Der französische Reifenkonzern Michelin und der US-Rivale Goodyear haben die Jahresergebnisse präsentiert. Beide Firmen sprechen von Engpässen in den Lieferketten und steigenden Kosten, die das letzte Jahr belastet hätten. Schlimmer aber: Beide Unternehmen rechnen damit, dass sich die Situation im 2022 noch lange nicht entspannen wird.

«Wir gehen davon aus, dass der Kostendruck in den nächsten Quartalen anhalten wird», sagte Richard Kramer, Chief Executive Officer von Goodyear, nach der Präsentation der Zahlen vom letzten Freitag. «Wir gehen davon aus, dass 2022 genauso durchzogen sein wird wie 2021», doppelte der Michelin-Präsident Florent Menegaux am Montag nach.

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In der Folge kommt es zu Kursstürzen an der Börse. Der US-Reifenkonzern Goodyear erlitt letzten Freitag den schwersten Verlust seit dem Schwarzen Montag 1987. Die Aktie fiel von knapp 22 US-Dollar auf unter 16 US-Dollar. Das ist ein Minus von rund 27 Prozent. Rund ein Viertel des Unternehmenswerts hat sich innert Kürze aufgelöst.

Goodyear präsentierte zwar Zahlen, die sogar über den Erwartungen lagen. Aber der Ausblick hat die Anleger erschreckt. Der Reifenhersteller habe mit mehreren Herausforderungen zu kämpfen, darunter steigenden Kosten, Personalschwierigkeiten und Halbleiterknappheit, hiess es am Freitag auf einer Telefonkonferenz mit Analysten. Die steigenden Ausgaben können mit Kostensenkungsmassnahmen nicht aufgefangen werden.

Diese Aussagen haben umgehend die Aktie des französischen Konkurrenten belastet. Das Michelin-Papier fiel am Freitagnachmittag, als der Goodyear-Rutsch begann. Gestern Montag ging es weiter: Die Aktie endete mit einem deutlichen Abschlag. Und der Rutsch geht weiter: Heute Dienstag startet das Papier erneut im roten Bereich. 

Michelin-Präsident Menegaux sagte anlässlich der Jahreszahlen, dass das Unternehmen im vergangen Jahr mit akuten Transportproblemen zu kämpfen hatte. Manchmal mussten täglich Dutzende von Lieferkettenkrisen bewältigt werden. Die zusätzlichen Kosten hätten sich auf 1,2 Milliarden Euro summiert. Das sind mehr als 3 Millionen Euro an jedem einzelnen Tag des Jahres. Diese Zusatzkosten hätte das Unternehmen aber mit drei Preiserhöhungen wieder «mehr als ausgleichen» können.

Michelin überzeugte auch bei der Profitabilität. Die Franzosen sind wieder zu Vor-Corona-Zeiten zurückgekehrt. Das operative Ergebnis legte um fast 60 Prozent auf 2,97 Milliarden Euro zu. Das entsprach einer operativen Marge von 12,5 Prozent wie im Jahr 2019. Im von Corona-Lockdowns belasteten Jahr 2020 war die Marge auf 9,2 Prozent abgerutscht. 

Trotzdem: Der Ausblick ist gedämpft. Die Unsicherheit bei den Anlegern bleibt. Momentan heisst es, die Lage sollte sich in der zweiten Hälfte des Jahres verbessern. Grosse Hoffnungen ruhen auf dem vierten Quartal. 

Die US-Investmentbank Goldman Sachs nannte die Aktie zuletzt als Kandidat für eine «positive Überraschung». Sie hat das Kursziel jüngst angehoben – von 163 auf 171 Euro. Die Aktie wird derzeit aber rund 25 Euro darunter gehandelt. Entsprechend interessant gestaltet sich nun die Ausgangslage: Das Business ist robust, der Gewinn positiv überraschend. Aber die entscheidende Frage lautet: Wie steht es um die Zukunft und was bedeutet die Inflation für den Reifenhersteller?