Bevor es noch ganz in Vergessenheit gerät: 10 Jahre, 10 Monate und 10 Tage, also eine ­halbe Ewigkeit, hat der Spass gedauert. Haben Weltbörse und Konjunktur nur in eine Richtung gewiesen: steil nordwärts.

Und sie haben uns insgeheim zugeflötet, dem globalen Reichtum seien künftig keine Grenze mehr gesetzt.

Unbeschwerte Jahre

10 Jahre Schönwetterberichte haben unseren Optimismus ins Grenzenlose getrieben. Noch diesen Januar sagten 750 wichtige Leute («Global Experts and Decision Makers») im WEF-Risiko­report voraus, die grössten Bedrohungen 2020 seien nicht Kriege oder Seuchen, sondern globale Handelsstreite und regionale ­Polarisierung. Konkret: Trump gegen Xi. SPD gegen AfD.

Schön wärs. Damals, bei der Präsentation des Reports im verschneiten Davos, war bereits ein klitzekleines Virus aus dem fernen Wuhan daran, sich in unserem Alltag einzunisten und uns aus dem lieb gewonnenen Alltagstrott zu reissen.

Erstaunen, Unsicherheit - und dann Panik

Wir reagierten anfänglich mit Erstaunen, dann mit Unsicherheit, schliesslich mit Panik, wie der Blick aufs Börsentableau zeigt. Dort erinnern die Verwerfungen an dunkle Zeiten aus der Vergangenheit – 9/11, Finanzkrise 2008/09.

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Diese lassen uns im Homeoffice leicht vergessen, was wir in den letzten 10 Jahren alles an Wohlstandszuwachs und Armutsreduktion erlebten und erreichten. Dabei war es eine historisch einmalige Hausse, die nun – spät – zu einem abrupten Ende kommt.

Es wird auch ohne Steuererhöhungen gehen

Doch in Zeiten grosser Unsicherheit ist der Blick geprägt vom Jetzt. Und das ist in der Tat wenig erfreulich. Doch es überdeckt das Wesentliche. Das wäre: Die Schweiz ist gut vorbereitet auf die Krise.

Die Zinsen sind ultratief und die Staatskassen proppenvoll. Das ist wichtig. Denn auf Bund, Kantone und Gemeinden werden Mehrausgaben zur Finanzierung von Notmassnahmen zukommen; und sie werden Steueraufschub gewähren und Steuerausfälle hinnehmen müssen.

Aber der Schock trifft einen Staat – im Gegensatz zu den klammen USA, zu Frankreich oder Italien – in beneidenswerter Form. ­Allein der Kanton Zürich schaffte letztes Jahr einen Überschuss von 0,5 Milliarden Franken, beim Bund waren es über 3 Milliarden. Steuererhöhungen wirds keine brauchen, um die Verwerfungen abzufedern.

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Und selbst wenn die Schuldenbremse, die uns in der Vergangenheit vor allerlei Allotria bewahrte, gelockert werden müsste, wäre dies kein Beinbruch. Sie könnte zur Finanzierung von Hilfspaketen per Parlaments­beschluss zügig aufgehoben werden.

Und falls die ­Arbeitslosenversicherung irgendwann an den Anschlag käme, könnte der Bund der Versicherung mit Tresoreriedarlehen unter die Arme greifen, mit zinslosen Vorschüssen, damit die Arbeitslosenkasse weiter unbürokratisch Entschädigungen für Kurzarbeit auszahlen könnte.

Die Notenbanker stehen zusammen

Unkonventionell wiederum agiert die Schweizer Nationalbank, die im Verbund mit der amerikanischen und der europäischen Notenbank Handlungsbereitschaft signalisiert und das Ihre zur globalen Geldversorgung beiträgt.

Der Entscheid der grössten Notenbanken hat Symbolkraft, die verlorenes Vertrauen wiederherstellen will. Die Botschaft von Jerome Powell, Christine Lagarde und Thomas Jordan: Wir agieren gemeinsam und sorgen für genügend Dollar-Liquidität.

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Banken sollen Firmen zur Seite stehen

Was uns bei der akuten Krisenbewältigung weiterhilft: In der Verteidigungslinie stehen neben Bund und SNB auch die oft ­kritisierten Banken; allen voran sind es die systemrelevanten Ins­titute UBS, Credit Suisse, Raiffeisen und Zürcher Kantonalbank.

