1. Home
  2. Konjunktur
  3. Wie Superstar-Firmen die Macht in der Wirtschaft verschieben

Next Generation
Wie Superstar-Firmen die Macht in der Wirtschaft verschieben

CASTEL SAN GIOVANNI, ITALY - NOVEMBER 17: Parcels are processed, almost ready for dispatch, in the outbound area of the Amazon.com fulfillment centre in Amazon.com MPX5 fulfillment center on November 17, 2017 in Castel San Giovanni, Italy. Established in 2014, the 100.000 sq. metres warehouse employs a workforce of 1.600 people who processed 1.2 million items during the last Black Friday. (Photo by Emanuele Cremaschi/Getty Images)
Grosse Konzentration, hohe Wertschöpfung – aber wenig Beschäftigte: Lagerhaus von Amazon.Quelle: 2017 Emanuele Cremaschi

In mehr und mehr Branchen prägen einzelne Grossfirmen den Markt – mit einer hoch qualifizierten, aber sehr kleinen Belegschaft. Die Googles und Amazons unserer Welt verändern auch den Anteil der Löhne.

Von Next Generation
am 26.10.2018

Der Anteil der Arbeit am Bruttoinlandprodukt – also die Lohnquote – war lange Zeit erstaunlich konstant. In den Industriestaaten erhielten die Arbeitnehmer typischerweise zwischen 60 und 70 Prozent des erwirtschafteten Gesamteinkommens. Diese Beobachtung galt denn auch lange als harte Konstante der Makroökonomie. Jedoch scheint diese Regelmässigkeit seit den 1980er Jahren nicht mehr zu halten. Vor allem in den USA ist ein Rückgang der Lohnquote gut dokumentiert.

Die Ursachen werden eifrig diskutiert. David Autor vom MIT und seine Koautoren sind in ihrer Studie den Gründen auf der Spur. Sie sehen die Ursache im Aufstieg von hoch produktiven «Superstar»-Firmen.

Anzeige

Die Initiative Next Generation

Das Projekt Next Generation informiert über aktuelle Forschungsergebnisse zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen und über die Arbeit der Studierenden in den volkswirtschaftlichen Lehrprogrammen der Universität St. Gallen.

Hier: Adrian Jäggi über: David Autor, David Dorn, Lawrence F. Katz, Christina Patterson und John Van Reenen (2017): «The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms», NBER Working Paper No. 23396

Herausgeber Next Generation: Prof. Christian Keuschnigg.

Durch Globalisierung und neue Technologien können Konsumenten aus einer grösseren Zahl verschiedener Produkte auswählen und diese einfacher vergleichen. Deshalb reagieren sie stärker auf Preis- und Qualitätsunterschiede. Der Wettbewerb wird schärfer. Nurmehr die Besten setzen sich durch. Hoch produktive Unternehmen, die «Superstar»-Firmen, profitieren davon und können zusätzliche Marktanteile gewinnen.
Dies führt zu stärker konzentrierten Märkten und verschiebt Produktion und Wertschöpfung hin zu den «Superstar»-Firmen. Die Sieger räumen den Löwenanteil ab. 

Grosse Gewinnmargen

Aber ihre Lohnquote ist meist niedrig. Mit innovativen Technologien und grossem Qualitätsvorsprung können sie weit überdurchschnittliche Gewinnmargen durchsetzen. Zudem ist ein Teil der Arbeitskosten typischerweise fix und nimmt im Verhältnis zu den Erlösen mit steigender Unternehmensgrösse ab. Grosse und produktive Unternehmen sind deshalb überaus profitabel und haben vergleichsweise geringe Arbeitskosten und eine wesentlich niedrigere Lohnquote. Wenn diese dank Globalisierung und technologischem Wandel ihre Marktanteile stark ausweiten und zunehmend die gesamte Wertschöpfung dominieren, geht die Lohnquote in den betroffenen Branchen zurück.

