Es klingt paradiesisch, was Phil Lojacono seinen Mitarbeitern bei der Fintech-Firma Advanon bietet: Ferien, so viel sie wollen. Wenn sie in den Ferien sind, zahlt der Chef zudem den Flug und die Hotelkosten. Nach fünf Jahren in der Firma gibt es eine Weltreise spendiert und unter dem Jahr werden die Mitarbeiter mit Massagen, Steuerberatung, Fitness-Abo und monatelanger Elternzeit verwöhnt.

Das Jungunternehmen Advanon, das eine Vorfinanzierungsplattform für Rechnungen von KMU erstellt und kürzlich 13 Millionen Franken Investitionsgelder eingesammelt hat, setzt neue Standards im Bereich Mitarbeiter-Benefits in der Schweiz. Zwar sind die Verwöhnprogramme von Weltkonzernen und auch hiesigen Firmen bekannt. So weit wie Advanon ging bisher in der Schweiz aber niemand. Was wollen Lojacono und sein Team damit erreichen? Und startet jetzt ein neuer Wettlauf um Mitarbeiter-Goodies in der Schweiz?

Erstaunte HR-Experten

«Wir sehen das Team als den wichtigsten Teil unseres Unternehmens. Ausserdem sehen wir die Veränderungen im ­Arbeitsmarkt und wir wollten dementsprechend ein innovatives Programm auf die Beine stellen, welches dem heutigen ­Zeitgeist entspricht», sagt Mitgründer Phil Lojacono. Grundsätzlich versuche man bei Advanon, sich vom Zeitelement bei der Leistungsmessung zu lösen.

Matthias Mölleney, Präsident der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management und Direktor des Future Work Forum in London, findet das Konzept von ­Advanon nachvollziehbar. Bei Wissensarbeitern habe die Arbeits­zeiterfassung eigentlich nur mehr den Zweck, diese vor Überlastung zu schützen. «Die Leistung und ihre Messung werden über inhaltliche Zielvereinbarungen geregelt, bei denen die Anwesenheit keine Rolle mehr spielt. In einem solchen Umfeld liegt es dann tatsächlich in der Verantwortung der Arbeitskräfte, die Länge ihrer Ferien zu definieren», so der Experte.

Mitarbeiter sind beteiligt

Dennoch stellt sich für Mölleney bei ­diesem Fall die Frage, warum überhaupt so viele Benefits angeboten werden und nicht einfach mehr Lohn. «Vielleicht finden sie keine geeigneten Mitarbeitenden?» Oder sie haben nur einen kleinen Kreis an Mitarbeitenden und wollen dem etwas ganz Besonderes bieten, so der Fachmann. «Im Bereich Softwareentwicklung ist der Wettbewerb um Mitarbeiter sicher eine Herausforderung», sagt Lojacono. Die ­Mitarbeiter würden aber am Unternehmen ­beteiligt, um Unterschiede zu Grosskonzernen, welche finanziell besser ­gebettet seien, wettzumachen.

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Bruno Staffelbach, Direktor des Zen­trums für Human Resources Management an der Universität Luzern, erklärt dazu, dass die arbeitsvertraglichen Regeln und Normen das eine seien, die Regeln und Normen der Gruppendynamik, also der sozialen Kontrolle und des Führungsverhaltens, das andere. «Arbeitsvertrag, Führung und Gruppendynamik sind in der ­Regel in der Balance», so Staffelbach. «Je grösser zum Beispiel die arbeitsvertraglichen Freiheiten sind, desto intensiver ist in der Regel die soziale Kontrolle von Leistung und Verhalten.»

Legendäre Benefits

Advanon ist mit seinen vielen Mitarbeiter-Goodies weltweit gesehen jedenfalls im Trend. US-Firmen sind für ihre Mitarbeiter-Benefits legendär – aber eben auch für ein rigides System von Leistungsmessung. So mag es stimmen, dass es beispielsweise in der kalifornischen Google-Zentrale viele Begegnungszonen und hübsch gestaltete Orte für Kreativität gibt. Aber dort finden sich eben auch klare Instruktionen, wie das Wissen, das hier generiert wird, anderen zugänglich gemacht werden muss und welches Niveau von Ergebnis erwartet wird. Paradies ist anders.

Auch bei Advanon, das seinen Mitarbeiter-Goodies einen eigenen Namen, «Advaperks» (Perks = Vergünstigungen), gegeben hat, steht in der Präambel der Mitarbeiterrechte, dass diese ihre Ziele erreichen müssen. Lojacono sagt: «Man kann sicher sagen, dass wir keinen 9-to-5-Job haben.»

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