Auf den Webforen, wo Programmierer und Nutzer ihre Erfahrungen austauschen, liest man wenig Nettes. «Was wäre, wenn Gott wirklich gewollt hätte, dass SAP einfach einzuführen ist», schreibt einer, der stellvertretend für viele andere steht. Wie gross der Unmut ist, zeigt sich bei der Eingabe der Stichwortfolge «Probleme mit SAP» bei Google. Die Suche liefert 4,5 Millionen Treffer.

Nicht nur im Internet entlädt sich der Frust über die meistgenutzte Business-Software der Welt, sondern auch in den Jahresberichten vieler Unternehmen. Das führt jeweils zu Schlagzeilen in den Me­dien, die etwa lauten: «Verzögerungen bei der Einführung der SAP drückten auf den Umsatz.» Die im Handel mit Auto-Ersatzteilen tätige Westschweizer Métraux etwa verbuchte ausgerechnet im konjunkturstarken 2007 ein schlechtes Geschäftsjahr. Sie konnte längere Zeit nicht mehr liefern, weil die neue SAP-Software erst nach mehreren Zusatzanläufen richtig lief.

Negative Erfahrungen machten auch ­öffentliche Verwaltungen. Das Basler Kantonsspital etwa konnte nach Pannen mit der neuen SAP-Software monatelang keine Rechnungen verschicken. Auch in Baselland hatte man gigantische Probleme, was gar politische Vorstösse zur Folge hatte. Im Februar 2011 kämpfte gar die Schweizer Armee mit SAP. Die Software gebärdete sich undiszipliniert und musste einige Tage komplett heruntergefahren werden. Die Ursache war nicht ein feindlicher Hackerangriff, Gegner war die Software selbst.

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Keine ist so vollständig

Es gibt keine Statistik, wie viele SAP-Projekte allein in der Schweiz schon missglückt sind. Es müssen aber Dutzende sein. Das will das Softwarehaus so nicht stehen lassen. «Der Fakt, dass weltweit über 183 000 Kunden auf SAP-Anwendungen und -Dienstleistungen setzen, spricht für die Qualität, die Kosteneffizienz und den Nutzen unserer Lösungen», sagt Sprecherin Claudia Lukaschek. Zahllose Kundenbeispiele dokumentierten Einsparungen, Beschleunigungen und Effizienzsteigerungen in erheblichem Umfang.

Der deutsche Konzern, der vor 40 Jahren von ehemaligen IBM-Mitarbeitern gegründet wurde, befindet sich denn auch in glänzender Verfassung. Er wächst unentwegt und schreibt Jahr für Jahr neue Rekordzahlen. Allein in der Schweiz haben drei Viertel ­aller Grossunternehmen mittlerweile SAP eingeführt.

Warum der Erfolg, trotz Anfeindungen und Jammern? Peter Aemisegger, Marketingchef des IT-Beratungsunternehmens Advellence, erklärt: «Natürlich gibt es Firmen, die Ähnliches herstellen, manchmal besser und manchmal schlechter, aber keine andere Business-Software ist so vollständig.» SAP deckt also alle Prozesse ab, ob Buchführung, Controlling, Einkauf, Produktion, Lagerhaltung, Vertrieb oder Personalwesen. Unter Branchenexperten gilt Oracle als einziger ernsthafter Kon­kurrent. Die Amerikaner ringen mit den Deutschen um die Vorherrschaft bei der Unternehmenssoftware. Die Rivalen schenken sich nichts, wie der jüngste Datenklau-Prozess zeigt: Oracle fordert wegen Verletzung des Urheberrechts 1,23 Milliarden Dollar von SAP.

Der Mangel an gleichwertigen Konkurrenten ist nicht der einzige Erfolgsfaktor. «Die Software hat ihre unbestrittenen Stärken, obwohl das SAP-System komplex, teuer, schwerfällig und benutzerunfreundlich ist», sagt Aemisegger. Besonders hebt er die Sicherheit und Verlässlichkeit hervor. Es sind dies offensichtlich entscheidende Kriterien, die den Leidensprozess bei der Einführung wettmachen. «Ist SAP erst einmal richtig implementiert, überwiegen die Vorteile: Abstürze sind selten, und Firmen partizipieren an einem weltweit etablierten System», so Aemisegger. Globale Kompatibilität wird nicht nur für Grosskonzerne immer wichtiger, sondern für alle international ausgerichteten Unternehmen, auch kleine.

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Eine neue Denkweise

Zulieferbetriebe geraten deshalb oft geradezu in SAP-Zugzwang. Im Rahmen firmenüberschreitender Produktionsketten ist es für alle Beteiligten optimal, wenn sie über die gleiche Unternehmenssoftware vernetzt sind. Der Weg, der zu diesem skizzierten Idealzustand führt, ist ­allerdings mit Stolpersteinen gepflastert. «Grundsätzlich läuft bei einem Drittel aller Software-Einführungsprojekte irgendetwas schief», gibt Aemisegger zu bedenken. Häufigste Fehlerursache: Die Beteiligten nehmen das Projekt auf die leichte Schulter. In der Tat umfasst die SAP-Implementierung die komplexe Datenübernahme aus einem bestehenden in ein neues Systemumfeld. Es lauern dabei technische Probleme, Verzögerungen und Kostenüberschreitungen, sodass zuletzt oft über Geld gestritten wird.

Unterschätzt wird zudem, dass SAP nicht einfach eine neue Software ist. Installation und Anwendung erfordern eine spezifische, das gesamte Unternehmen umfassende Denkweise. Die Stärken von SAP kommen erst dann zum Tragen, wenn die betrieblichen Abläufe an die Software angepasst sind. «Leider jedoch verpassen es viele Firmen, die vor einer Einführung notwendigen organisatorischen Änderungen vorzunehmen», sagt der SAP-Experte und Schulungsspezialist Jonny Meyer. «Sie handeln nach dem Trugschluss, dass sich die Software dem Betrieb anpassen soll statt umgekehrt.»

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Oft vernachlässigt wird auch die Schulung. Die Unternehmen lassen es bei einer kurzen Einführung am Arbeitsplatz bewenden. «Das ist grundsätzlich ungenügend», so Meyer. Er plädiert für Kurse, bei denen die Nutzer über die richtige Anwendung hinaus auch lernen, was mit den Daten passiert und welchen Weg diese im System nehmen. Überdies warnt er die Informatiker davor, den Weg abzukürzen und Funktionalitäten nicht zu aktivieren, welche die Anwendung vereinfachten.

Experten sind sich also darin einig, dass die Software SAP weitaus besser ist als ihr Ruf. Oft aber werde sie zum Sündenbock gemacht, weil Projektleiter mit der erwiesenermassen aufwendigen und schwierigen Einführung überfordert seien. «Wie überall gibt es auch bei einem SAP-Projekt lediglich Checklisten und keine todsicheren Rezepte zur Vermeidung der möglichen Fehler», sagt Meyer. Und er erinnert an Murphys Gesetz, dass alles, was schiefgehen kann, schiefgehen wird – auch bei der Implementation der allerbesten Business-Software.

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