Aus diesen Überlegungen lassen sich empirisch überprüfbare Hypothesen ableiten: 

  • Wenn der Wettbewerb auf den Produktmärkten schärfer wird, dann steigt erstens die Marktkonzentration.
  • Zweitens fällt die Lohnquote in jenen Branchen am meisten, in welchen die Marktkonzentration am stärksten gestiegen ist.
  • Drittens geschieht der Rückgang der Lohnquote aufgrund der Verschiebung von Absatz und Produktion von den übrigen Unternehmen mit höherer Lohnquote zu den Superstar-Firmen mit geringerer Lohnquote, und weniger durch eine gleichmässige Abnahme der Lohnquote in allen Firmen. 
  • Und viertens ist die Umlenkung der Wertschöpfung in jenen Branchen am grössten, in denen die Marktkonzentration am stärksten zunimmt. 

Die Wissenschaftler nutzen einen Datensatz mit detaillierten Informationen zu einer Vielzahl von Firmen. So können sie schätzen, inwieweit der branchenweite Rückgang der Lohnquote auf die Verschiebung von Produktion und Erlösen zu Unternehmen mit geringer Lohnquote zurückzuführen ist, im Gegensatz zu Veränderungen der Lohnquote innerhalb jedes Unternehmens.

Ausreisser Finanzbranche

Dazu verwenden die Forscher hauptsächlich Daten aus den USA zwischen 1982 und 2012; die erfassten Branchen bilden ungefähr 80 Prozent der privaten Angestellten ab. Der Datensatz wird um Informationen aus verschiedenen OECD-Staaten ergänzt, um die Relevanz der in den USA beobachteten Entwicklungen für weitere Länder zu überprüfen.

Seit den 1970er Jahren ist die Lohnquote auf gesamtwirtschaftlicher Ebene in fast allen beobachteten OECD-Staaten um rund 5 bis 10 Prozentpunkte zurückgegangen. Nur in der Finanzbranche stieg die Lohnquote, gemessen am Anteil der Löhne an den Umsätzen. Alle anderen Sektoren verzeichnen spätestens seit den 2000er Jahren einen Abwärtstrend. In der verarbeitenden Industrie ist der Trend besonders ausgeprägt.

Grafik Superstarfirmen Lohnquote
Lohnquote in der verarbeitenden Industrie gemessen an Wertschöpfung (linke Achse) und Umsatz (rechte Achse).
Quelle: Autor et al., 2017

Zudem stellen die Autoren fest, dass sich die Marktanteile in vielen Branchen zunehmend auf vergleichsweise wenige, grosse Unternehmen konzentrieren. In der verarbeitenden Industrie ist die Marktkonzentration gemessen am Umsatz seit 1980 eindeutig gestiegen: Die vier grössten Firmen konnten ihren Anteil von 38 Prozent auf fast 44 Prozent steigern. Auch die zwanzig grössten Firmen haben ihren Anteil um zirka 5 Prozentpunkte auf 73 Prozent ausgedehnt.

Entscheidend ist, dass für die Konzentration anhand der Anzahl Mitarbeiter jedoch kein klarer Trend ersichtlich ist. Dies bedeutet, dass einige Unternehmen grosse Marktanteile gewinnen können, ohne dabei viele zusätzliche Arbeitskräfte anzustellen. Die übrigen fünf Sektoren zeigen einen ähnlichen oder teils sogar stärkeren Trend.

Eindeutige Resultate

Um diese beiden Entwicklungen miteinander zu verbinden, schätzen die Forscher, wie sich eine Veränderung in der Marktkonzentration auf die Lohnquote in einer Branche auswirkt. Die Resultate sind eindeutig: Die Lohnquote fiel in jenen Branchen am stärksten, in welchen die Marktkonzentration (gemessen an Wertschöpfung oder Umsatz) am stärksten zugenommen hat.

Sobald die Berechnung der Marktkonzentration auf die Anzahl der Angestellten statt auf den Umsatz abstellt, verschwindet der Effekt – oder er zeigt sogar in die entgegengesetzte Richtung.

