Porträt vom 9. September 2011

Er ist ein schwieriger Chef. Thomas Jordan gilt als extrem genau, detailversessen und anspruchsvoll. Der Vizepräsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB) delegiert ungern. Er muss sich über jede Kleinigkeit Gewissheit verschaffen, bevor er entscheidet. Das verlangsamt die Prozesse und belastet die Mitarbeiter.

Mitten in der Euro-Krise ist die Gewissenhaftigkeit des 48-jährigen Jordan für die Nationalbank allerdings ein Glücksfall. Sie kann sich jetzt keine Fehler erlauben. Am Dienstag fällte das Direktorium der Nationalbank einen historischen Entscheid und legte einen Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro fest. Diese Untergrenze werde sie «mit aller Konsequenz durchsetzen», sie sei «bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen».

Zum zweiten Mal in ihrer Geschichte versucht die Nationalbank, die Aufwertung des Frankens mit der Brachialmethode zu stoppen. 1978 konnte damit die Aufwertung gegenüber der D-Mark beendet werden. Als Folge davon stieg die Inflation zu Beginn der 80er-Jahre auf über 7 Prozent. Doch diesmal ist alles anders - und es steht mehr auf dem Spiel.

Prophet der Euro-Problematik

1978 galten der Devisenhandel und die Währungsspekulation als Nischengeschäft. Die SNB konnte auf den Goodwill der Bundesbank zählen, und sie kettete den Franken an eine stabile D-Mark. Heute werden dagegen im Euro-Franken-Handel täglich um die 70 Milliarden Franken umgesetzt. Die Europäische Zentralbank nimmt die Schweizer Massnahmen nur kühl «zur Kenntnis» und erklärt, die SNB tue dies «auf eigene Verantwortung». Und der Franken hängt an einer Währung, die viele bereits abgeschrieben haben.

Niemand weiss das besser als Thomas Jordan. Der Bieler untersuchte die Vor- und Nachteile der Europäischen Währungsunion. Seine Analyse liest sich wie eine Studie über die aktuellen Probleme der Euro-Zone, aber sie erschien 1994 - als Doktorarbeit an der Universität Bern.

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Jordan prophezeite, dass die Europäische Währungsunion mit Problemen kämpfen wird. Die Einschränkung der Autonomie der Geld-und Fiskalpolitik in einem Mitgliedsstaat könne zu einer Finanzierungslücke führen, welche die Euro-Zone «schlussendlich übernehmen muss, wenn sie ein Auseinanderbrechen nicht in Kauf nehmen will». Die Gemeinschaft riskiere, «schlussendlich einen Bailout finanzieren zu müssen». Die im Maastrichter Vertrag vorgesehene «No-Bailout»-Regel hält Jordan für «unglaubwürdig». Bei schwerwiegenden Problemen eines Mitgliedstaates werde die Gemeinschaft, «die ihrem Wesen nach eben eine Solidargemeinschaft ist, nicht darum herumkommen, finanziellen Beistand zu leisten».

«Möglichkeiten, Regeln zu umgehen»

Haarklein legt Jordan dar, warum das Regelwerk der Währungsunion nicht funktionieren kann. Das fängt schon bei den Aufnahmekriterien in die Währungsunion an. Man dürfe sich «nicht zu grosse Hoffnungen auf eine wirklich selektive Aufnahme machen». Einerseits wegen politischen Überlegungen, «andererseits kann ein Land versuchen, seine effektive Situation zu vertuschen und so trotzdem die Bedingungen für die Aufnahme zu erfüllen» - was im Fall Griechenland dann prompt der Fall war. «Insgesamt müssen sowohl bei der Möglichkeit einer optimalen Formulierung als auch bei der Durchsetzbarkeit von Fiskalregeln innerhalb einer Währungsunion grosse Fragezeichen gesetzt werden», warnt Jordan, die Regierungen hätten «viele Möglichkeiten, solche Regeln zu umgehen».

Jordan sieht voraus, dass die Kapitalmärkte die Kreditwürdigkeit der einzelnen Staaten in der Währungsunion nicht korrekt einschätzen werden und «nicht in einem hinreichenden Mass eine unterschiedliche Verzinsung nach Risiken vornehmen». Er warnt: «Abrupte Veränderungen in der Kreditgewährung können dann Solvenzprobleme massiv verschärfen.» Im Frühling 2010 war es so weit.