Ihre Chefs, darauf lassen Hintergrundgespräche schliessen, haben längst begriffen, dass sie nur in einem florierenden Ambiente gedeihen. Deshalb macht es auch aus betriebswirtschaftlicher Logik Sinn, wenn sie jetzt in Not geratenen Firmen mit Liquidität und Finanzierungsplänen zur Seite stehen.

Niemand kennt schliesslich die Bedürfnisse der Industriellen, Hoteliers und Touristiker besser als die Banker, die mit ihren Kunden regelmässig über ­Kreditlimiten oder Nachfolgeplanung debattieren.

Löbliches Engagement der Grossbanken

Dass CS-Chef Thomas Gottstein, UBS-Chef Sergio Ermotti und weitere Spitzenbanker ein neues Finanzvehikel mit 20 bis 30 Milliarden Franken aufsetzen wollen, um zukunftsfähige KMU über diesen scharfen Einbruch hinwegzuretten, ist löblich.

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Die hiesigen Krisenfälle dürften ohnehin einfacher zu lösen sein als jene in den USA. Da schwadronieren die Firmenchefs zwar täglich von Corporate Citizenship, also von verantwortungsvollem Agieren zugunsten der Gesellschaft.

Doch worum es ihnen in Wirklichkeit geht, zeigt die Realität: Boeing, der weltgrösste Flugzeugbauer, hat die Dividendenausschüttung seit 2016 ­verdoppelt und obendrauf eigene Aktien im Wert von 43 Milliarden Dollar zurückgekauft. Das begeisterte zuvorderst die Aktionäre und die Bonusbezüger auf der Chefetage.

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Doch mit dem Ausgreifen der Corona-­Krise nach New York und Seattle schlittert die ausgehungerte Firma schnurstracks in Richtung Konkursamt. Dass dieser Befund nicht übertrieben ist, zeigt der Firmenwert: Dieser hat sich innert Wochen mehr als halbiert.

In der Schweiz, wo sich die Firmen durchaus auch der Profitmaximierung und den ­Aktienkursen verschrieben haben, ist diese höhere Art der Verantwortungslosigkeit weitgehend unbekannt. Gut möglich auch, dass Grosskonzerne jetzt ihre Dividendenauszahlungen zurückhalten, um ­trockenes Pulver im Keller zu haben.

«Von der ­erfolgreichen Krisenbewältigung von damals sollten wir uns lenken lassen. Sie lässt hoffen, dass wir es auch diesmal schaffen.»

Und womöglich hilft den Firmenkapitänen in der ­aktuellen Krisenbewältigung – ganz simpel – die eigene Erinnerung. Richtig, da war doch dieser 15. Januar 2015. An jenem Donnerstag hob Nationalbankpräsident Jordan aus heiterem Himmel den Euro-Mindestkurs auf, worauf der Franken auf einen Schlag um 15 Prozent zulegte und den Export sprunghaft verteuerte.

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Dieser Brachialakt, lamentierte die Linke im Verbund mit der Exportlobby, koste Schweizer Firmen 100 Millionen an Umsatzfranken und produziere ein Arbeits­losenheer. Doch die Betriebe zeigten ihre Stärken, waren agil und erfinderisch.

Auch im ländlichen Emmental. Da liehen jene Betriebe, deren Umsatz durch den Frankensprung unter die Räder geriet, ihre Fachkräfte monatelang an Firmen aus, die nicht unter der Auftragsflaute litten.

Gut gemeisterte Währungskrise

Das System funktionierte, bis der Spuk vorüber war. Dann kehrten die Fachkräfte zu ihren angestammten Betrieben zurück. Dieses Prinzip der regionalen Arbeitervermittlung griff: Es verlor in der Region kaum ­jemand den Job und die Staatskasse sparte obendrein Arbeitslosen­gelder.

Das Resultat dieser Währungskrise lässt sich übrigens kurz zusammenfassen. Erstens: Die befürchtete Deindustrialisierung der Schweiz blieb aus. Und zweitens stieg die Arbeits­losigkeit 2015 gerade mal von 3,2 auf 3,3 Prozent an.

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Von der ­erfolgreichen Krisenbewältigung von damals sollten wir uns lenken lassen. Sie lässt hoffen, dass wir es auch diesmal schaffen – und ohne tiefe Blessuren über die Runde kommen.