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«Ein Romand in der Champions League»

In den USA wird Goldman Sachs von der Börsenaufsicht massiv beschuldigt. Doch das färbt (noch) nicht auf das Schweizer Geschäft ab. Hier zieht ein 40-Jähriger die Fäden, den das «Wall Street Journal»

Von Mélanie Knüsel-rietmann(TEXT) Zvonimir Pisonic (FOTOS)
am 28.04.2010

Wir haben viel jüngere und attraktivere Leute bei uns; die sollten sie kennen lernen», sagte der für seinen irischen Humor bekannte Lord Griffiths of Fforestfach am letzten St.Gallen Symposium. Mit «wir» meinte er die Investmentbank Goldman Sachs, die er als einer der Chairmen präsidiert. Und «jünger und attraktiver» war auf den «rising star» - so das «Wall Street Journal» - gemünzt.

Diese Beschreibung kann nur auf einen passen: François-Xavier de Mallmann, bereits im Alter von 33 Jahren Partner und Managing Director, Mitglied im europäischen Management-Komitee und zuständig für das Schweizer Geschäft. Als Leiter der European Financing Group von Goldman Sachs (GS) führt de Mallmann in der Region das Kapitalmarktgeschäft mit den Bereichen Eigen- und Fremdkapitalmärkte, Aktien-, Zins- und Währungsderivate sowie weitere Bereiche.

Ganz selten schaffen es Banker mit einem Schweizer Pass, in diese Champions League aufzusteigen. Darauf angesprochen, zuckt de Mallmann die Schultern und findet das nichts Besonderes. Nur ein kokettes Understatement?

Leider nicht, wie sich im Lauf des Gesprächs heraus stellt. Leider deshalb, weil es schwierig wird, mit ihm über Dinge zu sprechen, die ausserhalb seines beruflichen Alltags liegen, geschweige denn über seine Erfolge. Seine Gesten sprechen Bände und die ausgesendeten nicht-verbalen Signale sind leicht zu lesen. Sobald nämlich von Goldman Sachs und harten Fakten die Rede ist, blüht FX - wie er allgemein genannt wird - förmlich auf. Die Gesten werden lebhaft, die Augen blitzen. Je länger FX über sein Metier spricht, desto lebhafter werden seine Bewegungen von Händen und Armen.

Aber bereits die Frage nach seinem Berufswunsch als Kind lässt ihn wieder ruhiger werden. Es ist, also wollte er sagen: «Wen interessiert das schon?» Uns zum Beispiel. Hatte er ein Sparschwein? Jetzt muss sogar FX lächeln. «Nein. Ich wollte nur etwas: Später einmal einen Beruf ausüben, bei dem ich unabhängig bin und einen grossen Gestaltungsfreiraum habe. Aber zu keiner Zeit habe ich damals an Banken gedacht.» Ziel erreicht? «Es kommt darauf an, wie man Freiraum definiert. Ich habe beides, viel mehr und viel weniger als ich erwartet hatte. Das Wichtigste im Moment ist, dass ich die Möglichkeit habe, meine Agenda zu beeinflussen, und wählen kann, mit wem ich Zeit verbringe.»

Hartes HSG-Pflaster

Wieso ist er denn nach dem Studium im Alter von 22 Jahren trotzdem Banker geworden, obwohl dies in seinem Lebensentwurf gar nicht vorgesehen war? Könnte es sein, dass sein Studium an der Universität St.Gallen ihn umgepolt hat?

Völlig unerwartet erzählt er eine Episode aus seinem Leben, die mehr über ihn aussagt als 1000 Worte. «Ich wollte in St. Gallen studieren, weil die HSG zu den reputiertesten Universitäten gehört. Ich konnte kein Wort Deutsch. Ich musste zuerst im Wörterbuch nachschauen, was volkswirtschaftliches Integrationsseminar auf Französisch heisst, für das ich mich eingeschrieben hatte.»

Und das sagt ein Mann, der heute zu den Hoffnungsträgern von GS gehört. «Er legt einfach keinen Wert darauf, sich zu rühmen. Das ist mir an ihm sofort aufgefallen. Er hat bei mir eine hervorragende Diplomarbeit über den Mehrwert der Kreativität in der Luxusgüterbranche geschrieben», sagt HSG-Professor Cuno Pümpin, den er - neben Professor Rolf Dubs - als Ersten sofort nennt, weil er ihm Eindruck gemacht und ihn motiviert hat.

