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Einkaufstourismus: Jeder zehnte Franken geht verloren

Filiale von Tally Weijl in Zürich: Die Schweizer Modeketten leiden unter dem Einkaufstourismus. Keystone

Der Einkaufstourismus hat 2015 drastisch zugenommen. Die Schweizer Bevölkerung kaufte für viele Milliarden Franken im grenznahen Ausland ein. Begehrt sind nicht nur Lebensmittel und Möbel.

Von Mathias Ohanian
am 05.01.2016

Knapp ein Jahr nach Aufhebung der Frankengrenze ist klar: «Der Einkaufstourismus ist definitiv keine Randerscheinung.» Zu diesem Urteil gelangen die Ökonomen der Credit Suisse in ihrer jährlichen Analyse zum Schweizer Detailhandel. Sie gehen davon aus, dass die Schweizer Bevölkerung im vergangenen Jahr für rund 11 Milliarden Franken im grenznahen Ausland einkaufte.

«Jeder zehnte in der Schweiz konsumierte Franken floss also in die Kassen der ausländischen Detailhändler», schreiben sie. Darüber hinaus wird mittlerweile mehr als ein Fünftel aller Lebensmittel oder Möbel aus dem Ausland importiert.

Auslandseinkäufe steigen um 8 Prozent zum Vorjahr

Nach der Aufgabe des Mindestkurses am 15. Januar 2015 wertete der Franken gegenüber dem Euro schlagartig um rund 20 Prozent auf. Heute ist der Franken noch immer rund 10 Prozent teurer als vor einem Jahr.

Viele Schweizer Händler reagierten seinerzeit umgehend und gaben die günstigeren Einkaufspreise an die Konsumenten weiter. Dennoch führte der stärkere Franken dazu, dass die Schweizer 2015 wieder deutlich mehr im grenznahen Ausland shoppten – nachdem sich der Einkaufstourismus in den Vorjahren auf hohem Niveau stabilisiert hatte: So stiegen die Auslandseinkäufe gegenüber dem Vorjahr um rund 8 Prozent.

Schweizer Preise für Lebensmittel deutlich höher

Gemäss CS-Analyse sind die Preise für viele Produkte in anderen Ländern deutlich niedriger als in der Schweiz: So kosten Lebensmittel in den wichtigsten Herkunftsländern der entsprechenden Importe durchschnittlich 31 Prozent, Möbel 26 Prozent und Bekleidung 38 Prozent weniger in der Schweiz.

Neben dem starken Wachstum des Einkaufstourismus sorgte auch der Aufstieg des Onlinehandels dazu, dass sich der Schweizer Detailhandel in den vergangenen Jahren immer stärker dem internationalen Vergleich stellen musste.  Wie bedeutend ist also die Schweizer Wertschöpfung heute noch? Laut Credit Suisse fliesst heute das Gros der Schweizer Haushaltsausgaben im Detailhandel an Schweizer Händler und Hersteller. Doch zwischen den grossen Bereichen Lebensmittel, Bekleidung und Möbel gibt es beträchtliche Unterschiede.

Fast die Hälfte der Kleidung kommt aus dem Ausland

Die gehandelten und verkauften Produkte werden deutlich internationaler: Mit 21 Prozent wird gut ein Fünftel der in der Schweiz verbrauchten Lebensmittel importiert, schreiben die Experten der Credit Suisse. Eingerechnet sind dabei auch die Einkäufe im Ausland. Ähnlich sieht es bei den Haushaltsausgaben für Möbel aus: Hier entfallen rund 22 Prozent auf Importe.

Deutlich spiegelt sich in den Zahlen der Credit Suisse der Abstieg der Schweizer Textilbranche: Mittlerweile kaufen die Schweizerinnen und Schweizer rund 43 Prozent davon im Ausland ein. Weil der starke Franken den Einkaufstourismus florieren lässt, mussten mit Bernie’s und Companys im vergangenen Herbst bereits zwei Bekleidungsketten Konkurs anmelden.

Hohe Zölle verhindern mehr Lebensmittelimporte

Dass nicht noch mehr Lebensmittel über die Landesgrenzen in die Schweiz eingeführt werden, lässt sich laut den CS-Ökonomen auf die oft hohen Importzölle zurückführen, für Fleisch etwa. Hinzu kommt: Landwirtschaftliche Produkte sind noch immer von zahlreichen Freihandelsabkommen der Schweiz mit Partnerländern ausgenommen.

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