Seit der Finanzkrise von 2008 spielen die Zentralbanken weltweit eine besondere Rolle. Mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik verhinderten sie damals einen Zusammenbruch des Finanzsystems, seither steuern sie die Weltwirtschaft aktiver denn je. Nun warnt die Zentralbank der Zentralbanken davor, dass sie die nächste schwere Finanzkrise vielleicht doch nicht verhindern können – den Crash nämlich, der durch den Klimawandel ausgelöst wird.

Und der ist für die Experten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gar nicht weit weg – und könnte durch ein unvorhergesehenes Ereignis jederzeit ausgelöst werden. «Green Swan» nennen sie einen derartigen Klima-Wirtschafts-Schock. Es ist eine Anlehnung an den aus der Finanzwelt bekannten «Black Swan» – ein Ereignis, das eine Finanzkrise oder einen wirtschaftlichen Wendepunkt auslöst, mit dem aber niemand rechnet.

«Klimaretter der letzten Instanz»

Die in Basel ansässige Organisation warnt, dass der Klimawandel solche unvorhergesehenen Ereignisse auslösen kann. Das wäre eine Gefahr für die Finanzstabilität – bis hin zur nächsten grossen Finanzkrise. Aber: «Die Zentralbanken werden die Welt nicht wieder retten», sagt Luiz Awazu Pereira Da Silva, stellvertretender Generaldirektor der BIZ.

Eine solche Krise zu verhindern, sei zwar auch Aufgabe der Zentralbanken, aber sie können sie nicht alleine stemmen: Sie werden nicht als «Klimaretter der letzten Instanz» einspringen, wenn es zu immer extremeren Klimaszenarien kommt. Vielmehr müssen sie mit Regierungen, dem Privatsektor, der Zivilgesellschaft und der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten, so die Autoren der BIZ-Studie.

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Die globale Finanzkrise habe gezeigt, wie ein Schock in einer einzelnen Branche – der «schwarze Schwan» – weitere Schocks in anderen Sektoren und Regionen auslösen kann. Auch bei einem Klimaschock sei eine Ansteckungsgefahr auf andere nicht-klimarelevante Sektoren denkbar; dies müsse aber noch genauer untersucht werden, so die Autoren.

Als «grünen Schwan» bezeichnet die Institution extreme Wetterereignisse, deren Zahl sich seit 1980 vervierfacht hat. Zu den Klima-Schocks zählen aber etwa auch die Einführung einer CO2-Steuer oder der rasche Einsatz erneuerbarer Energien, welche fossile Energieträger obsolet und entsprechende Anlagen wertlos machen.

Zentralbanken könnten politische Massnahmen für den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft nur unterstützen. Immerhin will die BIZ dabei eine Vorreiterrolle einnehmen und koordinieren. Zudem will die Organisation mit ihrer Studie darauf aufmerksam machen, dass die Risiken durch den Klimawandel in ökonomischen Modellen und Prognosen berücksichtigt werden müssen. 

So hat die BIZ etwa einen Fonds für grüne Anleihen für Notenbanken aufgelegt, der rund 1 Milliarde Dollar umfasst. Viele Notenbanken wollen Nachhaltigkeit in ihre Anlagerichtlinien aufnehmen. Die niederländische Notenbank führt beispielsweise Klima-Stresstests für Banken und Versicherungen des Landes durch, die Banque de France führt sie dieses Jahr ein. Und auch die Bank of England und die Europäische Zentralbank denken darüber nach. Anders die Schweizerische Nationalbank, die den Kampf gegen den Klimawandel nicht zu ihren Aufgaben zählt.

«Green Swan» vs. «Black Swan»

Die Theorie des «Black Swan» stammt vom Trader und Wissenschaftler Nassim Nicholas Taleb: Er nennt im gleichnamigen Buch Ereignisse wie den Aufstieg des Internets, den Zerfall der Sowjetunion oder die Terroranschläge vom 11. September 2001. Später wurde der Begriff auf die Finanzwelt übertragen – etwa die Finanzkrise in Asien 1997, die Dot-Com-Blase im Jahr 2000, die globale Finanzkrise 2008, die Fukushima-Katastrophe 2011 oder das Brexit-Referendum 2016. 

Was beiden Phänomenen gemein ist: «Black Swan»-Ereignisse sind kaum vorherzusagen, haben aber massive Folgen und können nur im Nachhinein erklärt werden. Das trifft auch auf grüne Schwäne zu, dennoch gibt es laut den Studienautoren Unterschiede:

1. Vorhersehbarkeit von Klima-Schocks: Die Auswirkungen seien noch ungewiss, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Zukunft eintreten, sehr hoch.

2. Klimakatastrophen seien schwerwiegender als Finanzkrisen, denn sie bedrohen die ganze Menschheit.

3. Der Klimawandel sei komplexer als «schwarze Schwäne», da er sich nicht nur auf die Umwelt auswirkt, sondern auch geopolitische, soziale und wirtschaftliche Folgen hat.

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