Was sind Ihre drei wichtigsten Voraussagen für die Entwicklung an den Märkten im 2022?

Erstens wird die aktuelle Inflation in den USA und Europa ihren Zenit überschreiten. Strompreise werden sich in der wärmeren Jahreszeit normalisieren, die aktuelle Überlastung der globalen Handelswege ebenfalls. Chronische Engpässe an den Arbeitsmärkten werden durch die steigende Produktivität in vielen Fällen ausgeglichen.

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Zweitens bleiben vor dem Hintergrund die Leitzinsen lange tief. Die US Fed wird erst im vierten Quartal 2022 ihre Zinsen um 0.25 Prozent erhöhen. Die 10-jährigen Kapitalmarktrenditen dürften in Europa nur marginal über Null klettern, auf circa 0.1 Prozent, in den USA bleiben sie ebenfalls verhalten und steigen auf 2 Prozent.

Und drittens: Während die Wirtschaft wächst, inflationsbereinigt in der Schweiz sogar stärker als in der Eurozone und den USA, bleiben Aktien einmal mehr die attraktivere Anlage als Bonds – besonders im Vergleich zu Staatsanleihen wird das gelten.

Reiche investieren vermehrt über Family Offices direkt in Unternehmen oder Hedgefonds. Stehen solche Investitionsmöglichkeiten auch normalen Anlegerinnen offen?

Im Grundsatz tun das auch normale Anleger schon heute über ihre Pensionskassen. Besonders die Anlagen in Private Equity erfreuen sich unter Vorsorgewerken in der Schweiz heute einer viel grösseren Beliebtheit als noch vor fünf oder zehn Jahren. Darüber hinaus sind bei Anlagen in Hedge Funds und Private Equity für kleinere Anlagen die Zeichnungsgrösse und die Auswahl der richtigen Manager tatsächlich schwieriger als für Family Offices. Doch auch hier existieren mittlerweile qualitativ hervorragende Beteiligungsmöglichkeiten bei entsprechenden Kollektivanlagen, welche Banken regelmässig bereitstellen.

Burkhard Varnholt

Burkhard Varnholt ist Anlagechef der Swiss Universal Bank und Vize-Chef des Global Investment Committee der Credit Suisse.

Quelle: ZVG

Die Aufregung um die Hersteller von Fleischersatzprodukten - wie Beyond Meat - an den Börsen ist verflogen. Lohnt es sich dennoch, auf die Branche zu setzen?

Also das Thema der Fleischersatzprodukte ist ja nur ein kleiner Mosaikstein im globalen Supertrend «Nachhaltige Ernährung». Bei diesem Supertrend geht es um viel mehr: Es geht darum, dass die heutige Nahrungsmittelindustrie einen viel zu grossen, ökologischen Fussabdruck hat, dass ihre Geschäftsmodelle nicht nachhaltig funktionieren und zudem zu viel Nahrung weltweit verloren geht. Aus meiner Sicht können und sollten Anlegerinnen und Anleger in diesen globalen Supertrend investieren. Denn es ist ein Trend, der andauert und in dem grosse Geschäftsopportunitäten bestehen – nicht nur beim Fleischersatz.

Wie wird sich Deutschland als Investitionsstandort unter der neuen Regierung entwickeln?

Gut. Aber das liegt weniger an der Regierung an der Spree als an der positiven Entwicklung in einigen Bundesländern, besonders in Süddeutschland. Deutschland hat, ähnlich wie die Schweiz, einen zutiefst föderalistischen Staat. Ob man die Bundesregierung mag oder nicht, ist für Anlagen weniger wichtig als manche meinen. Was mehr zählt, ist der ausgesprochen starke deutsche Mittelstand und die Tatsache, dass Deutschland in den letzten zwei Jahren zunehmend auch ein Standort für Innovation, Forschung und Entwicklung geworden ist.

Zudem sind die strukturellen Herausforderungen der deutschen Wirtschaft – ein rigider Arbeitsmarkt, die starke Export-Orientierung nach Asien – in den Preisen enthalten. Dass es Deutschland mit der Dekarbonisierung seiner Wirtschaft ernst nimmt, ist ebenfalls ein Trumpf. Denn in diesem Bereich könnte Europas grösste Wirtschaft durchaus einige globale Trümpfe weiterentwickeln.

«Dass es Deutschland mit der Dekarbonisierung seiner Wirtschaft ernst nimmt, ist ebenfalls ein Trumpf.»

Wechseln wir zum allgemeinen Börsengeschehen. Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte noch?

Nach wie vor dominiert sie vieles. Die Börsen meiden Unsicherheit und jede neue Virus-Mutation schafft Unsicherheiten in verschiedener Hinsicht: politisch, gesellschaftlich, epidemiologisch und humanmedizinisch. Allerdings dürfte der Einfluss von Mutationen tendenziell abnehmen, dank der steigenden Prävalenz von Antikörpern, besseren Therapien und der zunehmend berechenbaren politischen Mitigationsstrategien. Pandemien kommen und gehen auf stillen Füssen. Es ist durchaus plausibel, dass die Pandemie 2022 zur Endemie wird und sich eine neue Normalität entwickelt, in welcher die Corona-Vulnerabilität der Finanzmärkte spürbar abnimmt.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?

Nach der fulminanten Börsen-Erholung seit dem 23. März 2020 wird die Schweizer Börse – ähnlich wie die Weltbörsen – nächstes Jahr einen Gang zurückschalten. Doch generell wird sie weiterhin mehr Käufer als Verkäufer sehen und das nächste Jahr höher abschliessen als dieses Jahr. Das Tiefzinsumfeld bleibt im Grossen und Ganzen 2022 erhalten. Die Wirtschaft und die Unternehmensgewinne dürften erneut wachsen – inflationsbereinigt in der Schweiz sogar stärker als in der Eurozone und den USA. Vorsorgewerke werden weiterhin Umschichtungen aus Bonds in Aktien tätigen und erfolgreiche Unternehmen werden ihre Eigenkapitalrendite durch Aktienrückkäufe stärken.

Das Umfeld für Forschung und Entwicklung war selten so fruchtbar wie heute. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist nur über die Kraft der besseren Ideen und die Innovation zu schaffen. Die Flut an Venture Capital Investoren, auch in der Schweiz, fördert die Start-ups von heute, welche bereits morgen die «Agents of Change» für Wirtschaft und Märkte sein können. Kurzum: Im aktuellen Wellenbad von kurzfristigen Corona-Ängsten und mittel- bis langfristigen Wirtschaftsphantasien sollten Anlegerinnen und Anleger temporäre Rückschläge als Einstiegsgelegenheiten nutzen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?

Unser Kursziel für den SMI in zwölf Monaten lautet 13'070.

Burkhard Varnholt beantwortete die Fragen schriftlich.