Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Pizzeria. Jetzt ist sie geschlossen. Sie erhalten etwas ALV-Pauschale für sich, es gibt Kurzarbeitsgelder für Ihr Team, womöglich benötigen Sie auch einen kleinen Kredit aus dem Notfallfonds. Aber irgendwie kommen Sie durch. Im Frühsommer dürfen Sie Ihr Restaurant wieder öffnen, die Gäste kehren zurück, der Laden läuft. Sie rappeln sich auf.

Machen Sie jetzt einfach weiter wie zuvor? Sicher nicht.

Die für 2020 geplante Sanierung der Toilettenanlagen lassen Sie bleiben. Auf die neue Sommerbestuhlung im Höfli verzichten Sie. Denn jetzt wirten Sie unter der Dauerdrohung, dass womöglich bald weitere Coronaviruswellen anrollen und die Behörden Ihre Pizzeria nochmals schliessen. Die Epidemiologen deuten zwar an, dass wohl nicht mehr gleich das ganze Land zugesperrt wird; jetzt reden sie locker von einem «Tanz», bei dem unsere Gesellschaft flexibel und lokal auf Covid19-Ausbrüche reagieren muss.

Aber woher wissen Sie, dass lokal nicht bedeutet: Ihre Stadt? Ihre Pizzeria?

Sie bleiben vorsichtig. Dieselbe Haltung kriecht nun die Treppe hoch, durch alle Firmengrössen, durch alle Zweige der Wirtschaft. Es braucht jetzt mehr Mut, sein Geld in eine Firma für Hotelausstattungen zu stecken. Die Private-Equity-Investoren denken nicht mehr im Traum daran, eine Regional-Airline zu finanzieren. Denn ein Grundstoff der Wirtschaft ist weg: Vertrauen.

«Die Trendwende braucht zwingend zwei Worte: Nie wieder. Und diese zwei Worte müssten glaubwürdig kommuniziert sein: Never again.»

Eigentlich ist es eine Binsenweisheit der Ökonomie, dass Vertrauensverlust brandgefährlich wird und dass in einer Krise die Trendwende erst nachhaltig einsetzen kann, wenn das Zutrauen zurückkehrt: Die Arbeitnehmer benötigen eine solide Perspektive; die Entrepreneure müssen wissen, dass ihr Geschäft nicht wieder mit einem Federstrich zertrümmert werden kann.

Fehlen solche Garantien, dann können die Notenbanken und Regierungen noch so grosse Summen ins System schütten – es reicht bestenfalls, um den vollständigen Zusammenbruch abzuwenden und den Wirtschaftsmotor im Leerlauf zu halten.

Das Scheitern eingestehen

Die Viruskrise 2020 zeigt das mustergültig. Da teilen uns die Regierungen mit, dass es vielleicht lange gehen werde. Und sie signalisieren deutlich, dass man eigentlich keine Ahnung hat, was im Winter oder im Frühjahr 2021 noch alles anrollen wird. Dabei bestünde die wichtigste Botschaft aus reiner Klarheit. Die Trendwende braucht zwingend zwei Worte: nie wieder. Und diese zwei Worte müssten glaubwürdig kommuniziert sein: never again. Es wäre das Versprechen, dass auf spätere Covid-19-Wellen nicht mehr so reagiert würde wie in der Panik vom März 2020.

Soll also die Wirtschaft wieder neu aufleben, müssen wir jetzt die Bedingungen definieren für diese zwei Worte: nie wieder. Es braucht die Sicherheit, dass das Gesundheitswesen den Druck einer weiteren Viruswelle anders auffangen wird, dass man gefährdeten Personen ein Refugium anbieten kann – oder dass wir uns schlimmstenfalls gar ein Scheitern eingestehen. Also die offene Einsicht, dass die Lockdowns ein gut gemeinter Versuch waren – aber nicht mehr. Und ganz sicher nie wieder.

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