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Prophetisch liest sich Jordans Analyse der Abhängigkeit von verschuldeten Staaten und ihren Banken. «Die Zahlungsunfähigkeit eines Staates kann zu einer Banken-und Finanzkrise führen, wenn diese Institutionen grosse Teile der nationalen Verschuldung halten. In einer solchen Situation müsste eine europäische Zentralbank als Lender of Last Resort dem Banken-und Finanzsystem beistehen. Dadurch wird implizit ein Bailout des insolventen Staates vollzogen.» 

Jordan sieht voraus, dass auftretende Krisen in der Währungsunion eine Zentralisierung der Steuer-und Ausgabenpolitik bringen werden. «Die Bildung der Währungsunion wird deshalb mit grosser Wahrscheinlichkeit früher oder später die Gründung einer europäischen Fiskalbehörde zur Folge haben.» Prompt fordern Jean Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, oder Jean-Claude Juncker, der Chef der Euro-Gruppe, seit kurzem ein «europäisches Finanzministerium».

Er kennt das Problem des Euro genau

Jordan wusste schon damals, dass es für einen optimalen Währungsraum kaum geeignete Kandidaten gibt. Nur gerade Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und Luxemburg kamen laut seinen Forschungsergebnissen dafür infrage.

Wer die Probleme der Euro-Zone so früh und kristallklar analysieren konnte, dürfte jetzt eigentlich ziemlich schlecht schlafen. Das neue Wechselkursziel macht die Geldpolitik der Nationalbank von Entwicklungen in der Euro-Zone abhängig, auf die sie keinen Einfluss hat. Zur Bekämpfung der Frankenstärke muss die SNB nötigenfalls Dutzende oder gar Hunderte von Milliarden Franken einsetzen. Im schlimmsten Fall riskiert sie den Bankrott.

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Jordan kennt das Problem des Euro genau. Er muss wissen, auf was er sich eingelassen hat. Jedenfalls bringt er das nötige Fachwissen mit. Davon ist auch Georg Rich überzeugt. «Aufgrund seines akademischen Werdegangs weiss Jordan haargenau, welche Massnahmen erfolgversprechend sind und was nur gut klingt, aber nicht wirkt», meint der frühere Chefökonom der Nationalbank.

«Das Zeug zum grossen Notenbanker»

Jordan studierte Volks-und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bern, beim angesehenen Geldtheoretiker und langjährigen Berater der Nationalbank Ernst Baltensperger. Nach einem dreijährigen Forschungsaufenthalt an der Harvard University, wo er seine Habilitationsschrift verfasste, begann er 1997 in der Forschungsabteilung der Nationalbank, daneben hielt er Vorlesungen an den Universitäten Bern und Zürich.

Er sei «schon früh aufgefallen als einer, der das Zeug zum grossen Notenbanker hat», sagt jemand, der damals mit ihm zusammenarbeitete. Entsprechend rasch machte er Karriere. 2004 ernannte ihn der Bundesrat zum stellvertretenden Mitglied des Direktoriums und hob ihn damit in den innersten Machtzirkel der Nationalbank. 2007 stieg er ins Direktorium auf, das dreiköpfige Führungsgremium.

Nach dem Rücktritt von Jean-Pierre Roth wählte der Bundesrat jedoch nicht den fachlich Versiertesten. Nachfolger wurde der Vizepräsident des Direktoriums und Kommunikator Philipp Hildebrand.

An Gewicht gewonnen

Jordan hat aber innerhalb der SNB an Gewicht gewonnen. Seit dem Kollaps von Lehman Brothers ist die Finanzstabilität neben der Preisstabilität zu einer Hauptaufgabe der Notenbanken geworden. Mit der Reorganisation im letzten Herbst wurde die Abteilung Finanzstabilität aufgewertet und auch personell ausgebaut.

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Nach der Kritik an den Devisenmarktinterventionen im letzten Jahr und der politischen Polemik gegen Hildebrand tritt nun vermehrt Jordan auf, um die Position der Nationalbank zu vertreten. An diese Aufgabe muss er sich schnell gewöhnen. Jordan wird der Öffentlichkeit noch viel erklären müssen.