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Wer haftet wirklich für die Billion-Spritze der EZB?

Die Euro-Gemeinschaft bürge nur für 20 Prozent der vielen EZB-Milliarden, sagte Notenbankchef Draghi. Ein renommierter Ökonom bezeichnet die Haftungsregelung nun als «monetären Münchhausen-Trick».

Veröffentlicht am 24.01.2015

Die Europäische Zentralbank will in den kommenden anderthalb Jahren Anleihen von Staaten, Firmen und Institutionen im Gegenwert von über 1 Billion Euro aufkaufen. Doch wer haftet am Ende, sollte das geldpolitische Experiment scheitern? Darüber ist vor allem in Deutschland eine lebhafte Debatte entbrannt.

Um die offenbar vor allem in den Euro-Nordstaaten kursierenden Sorgen vor grossen Verlusten zu zerstreuen, gab EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag bekannt, dass die Gemeinschaft lediglich zu 20 Prozent hafte. Demgegenüber sollen die nationalen Notenbanken 80 Prozent der Verantwortung schultern. Bei so manchem Beobachter sorgte das für Unverständnis.

EZB-Regelung ein «Monetärer Münchhausen-Trick»?

Die Rede war von einer «Fragmentierung» des Währungsraums. Wegen der geteilten Haftung sei die Geldspritze weniger glaubhaft und könne nicht ihre volle Wirkung entfalten, lauteten vereinzelte Vorbehalte.

Dies sehen jedoch keineswegs alle so. Der neue Prognosechef des renommierten Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) bezeichnete die Haftungsregelung nun als «monetären Münchhausen-Trick. Am Ende hafte in einer Währungsunion immer die Gemeinschaft, weil sich die Verluste über alle Geldnutzer verteilten, so Stefan Kooths. Materiell könnten Zentralbanken überhaupt nicht haften – «sie können nur Geld drucken, aber kein Kapital».

Kooths ist in der Schweiz kein Unbekannter. Im Herbst referierte er auf Einladung des Forschungsinstituts Bak in Basel vor Schweizer Unternehmern unter anderem zur steigenden Deflationsangst. Schon damals warnte er vor einer Vergemeinschaftung der Schulden in Europa.

Gegenteil von nationaler Haftung

Muss die Zentralbank eines insolventen Staates wegen eines Schuldenschnitts auf ihre Forderungen verzichten, so Kooths, gingen die zuvor mit ihren nationalen Anleihekäufen in Umlauf gebrachten Euro nicht ebenfalls unter, sondern sie bestünden fort – und weiter Teil der gemeinschaftlichen Zentralbankgeldmenge.

«Bei diesem monetären Münchhausen-Trick – die Zentralbank kauft Staatspapiere und verzichtet später auf die Rückzahlung – werden die Verluste in Form einer verschlechterten Qualität der monetären Basis auf alle Geldhalter im Euroraum verteilt.» Dies jedoch sei das Gegenteil von nationaler Haftung.

Börsen in ganz Europa feiern EZB-Coup

Tatsächlich scheinen auch Investoren an den Finanzmärkten überzeugt zu sein, dass am Ende alle Länder in der Verantwortung stehen und die EZB-Geldspritze schliesslich ausreichend Durchschlagskraft haben dürfte. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass die Börsen in ganz Europa nach dem EZB-Entscheid am Donnerstag und Freitag deutlich zulegten.

(moh)
 

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