Die Talfahrt der Schweizer Wirtschaft ist vorerst gestoppt. Die Geschäftslage der hiesigen Unternehmen hat sich im Juli gegenüber dem Vormonat nicht verändert. Allerdings sind die Aussichten gerade in der Industrie nicht rosig.

Nach sieben Rückgängen in Folge verharrt der Geschäftslageindikator auf dem Vormonatswert, wie aus der Juli-Umfrage der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich hervorgeht. Die seit dem letzten Herbst anhaltende Abkühlung habe sich im vergangenen Monat erstmal nicht fortgesetzt, sagte KOF-Ökonom Klaus Abberger am Mittwoch vor den Medien in Zürich.

Auch wenn die Talfahrt der Schweizer Konjunktur momentan nicht weitergehe, bleibe das konjunkturelle Umfeld schwierig. Das Hoch von 2018 sei zu Ende gegangen. «Wir sind jetzt in einer Abkühlungsphase», sagte Abberger. Die Geschäftslage der Schweizer Unternehmen sei zwar immer leicht überdurchschnittlich. Die Wachstumsaussichten seien aber schwach.

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Abkühlung in der Industrie

Unter Druck sei die Industrie, die unter der verhaltenen internationalen Entwicklung leide. Die Geschäftslage setzte ihren Sinkflug den achten Monat hintereinander fort. Der Auftragsbestand habe jüngst merklich abgenommen. Die Firmen würden vermehrt über zu kleine Auftragsreserven klagen, schrieb die KOF.

Die Schweizer Industrie spüre deutlichen Gegenwind, sagte Abberger. Insbesondere die Exportwirtschaft leide. Bei der inlandorientierten Industrie spüre man eine gewisse Beruhigung. «Aber die Abkühlung geht auch an ihr nicht spurlos vorüber.» Der Auslastungsgrad der Maschinen und Geräte sei mit 80,1 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt von gut 83 Prozent.

In fast allen Industriezweigen habe sich die Lage verschlechtert. Am steilsten bergab geht es in der Textil- und Bekleidungsbranche. Aber auch die Chemie- und Kunststoffbranche, die Metall-, Fahrzeug- und Maschinenunternehmen oder die Elektrotechnikfirmen befänden sich auf Talfahrt. Die Ausnahme seien die Getränke- und Nahrungsmittelhersteller.

«Das passt zur internationalen Lage», sagte Abberger. In unseren Nachbarländern sei die Abwärtstendenz deutlich ausgeprägter. Insbesondere die deutsche Industrie leide stark. «Das kann uns durchaus Sorgen machen aus Absatzperspektive.» Auch in Frankreich ging es viel früher nach unten. Die Schweiz hinke etwas hinterher.

Im Vergleich zu Deutschland sei die Lage bei uns moderat, sagte Abberger: «Wir können uns aber den internationalen Abwärtstendenzen nicht entziehen.» Da würden auch die Handelskonflikte zwischen den USA und China eine Rolle spielen, die Deutschland stärker treffen würden als die Schweizer Industrie.

Erst 2020 dürfte es besser werden

Angesichts der Talfahrt beim wichtigsten Handelspartner der Schweiz denkt Abberger, dass der Tiefpunkt in der hiesigen Industrie noch nicht erreicht sei.

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Allerdings sehe die Schweizer Industrie nicht schwarz, die Stimmung sei nicht pessimistisch. «Es ist nicht zu erwarten, dass es scharf nach unten geht», sagte Abberger. Dennoch bestehe das Risiko, dass die Abkühlung in der Industrie auf die Gesamtwirtschaft durchschlage. Nach dem starken ersten Quartal erwarte die KOF eine deutliche Abkühlung des Bruttoinlandproduktes (BIP) im zweiten Quartal.

Dieses werde schwach ausfallen. Erst 2020 dürfte die Schweizer Konjunktur wieder Fahrt aufnehmen. Wenn es allerdings zu einem harten Brexit komme, könne die Erholung auch erst später einsetzen.

Bau als Wirtschaftsstütze

Grössere Abschläge gebe es auch bei den Projektierungsbüros und im Grosshandel. Leicht unter Druck sei die Geschäftslage im Detailhandel und im Baugewerbe. Gerade auf dem Bau habe es eine Belebung im Frühling gegeben und es sei keine Abschwächung der Nachfrage zu erwarten. Der Bau sei eine Stütze der Wirtschaft, sagte Abberger.

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Besser lief es dagegen in der Finanz- und Versicherungsbranche. Ebenfalls deutlich aufwärts geht es im Gastgewerbe und in der Beherbergungsbranche, die lange Zeit unter dem starken Franken gelitten habe und das Sorgenkind gewesen sei. Der Zimmerbelegungsgrad bei den Hotels sei überdurchschnittlich. Die Buchungslage sei so gut, dass sie sogar wieder Preiserhöhungen durchsetzen könnten, sagte Abberger.

Auch bei den übrigen Dienstleistungen zeige sich eine stabile bis leicht positive Entwicklung.

In die KOF-Konjunkturumfrage vom Juli sind Antworten von mehr als 4'500 Firmen aus der Industrie, dem Baugewerbe und den wichtigsten Dienstleistungsbereichen eingeflossen. Die Rücklaufquote der Umfrage lag bei etwa 57 Prozent.

(awp/gku)