Noch immer wollen es viele Ökonomen und Politiker nicht wahrhaben, der Franken ist nicht nur so stark wie noch nie, er hat sich auch in den vergangenen 32 Jahren nicht so stark aufgewertet wie in den vergangenen Monaten. Seit dem letzten Sommer hat der handelsgewichtete Aussenwert des Frankens um 20 Prozent zugelegt.

Dabei handelt es sich nicht, wie viele Beobachter verkürzt meinen, um eine Folge der ­Euro-Krise. Im Gegenteil, gegenüber dem Euro war der Wertzuwachs mit 14 Prozent unter den Hauptwährungen noch der geringste. Gegenüber dem Yen lag die Zunahme bei 19, gegenüber dem Pfund bei 23 und gegenüber dem Dollar bei 32 Prozent.

Umso bedrohlicher für unsere Exportwirtschaft. Für die grossen Unternehmen erscheint ein starker Franken dabei leichter zu verkraften als für die meisten KMU. Immerhin produzieren grosse Exporteure heute meist in den Währungsräumen, in denen sie schliesslich auch abrechnen. Bei gestiegenem Franken sinken dann zwar konsolidierter Umsatz und Gewinn im Ausmasse, wie der Franken stärker wird, und natürlich belasten die Kosten der Konzernzentrale das Ergebnis überproportional, aber ein wirkliches Krisenszenario wird sich für die meisten Grossunternehmen daraus nicht entwickeln.

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Der Schweizer Wirtschaft gehtzunehmend die Puste aus

Ganz anders sieht das für die für unsere Wirtschaft so wichtigen KMU aus. Wer einen Grossteil seiner Kosten im Franken hat, weil er in der Schweiz produziert oder produzieren muss, der steht in diesen Tagen mit dem Rücken zur Wand. Die Erfahrung der Vergangenheit lässt vermuten, dass im Augenblick die Mehrzahl dieser Exportbetriebe im operativen Geschäft rote Zahlen schreibt. Wer verfügt schon über so hohe Margen, dass er eine Aufwertung des Frankens um 20 Prozent innert Jahresfrist verkraften könnte?

Die Exporte machen in der Schweiz gut 40 Prozent der Gesamtnachfrage nach den hier produzierten Gütern und Dienstleistungen aus. Auch wenn die Weltwirtschaft in den kommenden Monaten gut wachsen wird und damit zumindest das Exportvolumen nicht direkt einbrechen sollte, wird die Frankenstärke ihre Spuren bei den Investitionen hinterlassen. Die kleinen und mittleren Exporteure werden kaum investieren können, die grösseren werden dies schlichtweg woanders tun.

Damit wird der Schweizer Konjunktur zunehmend die Puste ausgehen. Bereits im 1. Quartal lagen die Wachstumszahlen deutlich unter den Erwartungen der Auguren. Die 0,3 Prozent Wachstum waren darüber hinaus dominiert durch einen Wachstumsbeitrag von 1,7 Prozentpunkten aus den Dienstleistungsexporten, vor allem aus dem Rohwarenhandel, wie das Seco präzisierte. Überspitzt gesagt wäre die Schweizer Wirtschaft ohne Glencore also bereits im 1.Quartal deutlich geschrumpft. Wie man vor dem Hintergrund von erwarteten ­Exportschwierigkeiten und nachlassender Investitionsdynamik aber fast 3 Prozent Wachstum in diesem Jahr und 2 Prozent Wachstum im kommenden Jahr prognostizieren kann, ist rätselhaft.

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Nun sind die Folgen des starken Frankens natürlich nicht nur negativ zu beurteilen. Die Feststellung, dass der Franken so stark ist wie noch nie, bedeutet schliesslich auch, dass er so viel wert ist wie noch nie. In gewisser Weise könnte man darauf wohl auch stolz sein, wenn man die Sorgen um die unmittelbare Zukunft der Exportwirtschaft verdrängt.

