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«Unehrlichkeit ist wie ein hochansteckendes Virus»

Verschränkte Finger: Vielerorts gilt die Geste als Sinnbild für Schummler. Flickr: Dennis Skley

Dan Ariely ist Bestsellerautor und Professor für Verhaltensökonomie. Im Interview erklärt er, warum wir im Büro weniger lügen als im Privatleben – und wie Firmen Betrug verhindern können.

Von Malte Buhse
am 29.08.2015

Ich würde mich als ehrlichen Menschen bezeichnen. Glauben Sie es mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich heute noch nicht gelogen habe?
Dan Ariely*: Nein.

Warum nicht?
Weil wir alle lügen, meistens täglich.

Sie haben das in zahlreichen Experimenten gezeigt: Wenn es die Möglichkeit gibt, durch eine kleine Schummelei einen Vorteil zu bekommen, nutzen die meisten sie. Ist das nicht deprimierend?
Ja und nein. Ich und meine Kollegen haben ja auch gezeigt, dass die meisten Menschen viel weniger lügen und betrügen, als sie eigentlich könnten.

Lügen wir am Arbeitsplatz so häufig wie im Privatleben?
Die meisten Menschen lügen bei der Arbeit nicht so oft wie im Privatleben. Das liegt daran, dass man bei der Arbeit weniger kleine Lügen benutzt, wir nennen sie «weisse Lügen». Das sind Lügen, mit denen man andere Menschen schützen will. Zum Beispiel weil die Wahrheit jemanden verletzen würde, den man gerne mag. Da wir zu den meisten Menschen am Arbeitsplatz nicht so enge persönliche Beziehungen haben, sind wir da meistens offener und trauen uns, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Es wird also im Büro seltener gelogen, dafür haben Lug und Betrug hier oft eine grössere Wirkung und können grösseren Schaden anrichten.

Sie haben zahlreiche Experimente zur Teamarbeit gemacht und beobachtet, wie die Zusammenarbeit mit anderen unseren Umgang mit Wahrheit und Lüge beeinflusst. Zu welchen Ergebnissen sind Sie dabei gekommen?
Die Ergebnisse waren leider eindeutig: Teamarbeit macht aus uns noch grössere Lügner. Immer wenn die Probanden in unseren Experimenten in Gruppen zusammenarbeiten durften, schummelten sie mehr, als wenn sie alleine waren.

Wie kommt es dazu?
Wir haben dafür zwei Erklärungen. Zum einen gibt es so etwas wie altruistisches Betrügen. Bei einer Gruppenarbeit wird oft das gesamte Team für das Arbeitsergebnis belohnt. Wenn ich nun mit un­erlaubten Mitteln den Gewinn meines Teams erhöhe, bekommen alle einen höheren Bonus. Dieses Gefühl, den anderen etwas Gutes zu tun, lindert eventuelle moralische Zweifel. Und zweitens fällt es uns grundsätzlich immer leichter, Regeln zu brechen, wenn wir es gemeinsam mit anderen tun.

Also sollten wir lieber alleine arbeiten?
So weit würde ich nicht gehen, Teamarbeit hat viele Vorteile. Aber sie ist nicht das grosse Wundermittel, als das sie oft gilt, und hat schädliche Nebenwirkungen, die man beachten muss.

Warum lügen wir uns selber an?
Damit wir uns besser fühlen. Menschen neigen dazu, sich selbst und die Welt um sie herum in einem zu positiven Licht zu sehen. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen Selbstüberschätzung. Sich selbst anzulügen, ist oft nichts anderes, als sich Mut zuzureden. In diesem Fall sind Lügen nicht unbedingt schlecht und manchmal sogar sehr nützlich. Sie helfen, Träume zu verwirklichen und Neues zu entdecken. Wenn wir bei allem, was wir machen, immer realistisch auf unsere Schwächen und die Probleme vor uns schauen würden, wären wir oft entmutigt und würden uns nur wenig trauen. Aber auch mit den Lügen, die man sich selbst erzählt, sollte man vorsichtig sein. Man gewöhnt sich schnell daran und fängt an, sich selbst und seine Umgebung immer mehr schönzureden.

Zu uns selbst dürfen wir also manchmal lügen. Ist es dann nicht auch im Büro manchmal okay, wenn man es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt? Zum Beispiel, um Kollegen zu schützen?
Nein, ich plädiere da ganz klar für eine Null-Toleranz-Politik. Es mag Lügen geben, die auf den ersten Blick nicht so schlimm erscheinen, doch sie haben immer Langzeitfolgen. Menschen, die mit einer Lüge durchkommen, werden so oft mutiger und in der Folge immer unehrlicher. Es gibt dann einen Punkt, an dem man sich denkt: Ach komm, was solls, wenn ich schon schummele, dann lieber richtig, damit es sich wenigstens lohnt. Und dabei sind schon Kleinigkeiten entscheidend. In einem Experiment konnte ich mit zwei Kollegen zeigen, dass es zum Beispiel schon reicht, gefälschte Markenkleidung zu tragen. Die Probanden, an die wir gefälschte Luxus-Sonnenbrillen verteilt hatten, schummelten deutlich mehr als die mit den echten Brillen. Sie hatten, vielleicht auch nur unbewusst, das Gefühl, dass sie eh schon nicht ganz ehrlich waren, und zogen es dann einfach durch.

Was heisst das für Firmen, die verhindern wollen, dass ihre Mitarbeiter betrügen?
Sie müssen bei der ersten Lüge sofort eingreifen. Auch wenn es manchmal unfair ist: Schon beim ersten Verstoss sollte es eine klare Strafe geben. Unehrlichkeit kann wie ein hochansteckendes Virus sein, das sich ausbreitet und auch ehrliche Menschen schnell erfasst.

Viele Betrugsfälle werden aber sehr spät aufgedeckt, und gerade in grossen Unternehmen ist es schwer, alle Mitarbeiter zu überwachen. Was würden Sie raten?
Man sollte das Timing ändern. Momentan wird häufig erst eingegriffen, wenn bereits etwas passiert ist. Dann wird jemand bestraft oder gefeuert. Besser wäre es, nicht nur zu versuchen, eine Lüge aufzudecken, sondern es gar nicht erst zur Lüge kommen zu lassen. Der grösste Schaden entsteht in der Regel nicht durch skrupellose Einzeltäter, die in grossem Stil betrügen, sondern durch die kleinen Unehrlichkeiten von vielen. Wir alle wissen genau, was richtig und falsch ist, müssen an dieses Wissen aber immer wieder erinnert werden. Zum Beispiel durch einen Ethik-Kodex, den man unterschreiben muss, oder auch durch Schilder, welche im Büro hängen und auf diesen Kodex hinweisen.

So etwas funktioniert wirklich?
Auch das haben wir in mehreren Experimenten getestet. Wir liessen Probanden einen fiktiven Ethik-Kodex unterschreiben und setzten ihnen dann eine Aufgabe vor, bei der sie durch Schummeln ihre Gewinne steigern konnten. Das Ergebnis war erstaunlich: Wer den Kodex unterschrieben hatte, blieb beim Lösen der Aufgabe ehrlicher und widerstand der Verlockung zum Betrug. Dabei stand im Kodex noch nicht mal, dass es bei Verstössen eine Strafe geben würde.

*Dan Ariely erforscht seit Jahren die Rätsel des menschlichen Verstandes. Seine Spezialgebiete sind Irrationalität und Unehrlichkeit. Der 48-Jährige ist damit einer der bekanntesten Psychologen und Verhaltensökonomen der Welt. Er arbeitet als Professor an der Duke University in Durham im US-Bundesstaat North Carolina.

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