Die Lohnschere in der Schweiz öffnet sich: Die Spitzengehälter stiegen in den vergangenen Jahren doppelt so stark wie die niedrigsten, lautete ein Ergebnis der Lohnstrukturerhebung 2012 des Bundesamts für Statistik (BFS). Demnach legten die Saläre der am schlechtesten bezahlten 10 Prozent der Arbeitnehmenden seit 2002 um 9,5 Prozent zu – die Löhne der bestbezahlten 10 Prozent wuchs hingegen um 22,5 Prozent.

Doch die wachsende Diskrepanz in der Schweiz spiegelt sich nicht nur im Vergleich zwischen Gut- und Schlechtverdienern. Auch eine eingehende Analyse von sieben eidgenössischen Grossregionen zeigt; Der Wohlstand ist ungleicher verteilt als es viele vermuten dürften. Besonders ein Kanton fällt in den vergangenen Jahren geradezu dramatisch ab: Im Tessin verdienen die Schweizerinnen und Schweizer heute im Mittel über ein Viertel weniger als im Spitzenreiter-Kanton Zürich. Genau liegt der Unterschied zwischen den beiden Extremen bei 27 Prozent.

Gleichzeitig zeigen die BFS-Zahlen: Die Kantone Basel Stadt, Basel Land und Aargau haben Zürich bei den Löhnen inzwischen eingeholt.

Tessin verliert seit 2010 deutlich an Boden

Das war keineswegs schon immer so. Noch vor wenigen Jahren war der Lohnunterschied zweischen dem ärmsten und reichsten Kanton deutlich schwächer ausgeprägt: 2004 etwa lag das mittlere Salär im Tessin mit 4823 Franken lediglich rund 15 Prozent unter dem Niveau von Spitzenreiter Zürich. Vor allem in den vergangenen beiden Jahren verlor die Sonnenstube deutlich an Boden gegenüber allen anderen Schweizer Regionen.

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Insgesamt legte der Medianlohn im Tessin von 2004 bis 2012 laut den BFS-Zahlen um 5,6 Prozent zu und damit schwächer als in jeder der sieben vom BFS untersuchten Grossregionen der Schweiz. Am besten schnitt die Zentralschweiz ab, wo der Anstieg mit 12,7 Prozent mehr als doppelt so hoch ausfiel wie im Tessin.

Finanzkrise lässt Zürichs Vorsprung schmilzen

Klar wird beim Vergleich zwischen den beiden Extremregionen auch: Im Spitzenkanton Zürich stieg der mittlere Lohn von 2004 bis heute mit knapp acht Prozent ebenfalls unterdurchschnittlich. Die Finanzkrise, die den Bankenstandort in dieser Zeit heftig traf, hinterliess ihre Spuren.

Im Gegensatz dazu hat die Nordwestschweiz (BS, BL, AG) in den vergangenen Jahren rapide aufgeholt: Die Saläre legten dort im Mittel in der gleichen Zeit im schweizweiten Vergleich mit 12,4 Prozent ebenfalls kräftig zu.

Die Menschen in Basel Stadt, Basel Landschaft und im Aargau profitieren von den gut zahlenden Grosskonzernen der Region: Der Nahrungsmittelgigant Nestlé und die Pharmakonzerne Roche und Novartis sind nur drei Beispiele für die Strukturstärke der Region.

Arbeitnehmende ohne Kaderfunktion verdienen in Basel mehr als in Zürich

So verdient ein typischer Arbeitsnehmender in der Nordwestschweiz heute mit 6440 Franken im Monat ähnlich viel wie ein Beschäftigter im Kanton Zürich (6451 Franken). Das ist ein Novum: Viele Jahre wurde in Zürich im Mittel mehr bezahlt als in Basel. Bei einfacheren Tätigkeiten hat die Nordwestschweiz den Finanzkanton bereits überholt: Arbeitnehmende ohne Kaderfunktion und im untersten Kader verdienen in Basel heute mehr als in Zürich.

Weil die Lebenshaltungskosten und Mieten in Zürich deutlich höher als in Basel sind, dürfte den meisten Beschäftigten in der Münsterstadt unterm Strich jeden Monat mehr Kaufkraft zur Verfügung stehen als in der Bankenstadt.

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