Die wachsenden Staatsschulden könnten nach Einschätzung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) die Inflation längerfristig anfeuern. Die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise werde Zeit brauchen.

Entsprechend sei eine expansive Geld- und Fiskalpolitik weiterhin erforderlich. Gleichzeitig werde der starke Anstieg der Neuverschuldung auch Länder wie die Schweiz, die mit niedrigen Staatsschulden in die Krise gegangen seien, über Jahre hinaus beschäftigen.

Geld- und Fiskalpolitik hätten sich in der Schweiz gut ergänzt, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abzufedern, sagt Notenbank-Präsident Thomas Jordan. am Dienstag in einer Rede für die «Michel Camdessus Central Banking Lecture» des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Die Erfahrungen hätten aber auch verdeutlicht, wie wichtig eine «klare Rollenverteilung» zwischen Geld- und Fiskalpolitik sei, betonte der SNB-Präsident. «Die Geldpolitik ist kein Allheilmittel und darf keine fiskal- und strukturpolitischen Entscheide treffen.» Die Verantwortung für diese Politikbereiche müsse auch im Fall einer Krise wie der Corona-Pandemie bei der Regierung liegen.

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Für die Geldpolitik gehe es in einer solchen Situation darum, «angemessene monetäre Bedingungen» zu gewährleisten, sagte Jordan. Speziell gehe es auch darum, den Banken die nötige Liquidität zur Verfügung zu stellen, damit diese die Wirtschaft mit Krediten versorgen könnten. Der SNB-Präsident erinnerte an das Covid-19-Kreditprogramm, das dank enger Zusammenarbeit zwischen Regierung, Zentralbank und Privatsektor schnell auf die Beine gestellt werden konnte.

Franken-Aufwertungsdruck

Die Corona-Pandemie habe aber auch ein «altbekanntes Problem» verschärft, nämlich den Aufwertungsdruck auf den Franken. Entscheidend seien zwei Treiber gewesen. Zum einen hätten die geldpolitischen Lockerungen der grossen Zentralbanken die Renditen im Ausland nach unten gedrückt. Zum anderen führte die hohe Unsicherheit über den Wirtschaftsausblick zur Flucht in «sichere Häfen» wie den Franken.

«Wir haben deshalb in den letzten Monaten verstärkt am Devisenmarkt interveniert, um den Aufwertungsdruck auf den Franken abzuschwächen», sagte Jordan. Für die SNB bleibe die Kombination von Negativzins und Devisenmarktinterventionen «notwendiger denn je».

Auch wenn die Schweiz noch Spielraum für weitere Zinssenkungen habe - man könne die Zinsen nicht beliebig tief senken, sagte Jordan. «Deshalb spielen auch Interventionen am Devisenmarkt, bei denen wir Fremdwährungen kaufen und dafür Schweizer Franken verkaufen, in unserem Policy Mix eine zentrale Rolle.»

Inflation könnte steigen

Längerfristig könnte aufgrund der global steigenden Staatsschulden auch die Inflation wieder steigen, mahnte Jordan in seiner Rede. «Es wird dann eine Herausforderung sein, den richtigen Zeitpunkt und die richtige Geschwindigkeit für die Normalisierung der Geldpolitik zu finden, um die Preisstabilität sicherzustellen.»

Im Zuge der Krise sei die Inflation in der Schweiz abermals zurückgegangen und klar in den negativen Bereich gefallen.

Ob und in welchem Ausmass Corona zu bleibenden strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft führen werde, sei unsicher. Die «Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Unternehmen» werde für die wirtschaftliche Erholung entscheidend sein.

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Die Strukturpolitik könne «massgeblich dazu beitragen, über gute Rahmenbedingungen den Unternehmergeist zu fördern», so Jordan. «Dies ist der beste Weg zurück zu einem nachhaltigen Wachstum und langfristig tragfähigen Staatsschulden

(reuters/awp/mlo)