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Vermögen
Raiffeisen-Chefökonom stellt sich gegen Turbokapitalismus

Martin Neff: «Das kann man kaum als Erfolgsmodell verkaufen.» Keystone

Martin Neff nimmt kein Blatt vor den Mund: In einem Kommentar verurteilt der Raiffeisen-Chefökonom die wachsende Ungleichheit und warnt vor schweren Folgen. Das Anreizsystem habe «klar versagt».

Von Mathias Ohanian
am 24.10.2016

Radikale Parteien gewinnen an Einfluss, der Unmut gegen Handelsabkommen wächst, immer mehr Menschen begehren auf gegen gefühlte Ungerechtigkeit. Vielen Menschen scheint, unser Wirtschaftssystem bringt eine grosse Masse an Verlierern hervor – und nur eine kleine Elite profitiert. Was läuft schief? In einem bemerkenswerten Kommentar bezieht nun der Chefökonom der Raiffeisen Gruppe deutlich Stellung. Die wachsende Ungleichheit entwächst in den Augen von Martin Neff offenbar zu einem ernsthaften Problem für den Zusammenhalt vieler Gesellschaften.

Er untermauert seine Kritik am heutigen Wirtschaftssystem mit Zahlen: Seit 2004 ist die Zahl der Milliardäre rund um den Globus demnach um über  1'200 Personen gestiegen. Das entspricht einer Verdreifachung in diesem Zeitraum. Gemäss dem Magazin Forbes gab es 2016 weltweit 1'810 Dollarmilliardäre, 125 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Im selben Zeitraum stieg das weltweite Bruttoinlandprodukt hingegen nur um 45 Prozent auf geschätzte 74 Billionen Dollar.

«Immer augenscheinlicher, dass nur wenige profitieren»

Der Zürcher Ökonom ist bekannt für seine pointierten Aussagen. Anfang Jahr etwa warnte er, dass der Frankenschock erst 2016 seine volle Wirkung entfalten dürfte und forderte für die angeschlagene Industrie unterstützende Massnahmen. Nun nimmt sich der frühere Chefökonom der Credit Suisse das heutige Wirtschaftssystem vor – und warnt vor den Konsequenzen der aktuellen Wirtschaftspolitik.

Das Thema Ungleichheit ist nicht nur in den angelsächsischen Ländern und aufstrebenden Volkswirtschaften ein Thema: Auch in der Schweiz profitierte vor allem das bestbezahlte Prozent seit den 1990er-Jahren von Lohnerhöhungen, wie im Sommer ein Verteilungsbericht des Gewerkschaftsbunds zeigte. Der Internationale Währungsfonds (IWF), lange ein Befürworter des marktwirtschaftlichen Anreizsystems, räumte in den vergangenen Jahren verstärkt ein, zu grosse Ungleichheit schade dem ökonomischen Wachstum.

Die Prinzipien der Marktwirtschaft verteidigt Neff: Wer mehr leistet, soll auch mehr verdienen, ist er überzeugt. Das kapitalistische System funktioniere am besten, wenn materielle Anreize bestünden, sich ins Zeug zu legen. Das Problem jedoch: Heute «versagt das Anreizsystem klar», schreibt der Raiffeisen-Chefökonom und verweist auf das zunehmende Phänomen der «working poor» in den USA und Grossbritannien – Menschen, die arbeiten und unabhängig vom Einsatz doch auf keinen grünen Zweig kommen.

«Das kann man kaum als Erfolgsmodell verkaufen.»

Millionäre, die gerade mal 0,7 Prozent der Menschheit ausmachen, besitzen fast die Hälfte der globalen Vermögen, rechnet der Ökonom vor. Rund 70 Prozent der Menschen besässen hingegen nicht einmal 10'000 Dollar – und kommen so auf gerade einmal 3 Prozent des Weltvermögens. «Die Vermutung, dass nur wenige von der Öffnung der Märkte profitieren, wird immer augenscheinlicher.»

In der italienischen Landwirtschaft seien 400'000 Billigarbeitskräfte beschäftigt, in der Industrie sieht es demnach nicht besser aus. Auch in der Schweiz sind die Erntehelfer ein geläufiger Begriff. «Und man kann sicher sein, dass  Italien kein Einzelfall ist und längst nicht die Spitze des Eisberges.» Neff verweist auf eine globale McKinsey-Studie und folgert: Nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung profitierte in den vergangenen Jahren von der Öffnung der weltweiten Märkte. «Das kann man kaum als Erfolgsmodell verkaufen.»

Der Politik rät Neff, die Zeichen der Zeit ernst zu nehmen, etwa wenn Menschen gegen neue Freihandelsabkommen Sturm laufen. «Ansonsten läuft sie Gefahr, die Mehrheit endgültig zu verlieren – am Ende gar noch an Leute.»

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