Diese Resultate für die verarbeitende Industrie gelten auch für die anderen Sektoren. Dies zeigt, dass einige wenige Unternehmen mit einer eher kleinen Belegschaft hohe Umsätze und Marktanteile erzielen und die Branchen dominieren. Der Marktwert solcher «Superstar»-Firmen besteht meist aus geistigem Eigentum sowie wenigen hochqualifizierten Mitarbeitern. Google oder Facebook können als Beispiel dienen.

Wie ist der Mechanismus?

Um den Effekt zu quantifizieren, vergleichen die Forscher die tatsächliche Entwicklung der Lohnquote mit einem hypothetischen Verlauf, welchen sie unter der Annahme, dass die Marktkonzentration unverändert geblieben ist, schätzen. Aus diesen Berechnungen folgt, dass die steigende Marktkonzentration rund einen Drittel der Reduktion der Lohnquote in der Industrie seit 1997 erklärt. In den anderen Sektoren ist dieser Effekt sogar noch grösser.

Damit ist der Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Lohnquote und der zunehmenden Konzentration und Marktmacht hergestellt.

Der genaue Mechanismus dahinter ist jedoch noch nicht klar. Die Autoren vermuten, dass hauptsächlich die Verschiebung von Wertschöpfung und Produktion hin zu den «Superstar»-Firmen mit niedriger Lohnquote den Rückgang der durchschnittlichen Quote verursacht.

Um diese Hypothese zu testen, zerlegen sie die Veränderung der Lohnquote in einer Branche in vier Bestandteile: 

  • Veränderung der Lohnquote innerhalb einer Firma (i),
  • Veränderung durch Verschiebung zu anderen Firmen (ii),
  • Veränderung durch verschwindende Unternehmen (iii), 
  • beziehungsweise durch neu eintretende Firmen (iv).

Die Forscher betrachten für die verarbeitende Industrie die Zeiträume 1982 bis 1997 und 1997 bis 2012, in welchen die Lohnquote um 10,35 respektive 6,15 Prozentpunkte zurückging. In beiden Perioden waren hauptsächlich die Verschiebungen zwischen den Firmen für den Trend verantwortlich. Nach den Schätzungen waren 75 bis 80 Prozent des beobachteten Rückgangs darauf zurückzuführen. Zwar verändert sich die Lohnquote auch innerhalb eines Unternehmens, das Ausmass ist jedoch deutlich kleiner im Vergleich zum Beitrag der Verschiebung zwischen den Firmen.

Je F&E, desto Konzentration

Die beiden Komponenten für ausscheidende respektive neu eintretende Firmen tragen deutlich weniger zur Erklärung bei. Wird die Lohnquote anhand eines weiter gefassten Masses für die Vergütung der Arbeitnehmer gemessen, erklären die Umschichtungen zwischen den Unternehmen sogar 96 Prozent des Rückgangs. 

Abschliessend fragen die Autoren nach den Ursachen für die höhere Marktkonzentration. Sie verweisen auf die Rolle des technologischen Wandels und darauf, dass «Superstar»-Firmen typisch für High-Tech Industrien sind. Die innovativsten und schnellsten Unternehmen, die als Erste eine neue Innovation auf den Markt bringen, können überdurchschnittlich hohe Marktanteile besetzen und dominieren die Wertschöpfung der gesamten Branche. Tatsächlich stieg die Marktkonzentration in den F&E-intensivsten und innovativsten Branchen besonders deutlich an.

Der Autor

Adrian Jäggi absolviert ein PhD-Studium in Economics and Finance an der Universität St. Gallen. Mit der Initiative «Next Generation» ermutigt das Wirtschaftspolitische Zentrum der HSG ihre Nachwuchstalente, die Öffentlichkeit über Erkenntnisse der Wissenschaft zu informieren. Die besten Studierenden fassen wichtige Ergebnisse ausgewählter Publikationen in Fachzeitschriften zusammen.
 

Adrian Jäggi HSG