkraftwerken, die nicht produzierten. Der Strom wurde in ganz Europa knapp. Nicht nur steht in Frankreich, wo 40 Prozent der Haushalte elektrisch heizen, ein Fünftel der Kraftwerke still. Auch die Schweizer AKW liefern teilweise nichts: Mit Beznau 1 und Leibstadt fehlt derzeit fast die Hälfte des Schweizer Atomstroms.

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Die Situation brachte auch die Netz­betreiberin Swissgrid an Grenzen. Zwar betont Sprecher Patrick Mauron, die Versorgungssicherheit sei nie gefährdet gewesen. Zeitweise musste Swissgrid aber stark eingreifen und viel Reserveenergie abrufen, um das Netz stabil zu halten. Etwa am 20. Januar, als zwei Stunden lang das gros­se Wasserkraftwerk Grande Dixence ausstieg – ausgerechnet zwischen 7 und 9 Uhr, wenn Preise und Nachfrage hoch sind.

Zwingendes Risikomanagement

Swissgrid musste auf die letzten verfügbaren Reserven mit Preisen von bis zu 10 Franken pro Kilowattstunde zugreifen. «Da wurden selbst Notstromaggregate in Spitälern angeworfen», sagt Stromhändler Andreas Tresch von Enerprice. «So etwas kommt vielleicht drei Mal pro Jahr vor.»

Am Stromkongress vom 12. Januar hatte Bundesrat Guy Parmelin in einer Rede zum Thema Blackout noch der Branche ins Gewissen geredet und sie dazu aufgefordert, ihr Risikomanagement zu «überarbeiten und zu intensivieren». Generell habe die Einstellung zugenommen, nur noch von Tag zu Tag zu planen, mahnte der Verteidigungsminister. Diese Haltung habe in allen Branchen zu einer Reduk­tion von Reserven und Vorräten geführt.