Im Januar 2020 lasen wir erstmals von einer «mysteriösen Lungenkrankheit» in China. Gut zwei ­Monate später zog sich Europa ins ­Homeoffice zurück. In dieser Zeit wurden wir im Schnellkurs Hygienespezialisten und Epidemiologen und sahen den Aktienmärkten auf ihren Achterbahnfahrten zu. Und wir wurden mit Informationen überschwemmt.

Aber was wissen wir heute tatsächlich? Was vermuten wir? Und worauf hoffen wir?

Marc Brütsch ist seit 2000 Chefökonom von Swiss Life. Für ihre präzisen Prognosen gewannen er und sein Team bereits dreimal den «Forecast Accuracy Award Switzerland» des britischen Research-Unternehmens Consensus Economics.

Mit Blick auf die Wirtschaft ist ein Fakt unbestritten: Die Welt steckt in der ­grössten Rezession seit Jahrzehnten. Geld- und Fiskalpolitik haben rund um den Globus ihre Sicherheitsnetze gespannt. Und wir wissen, dass wir mit den Lockdowns und neuen Verhaltensregeln die angestrebte Verflachung der Infek­tionskurve erreichten. In den meisten Fragen aber herrscht weiterhin grosse Unsicherheit – umso mehr, wenn es um den Blick nach vorne geht.

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Für den Lockdown hatte Europa eine Vorlage: Von Beginn weg orientierte man sich an China. Was die ungefähre Dauer des Lockdowns angeht, passte diese Vermutung gut. Aber taugt das Vorbild auch für den Weg zurück?Für die Überwindung des Angebotsschocks wahrscheinlich schon: Chinas Industrieproduktion ist wieder bei rund 90 Prozent der Vorkrisenleistung und wird aktuell vor allem von der fehlenden Nachfrage aus dem Ausland gebremst. Weniger rasch erholt sich die Konsumfreude der Chinesen: Weil sich viele Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen, schreitet die Erholung nur zögerlich voran.

Zwar liegen die wöchentlichen Verkaufszahlen von Autos beispielsweise nur noch leicht unter dem langjährigen Durchschnitt von rund 53'000 Autos; die entgangenen Umsätze von nur 811 verkauften Autos in der ersten Februar­woche wurden aber nicht wettgemacht. Die Erholung verläuft also schleppend.

«Allenfalls aber unterschätzen wir den langfristigen Schaden am Arbeitsmarkt – und dieser ist viel grösser als jetzt vermutet.»

Unter Ökonomen beschreibt man diese Entwicklung als «U-förmig»: eine welt­weite Rezession mit anschliessender Erholung über ein bis zwei Jahre. Je nach Fahrplan der Regierungen für die Lockerungen im Inland und der Abhängigkeit vom Aussenhandel hat diese Erholung mancherorts in Europa bereits eingesetzt. Auch wir gehen im Basisszenario mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 60 Prozent von ­einem solchen Verlauf aus.

Allenfalls aber unterschätzen wir den langfristigen Schaden am Arbeitsmarkt, nicht nur in der Schweiz, sondern auch in den USA und China – und dieser ist viel grösser als jetzt vermutet. Damit würde der befürchtete Nachfrageschock Realität und es käme zu einer langen Seitwärtsbewegung auf tiefem Niveau. Wir sehen für ­dieses Szenario – ein «L» mit weltweiter Stag­nation – eine nicht zu unterschätzende Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent.

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Zuletzt bleibt neben diesem Worst-­Case-Szenario auch die Hoffnung auf ­einen raschen medizinischen Durchbruch bei der Suche nach Behandlungsformen oder Impfstoffen. Die Gewinnchance bei dieser Wette liegt unserer Meinung nach zumindest für 2020 wohl nicht höher als 10 Prozent – auch wenn die Aktienmärkte schon sehr auf eine ­solche «V»-förmige ­Erholung der Wirtschaft zu setzen ­scheinen.

Ob wir nun wirklich schon bald «V» für «Victory» ausrufen können, oder aber immerhin «U» für «Upwards»: Wir sind sicher alle auf Geduld angewiesen und hoffen auf die Buchstaben der zweiten Hälfte des ­Alphabets. Denn das L-Szenario wollen wir doch lieber alle vermeiden.