Die Schweizerische Nationalbank (SNB) traut dem Rückgang der Inflation noch nicht und dreht weiter an der Zinsschraube. Sie erhöht bei ihrer heutigen Lagebeurteilung den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf 1,75 Prozent. So hoch waren die kurzfristigen Franken-Zinsen zuletzt vor fünfzehn Jahren – noch vor der globalen Finanzkrise von 2008/09. 

Eine Zinserhöhung war gemeinhin erwartet worden, weil die Inflation immer noch erhöht ist und SNB-Präsident Thomas Jordan im Vorfeld seine Sorgen über Zweit- und Drittrundeneffekte geäussert hatte. 

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An den Zinsderivatemärkten war der Schritt eingepreist. Der aus den sogenannten Overnight Index Swaps abgeleitete Zinssatz lag vor dem Entscheid aber über 1,75 Prozent, nämlich bei 1,83 Prozent, was zeigt, dass sich nicht alle Marktteilnehmerinnen und Marktteilnehmer über die Höhe des Zinsschritts einig waren. Einige Beobachter gingen von einem grösseren Schritt um 0,5 Prozentpunkte aus. 

In den davorliegenden vier Zins-Sitzungen hatte die SNB den Leitzins um mindestens 0,5 Punkte erhöht. 

Die jüngsten Zahlen und Indikatoren zur Inflation deuten aber auf eine Entspannung bei der Inflation hin. Gemäss Konsumentenpreisindex ist die Teuerung im Mai auf 2,2 Prozent gesunken. Das SNB-Ziel der Preisstabilität – sie definiert diese als Inflation zwischen 0 und 2 Prozent – ist damit schon sehr nahe. 

Ohne die stark schwankenden Preise für Energie und für frische und saisonale Produkte gemessen, liegt die Inflation bereits im Zielkorridor. Diese sogenannte Kernrate der Inflation beträgt 1,9 Prozent. Die im Ausland gewöhnlich verwendete Definition der Kerninflation als Teuerung ohne Energie und sämtliche Lebensmittel liegt sogar unter 1,5 Prozent. Das ist im internationalen Vergleich einzigartig, liegt doch sonst fast überall die Kerninflation über der normalen Teuerung, weil die darin nicht enthaltenen Energiepreise zuletzt stark gefallen sind. 

Zudem zeigen in der Schweiz die Einkaufsmanagerumfragen (PMI), dass die Vorstufenpreise in der Summe nachgeben und mehr Schweizer Unternehmen die Preise senken wollen.

Die SNB scheint den Entspannungssignalen bei der Teuerung noch nicht zu trauen. Sie hat jedoch ihre kurzfristige Inflationsprognose nach unten angepasst. Sie erwartet, dass mit dem aktuellen Zinsniveau die Teuerung Ende Jahr noch 2 Prozent beträgt. 

Die Märkte gehen davon, dass die SNB dieses Jahr noch einmal, im September, die Leitzinsen um 0,25 Prozent erhöht. Dann könnte der Zinserhöhungszyklus zu Ende sein. 

An den Obligationenmärkten hat sich diese Sichtweise schon länger etabliert: Seit Anfang Jahr sind die Renditen zehnjähriger Eidgenossen von 1,5 auf gut 1 Prozent gefallen. Wer sich am Franken-Markt verschuldet hat – das sind hauptsächlich die Immobilienbesitzerinnen und -besitzer –, kann ein wenig aufatmen.

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rop
Peter Rohnerist Chefökonom der Handelszeitung.Mehr erfahren