Die US-Notenbank denkt angesichts des Inflationsschubs über eine womöglich raschere Anhebung der Zinsen nach. Wie aus den am Mittwoch veröffentlichten Protokollen der jüngsten Fed-Sitzung im Dezember hervorgeht, verwiesen die Währungshüter dabei auch auf einen sehr angespannten Arbeitsmarkt. Notenbank-Mitglieder merkten laut Protokoll an, womöglich sei es gerechtfertigt, die Zinsen früher oder in einem schnelleren Tempo als bislang erwartet anzuheben.

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Aus Sicht mancher Teilnehmenden könnte es zudem sinnvoll sein, mit der Verkleinerung der Notenbank-Bilanz relativ bald nach dem Start von Zinserhöhungen zu beginnen. Durch die umfangreichen Anleihenkäufe war die Fed-Bilanz zuletzt auf rund 8,8 Billionen Dollar angeschwollen.

Aktienmärkte auf dem falschen Fuss erwischt

Die Protokolle belasteten die Aktienmärkte. Der Dow Jones büsste 1,1 Prozent auf 36’407 Punkte ein. Der technologielastige Nasdaq gab 3,3 Prozent auf 15’100 Punkte nach. Der breit gefasste S&P 500 büsste 1,9 Prozent auf 4700 Punkte ein.

Am Donnerstag gaben in der Folge auch die Börsen in Asien und Europa nach. Der deutsche Leitindex Dax verlor in den ersten Handelsminuten 1,2 Prozent. Der SMI stand kurz vor zehn Uhr fast 1,3 Prozent im Minus.

Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index verlor am Donnerstag 2,9 Prozent. Der breiter gefasste Topix-Index sank um 2,1 Prozent. Auch in China ging es bergab. Die Börse in Schanghai gab 0,3 Prozent nach, der Index der wichtigsten Unternehmen in Schanghai und Shenzhen fiel um 1 Prozent.

Zügige Abkehr vom Krisenmodus

An ihrer Sitzung am 14. und 15. Dezember hatten die Dollar-Wächter angesichts der hochschiessenden Inflation eine zügige Abkehr vom Krisenmodus beschlossen. Zugleich signalisierten sie für 2022 im Mittel drei Zinsschritte nach oben. Damit könnte der geldpolitische Schlüsselsatz dann am Ende des laufenden Jahres in einer Spanne von 0,75 bis 1,0 Prozent liegen.

Aktuell liegt er in der Spanne von 0 bis 0,25 Prozent. Beim Zurückfahren ihrer Wertpapierkäufe zur Stützung der Konjunktur will die Fed zudem aufs Tempo drücken – ab Mitte Januar soll die Abbaugeschwindigkeit auf 30 Milliarden Dollar monatlich verdoppelt werden.

Höchste Inflation seit 1982

Die Teuerungsrate war in den USA im November auf 6,8 Prozent geklettert. Das ist der höchste Wert seit Juni 1982. Aus der Pandemiekrise resultierende Lieferprobleme, Materialengpässe und geradezu explodierende Energiekosten trieben die Inflation nach oben. Die Notenbank Fed achtet bei der Inflationsentwicklung besonders auf die persönlichen Ausgaben der Verbraucherinnen und Verbraucher.

Dabei bleiben Nahrungsmittel- und Energiekosten unberücksichtigt. Diese Jahresteuerungsrate (PCE-Kernrate) lag im November bei 4,7 Prozent. Das ist immer noch mehr als doppelt so hoch wie das Fed-Ziel von 2 Prozent.

Aus den Protokollen geht zudem hervor, dass die Währungshüter die Lage auf dem Arbeitsmarkt als sehr angespannt betrachten. Dabei wurde auf fast rekordhohe Zahlen zu Kündigungen und offenen Stellen verwiesen sowie auf ein Anziehen der Löhne. Viele Dollar-Wächter vertraten auf dem Treffen die Ansicht, dass Vollbeschäftigung schnell erreicht werde, sollte die Entwicklung anhalten.

Zum Zeitpunkt der Dezember-Zinssitzung begannen in den USA allerdings auch die Corona-Infektionen durch die Ausbreitung der Omikron-Variante zuzunehmen. In den Protokollen hiess es dazu, laut vielen Sitzungsteilnehmenden sei durch Omikron der Konjunkturausblick unsicherer geworden. Mehrere Notenbanker merkten aber an, dass sich durch Omikron der wirtschaftliche Erholungspfad nicht grundlegend verändere.

Notenbank-Chef Jerome Powell wird in der kommenden Woche vom Bankenausschuss des US-Senats angehört werden zu seiner Nominierung für eine zweite Amtszeit an der Spitze der Fed. Dabei dürfte er auch zu seiner Einschätzung der US-Konjunktur befragt werden. 

EZB noch weit von Zinserhöhung entfernt

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat derweil signalisiert, dass zuerst der Ausstieg aus ihren Anleihekaufprogrammen abgeschlossen werden soll, bevor die Zinswende folgt. Solange aber das bereits bis Oktober 2022 programmierte APP-Programm nicht abgeschaltet ist, ist daran nicht zu denken. Dabei hat die EZB ihre Inflationsprognose für das kommende Jahr mit 3,2 Prozent fast verdoppelt.

Dass die EZB als einzige unter den drei grossen Notenbanken trotz einer rekordhohen Teuerungsrate von zuletzt 4,9 Prozent stillhalten will, sehen manche Expertinnen und Experten sowie Teile der Wirtschaft kritisch. «Die EZB tut nicht zu wenig, sie tut das Falsche», so der deutsche Aussenhandelspräsident Dirk Jandura. «Dass sie in Krisenzeiten zur Stabilisierung der Staatsfinanzen beiträgt, kann politisch durchaus gerechtfertigt werden – aber nicht auf Dauer.»

 

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(reuters/gku)