Sicherlich hat der starke Franken auch positive Effekte auf unseren Wohlstand. Noch nie war die Kaufkraft unserer Konsumenten und Unternehmen im Ausland so hoch wie heute. Damit sollten wir erwarten, dass die Ausland­investitionen der Unternehmen und vor allem auch die Importe deutlich zunehmen.

Die Weitergabe der tieferenEinkaufspreise funktioniert nicht

Für den Konsumenten ist eine solche Aussicht verlockend: Billiger einkaufen und billi­gere Ferien! Zum Leidwesen der heimischen Tourismusindustrie, aber zum Vorteil der Konsumenten, werden wir Letzteres wohl diesen Sommer erleben. Ganz besonders interessant müssten eigentlich Ferien auf den Britischen Inseln sein. Über die letzten vier Jahre hat das Pfund fast die Hälfte seines Wertes gegenüber dem Franken verloren. Urlaub für den halben Preis? Mitnichten, da haben die hiesigen Reiseveranstalter etwas dagegen.

Überhaupt scheint das mit der Weitergabe der tieferen Einkaufspreise an die Konsumenten nicht so zu funktionieren. Eigentlich sollten Automobile in der Schweiz heute viel billiger zu haben sein als noch vor einem Jahr. Zugegeben braucht der Importeur eine Infrastruktur und beschäftigt der Händler Verkäufer hier bei uns in der Schweiz, die natürlich – alles andere wäre vollkommen unsinnig – in Franken bezahlt werden müssen. Nur was ist der Anteil dieser Kosten an den Gesamtkosten eines Auto­mobils? Die AMAG zum Beispiel hat 2010 einen Umsatz von 4 Milliarden Franken mit 5000 Mitarbeitern gemacht. Müssten da die Autos, die allesamt aus Europa kommen, heute nicht mindestens 10 Prozent billiger sein als letztes Jahr? Sind sie aber nicht.

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Zu wenig Wettbewerb und zuviel staatliche Administration

Woran das liegt? Es gibt immer noch zu wenig Wettbewerb, teilweise gedeckt durch staatliche Administration und Bürokratie. Hier ein Beispiel: Haben Sie schon mal ein Haus renoviert und sich über die hohen Preise für technische Anlagen wie zum Beispiel Badezimmerarmaturen gewundert? Tatsächlich sind viele der Dinge, die wir im derzeitigen Bauboom fröhlich verbauen, Importgüter. Bei der Renovation unseres Hauses in Zürich sind wir diesen Zahlen einmal nachgegangen. Die gleichen Armaturen kosten im Ausland eingekauft nach Einfuhrzöllen und Transportkosten bis zur Hälfte weniger als das, was die heimische Bauindustrie uns abverlangt. Der Versuch, unsere neuen Armaturen auf eigene Faust zu importieren, ist aber kläglich an den Beamten der Stadt Zürich gescheitert. Trotz bilateraler Verträge, die einen Import von in der EU zugelassenen Armaturen ermöglichen, trotz einer Wasserverordnung, die ausdrücklich den Einbau von EU-geprüften Geräten erlaubt, lautete der Bescheid: Einbau erst mit Zulassung des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches.

Von Importeuren muss man nicht erwarten, dass sie freiwillig auf ihre Gewinne verzichten, das wäre naiv. Solange aber der Staat den Wettbewerb verhindert, wird eine starke Währung nicht nur Verlierer bei den Exporteuren zur Folge haben, sondern nicht einmal Vorteile auf der Seite der Konsumenten erzeugen. Wenn wir uns in diesen Tagen also fragen, was die Wirtschaftspolitik zur Linderung der Folgen des starken Frankens tun kann, sollten wir uns weniger über die Nationalbank als mehr über die Bürokratie Gedanken machen. Die jüngste Initiative der FDP zielt wohl in die richtige Richtung: Absurde Bürokratie ist zu stoppen! Nur, wie glaubwürdig klingt das, wenn man weiss, dass der für die Wasserversorgung zuständige Stadtrat in Zürich ein FDP-Mann ist?

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* Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich.