Lieferengpässe und die Preisexplosion bei Energie treiben die US-Inflation auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten. Waren und Dienstleistungen kosteten im Oktober 6,2 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, wie das Arbeitsministerium in Washington mitteilte. Einen derart kräftigen Preisauftrieb haben die USA seit November 1990 nicht mehr erlebt.

Auch die von der Nachrichtenagentur «Reuters» jeweils befragten Experten wurden auf dem falschen Fuss erwischt. Sie hatten lediglich mit einem Wert von 5,8 Prozent gerechnet, nach einem bereits satten Preisauftrieb im September von 5,4 Prozent.

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«Die Inflation scheint ausser Rand und Band zu sein», sagt Ökonom Thomas Gitzel von der VP Bank.

Die USA sind dabei nicht allein, da die Preise praktisch weltweit auf dem Vormarsch sind. Grund sind Lieferengpässe wegen der Covid-Krise und ein weit verbreiteter Materialmangel bei Chips, Stahl, Holz und Kunststoff. In China stiegen die Herstellerpreise auf den höchsten Stand seit 26 Jahren. In Deutschland trieben hohe Kosten für Energie die Inflationsrate auf ein 28-Jahres-Hoch von 4,5 Prozent.

«Umwälzungsprozess»

Auch in den USA heizen die hohen Energiekosten die Inflation an. Die Spritpreise an den Zapfsäulen sind auf ein Sieben-Jahres-Hoch gestiegen. Der Ölpreis hat dieses Jahr bereits mehr als 60 Prozent zugelegt.

Ökonom Bastian Hepperle vom Bankhaus Lampe verwies darauf, dass Unternehmen gestiegene Kosten zunehmend an ihre Abnehmer weitergeben. «Dieser Überwälzungsprozess erfasst mehr und mehr Güter, da vor allem die Probleme auf der Angebotsseite sich nicht rasch auflösen.» In der Tat haben die US-Produzenten ihre Preise im Oktober erneut kräftig angehoben. Diese stiegen wie schon im September um 8,6 Prozent zum Vorjahresmonat. Einen kräftigeren Zuwachs hat es seit Beginn dieser Statistik im Jahr 2010 noch nicht gegeben.

«Die Zeit für expansive geldpolitische Massnahmen ist abgelaufen.»

Thomas Gitzel, VP Bank

Doch auch statistische Effekte spielen bei der rasch anziehenden Inflation eine gewichtige Rolle. Im Zuge der Corona-Pandemie waren im März 2020 viele Preise eingebrochen: «Die geringe Vergleichsbasis des Vorjahres ist noch immer der zentrale Treiber für die hohen Inflationsraten von nun über sechs Prozent», erläutert Ökonom Gitzel. Auch vor dem Hintergrund der rasant steigenden Preise hatte die US-Zentralbank jüngst die Abkehr von der extrem lockeren Geldpolitik eingeleitet: «Das ist gut so, denn die Zeit für expansive geldpolitische Massnahmen ist abgelaufen», sagte der Bank-Ökonom aus Vaduz.

Die US-Notenbank fährt ihre Anleihenkäufe ab Mitte dieses Monats zurück, so dass die Zukäufe von einem monatlichen Volumen von derzeit noch 120 Milliarden Dollar bis Mitte nächsten Jahres komplett abgeschmolzen sein dürften. Das Ende der Zukäufe gilt zugleich als Voraussetzung für eine Zinserhöhung.

«Zum Golde drängt....»

«Die Fed dürfte sich spätestens Ende nächsten Jahres gezwungen sehen, ihre zögerliche Haltung aufzugeben und eine Leitzinswende einzuleiten», meinte Volkswirt Dirk Chlench von der LBBW. Derzeit liegt der Leitzins noch fest zementiert in der Spanne von null bis 0,25 Prozent.

Der amerikanische Aktienmarkt reagierte mit einem leichten Fehlstart – der S&P-500-Index gab im frühen Handel um knapp ein halbes Prozent nach –, fing sich dann aber rasch wieder auf. Auf der anderen Seite treibt das 31-Jahres-Hoch der US-Teuerung weitere Anleger zum Gold. Die «Anti-Inflationswährung» gewinnt zwei Prozent und ist mit 1868,20 Dollar je Feinunze so teuer wie zuletzt vor fünf Monaten. V

or dem Hintergrund des anhaltenden Preisdrucks könne in den kommenden Wochen und Monaten mit einer Fortsetzung der Gold-Rally gerechnet werden, sagt David Meger, Chef-Metallhändler beim Brokerhaus High Ridge. Sollten jedoch die Spekulationen auf eine raschere Straffung der US-Geldpolitik zunehmen, könne die Stimmung schnell kippen.

(reuters/kop)