Beide erinnern sich noch gut an den jungen Romand. «Ich hatte sowieso eine grosse Affinität zu ihm und seinen Landsleuten, weil sie vieles auf sich nahmen, um ein Studium an unserer Universität zu absolvieren, das ja nicht gerade ein Sonntagsspaziergang ist», sagt Dubs. Und Pümpin ergänzt: «Unwahrscheinlich, wie rasch sich FX bei uns eingearbeitet hat und unabhängig von seinen hervorragenden Leistungen immer derselbe geblieben ist.»

Wenn Pümpin sagt, er sei immer derselbe geblieben, hat dies einen Grund: Er hat de Mallmann nicht aus den Augen verloren. «Wir sind in Kontakt geblieben und wir treffen uns regelmässig.» Er sei jedes Mal ein wenig stolz auf seinen ehemaligen Studenten und stelle fest, dass er unprätenziös geblieben sei und immer noch lieber über Sachliches als über Persönliches spreche.

De Mallmann erzählt, dass er in St. Gallen in einem denkmalgeschützten Haus an der Spisergasse gewohnt hat - zusammen mit anderen Kommilitonen. «Ich weiss noch, dass ich in den ersten beiden Jahren Tag und Nacht gebüffelt habe, um mein Deutsch aufzupolieren.» Und das ist ihm gelungen, wie Pümpin und Dubs mit Hochachtung bestätigen.

Gegönnt hat sich FX in dieser Zeit höchstens ein regelmässiges Jogging rund um die Drei Weihern. Aber im Gegensatz zu seinen Studienkollegen ist de Mallmann dort weder herumgepaddelt noch hat er sich gebräunt, sondern drehte nur seine Runden. Auch das Aufzählen der beliebtesten Kneipen, wo sich seinesgleichen von den Strapazen des Studiums bis tief in die Nacht hinein erholte, bringt nicht weiter. Er kennt weder das «Seeger» noch den «Bierfalken», obwohl die beiden Beizen nur einen Steinwurf von seiner damaligen Wohnung entfernt sind.

«Trust ist alles»

Und doch wirkt de Mallmann nicht wie ein typischer Streber. Er begeistert sich noch heute für das St. Gallen Symposium und kommt jedes Jahr wieder - oft nicht nur als Teilnehmer, sondern auch als Referent. Dazu Professor Wolfgang Schürer, der diesen Anlass vor 40 Jahren zusammen mit Gleichgesinnten begründete: «Er hat innert Saisonbestzeit sogar Schweizerdeutsch gelernt.» An seiner heutigen Tätigkeit falle auf, dass er sich nicht nur um grosse Investoren, sondern auch um KMU kümmere. «Das ist in seiner Position nicht üblich.»

«Wir sind in unserem Geschäft sehr auf Vertraulichkeit fokussiert und darauf, das Risiko möglicher Informationslecks zu minimieren. Wir scheuen auch nicht davor zurück, einem Klienten zu sagen, dass wir von einer Transaktion Abstand nehmen würden, auch wenn sie dann nicht zustande kommt und wir auf ein Geschäft verzichten müssen.» «Stimmt», sagt Schürer, «ich kenne zwei seiner Kunden, welchen er von einem Deal abgeraten hat, die aber bei der nächsten Transaktion wieder zu ihm gegangen sind, weil sie ihm vertrauten.»

«Trust» ist denn auch eines seiner Lieblingswörter, vor allem, wenn er auf sein Geheimrezept für Aufsehen erregende Transaktionen angesprochen wird - GS ist durch seine langjährige Präsenz und den starken Fokus auf den Schweizer Markt ein gefragter Berater und hat sich zum Marktführer im heimischen Geschäft mit Mergers & Acquisitions entwickelt. «Wir verwenden viel Zeit darauf, diese Mandate zu gewinnen und verzichten darauf, etwas an Land zu ziehen, wenn wir zur Einsicht kommen, dass es für den Klienten nicht empfehlenswert wäre.»

Noch ein letzter Versuch, etwas über seinen persönlichen Lebensstil zu erfahren. Wie lebt der Genfer in London, wo er jetzt zu Hause ist? «Wie ein Europäer, der hier seine Zelte aufgeschlagen hat. Ich geniesse die Vielfalt der Möglichkeiten und dass man sich in einem toleranten Umfeld bewegt. Man wird nicht gleich schubladisiert.»

Das gilt auch für sein wirklich glühendes Bekenntnis zu GS: «Hier kommt es überhaupt nicht darauf an, welchen Background jemand hat, nur seine Leistung und der Beitrag für den Erfolg der Klienten und der Bank zählen. Das sagt mir zu, darum fühle ich mich hier so wohl.»

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