Künstliche Intelligenz könnte die Währungshüter der EZB bei der Aufarbeitung grosser Mengen an Konjunkturdaten unterstützen und damit bei der Bestimmung des besten geldpolitischen Vorgehens helfen. In einem am Donnerstag veröffentlichten Blogbeitrag teilte die Europäische Zentralbank (EZB) mit, dass sie diese neue Technologie bereits eingehend unter die Lupe nimmt.

«Vom Schachspiel bis zur Steuerung von Drohnen – Maschinen sind viel intelligenter geworden und spielen in vielen Bereichen unseres Lebens eine Rolle», schreibt Chief Services Officer Myriam Moufakkir in dem Beitrag. «Warum also nicht künstliche Intelligenz für die Zentralbank-Tätigkeiten nutzen?» Dabei nannte sie drei Einsatzbereiche: die Datenaufbereitung, die Analyse der Inflationsdynamik und die Bankenaufsicht.

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Ein Einsatzgebiet sei die Sammlung und Aufbereitung von Daten von über zehn Millionen Banken und Unternehmen. Hier setze die EZB inzwischen Techniken des Maschinenlernens ein, um die Datenfülle in den Griff zu bekommen. Damit könne unter anderem der Klassifizierungsprozess automatisiert werden. «Wir brauchen diese Klassifizierungen, um die richtigen Daten für unsere Entscheidungen zu haben», sagt Moufakkir. Währungshüter könnten sich auf diese Weise auf die Analyse und Interpretation der Informationen konzentrieren.

KI-Tool für «Fit and Proper»-Bewertungen auf dem Weg

Zudem will die EZB noch tiefer die Inflationsdynamik und das Preissetzungsverhalten der Wirtschaftsakteuere erfassen. Zwar sei die Notenbank mit Hilfe des Abschürfens von Webseiten (Web Scraping) und maschinellem Lernen in der Lage, eine riesige Menge von Echtzeitdaten zu einzelnen Produktpreisen zu sammeln. «Eine der Herausforderungen besteht jedoch darin, dass die erhobenen Daten weitgehend unstrukturiert sind und sich nicht direkt zur Berechnung der Inflation eignen», so Moufakkir. Daher prüfe die EZB, wie sich KI einsetzen lasse, um solche Daten zu strukturieren und die Genauigkeit der Analyse zu verbessern.

Ein drittes Feld ist Moufakkir zufolge die Bankenaufsicht. Hier sei unter anderem die Athena-Plattform geschaffen worden, die Verfahren der natürlichen Sprachverarbeitung nutze, um etwa rasch Informationen aus gesammelten Textdokumenten herauszufiltern und zusammenzustellen. Aufseher könnten dadurch relevante Informationen schneller verstehen, anstatt viel Zeit mit der Suche nach ihnen zu verbringen.

2022 war bereits bekannt geworden, dass die EZB-Bankenaufsicht ein KI-Tool zur Verarbeitung natürlicher Sprache bei ihren sogenannten «Fit-and-Proper»-Bewertungen einsetzen will, das nach einem mythologischen Gott der Wikinger «Heimdall» benannt ist. Als «Fit-and-Proper» werden bei der Aufsicht die Beurteilungen der fachlichen Qualifikation und persönlichen Zuverlässigkeit von Kandidaten für Führungspositionen bei beaufsichtigten Instituten bezeichnet.

Die mit KI verknüpften Gefahren hat die EZB gleichwohl im Blick. «Natürlich sind wir beim Einsatz von KI vorsichtig und sind uns der Risiken bewusst, die sie mit sich bringt», sagt Moufakkir. Dabei beschäftige sich die Notenbank unter anderem mit Fragen der Datensicherheit, gesetzlichen Beschränkungen und ethischen Fragen. Die EZB will laut Moufakkir die von KI ausgehenden Möglichkeiten dennoch weiter prüfen. «Die oben genannten Beispiele sind nur die Spitze des Eisbergs.»

(reuters/mth)