Diesmal war es fast so weit. Zum ersten Mal, seit die BILANZ die Liste der reichsten Schweizer erstellt, also seit Oktober 1989, geriet die Spitzenposition der Familien Oeri und Hoffmann in Gefahr. Ganz vermochte der Verfolger, die Familie Bertarelli, die Hauptaktionäre des Basler Pharmakonzerns freilich noch nicht einzuholen – es fehlt noch eine lumpige Milliarde.
Grund für die Annäherung an der Spitze ist zum einen der im Berichtsjahr dümpelnde Kurs der Roche-Aktie, der den Mehrheitsaktionären eine Vermögenseinbusse von satten 18 Milliarden Franken eintrug, zum anderen der Höhenflug des Ares-Serono-Papiers, welcher der Besitzerfamilie Bertarelli einen Vermögenszuwachs um sieben Milliarden bescherte.
Das Beispiel Bertarelli ist typischer für die Entwicklung der Riesenvermögen in der Schweiz. Insgesamt haben die 300 Superreichen des Landes im vergangenen Jahr nämlich um 46 Milliarden Franken oder 12,3 Prozent auf 420 Milliarden Franken zugelegt. Dabei sind in unserer Auflistung längst nicht alle in der Schweiz ansässigen Reichen enthalten. Unsere Reichsten-Watchlist, aus der wir jeweils für die Dezemberausgabe die 300 Allerreichsten auswählen, umfasst mittlerweile mehr als 400 Namen von potenziellen Kandidaten, bei denen wir ein Nettovermögen von mehr als 100 Millionen Franken vermuten.
Aus den 420 Milliarden Franken Gesamtvermögen der 300 Reichsten errechnet sich ein Durchschnittsvermögen von 1,4 Milliarden. Und wie jede Durchschnittszahl ist auch diese von begrenzter Aussagekraft. Denn ähnlich der Vermögensverteilung in der ganzen Gesellschaft (rund drei Prozent der Wohnbevölkerung der Schweiz besitzen die Hälfte allen Vermögens, und 30 Prozent besitzen gar nichts) sind auch die Vermögen der Reichen überaus ungleich verteilt.
So vereinigen allein die sieben mindestens zehnfachen Milliardäre (2,3 Prozent der aufgeführten Reichen) beinahe 20 Prozent des Gesamtvermögens der 300 Reichsten auf sich. Und berücksichtigt man alle Milliardäre (101 Namen, rund ein Drittel des Samples), so kommen gut 83 Prozent des Gesamtvermögens zusammen. Das heisst: Zwei Drittel der Reichen, die «Armen» mit weniger als einer Milliarde und mehr als 100 Millionen Franken Vermögen, bringen zusammen nur knapp 17 Prozent der Supervermögen auf die Waage.
Das Gesamtvermögen der Superreichen von 420 Milliarden (ganz zu schweigen von unseren noch nicht erfassten mehr als 100 Kandidaten, die nochmals gut und gerne 20 Milliarden Franken beisteuern könnten) verleitet zu weiteren Zahlenspielen. 420 Milliarden entsprechen annähernd den in allen Pensionskassen des Landes angehäuften Guthaben, mit denen das Alterseinkommen von gegen vier Millionen Erwerbstätigen sichergestellt wird. Die 46 Milliarden Vermögenszuwachs des letzten Jahres ergäben, als Einkommen versteuert, eine Fiskaleinnahme von rund zehn Milliarden Franken – die öffentlichen Hände könnten allen Ernstes darangehen, ihren Schuldenberg massiv abzutragen.
Nun findet der Vermögenszugewinn der Reichsten zum grössten Teil auf dem Papier statt. Ob zum Beispiel das Roche-Mehrheitspaket vom Markt nun mit 14 oder mit 30 Milliarden bewertet wird, spielt für dessen Bedeutung eigentlich keine Rolle; es sichert in jedem Falle die Kontrollmehrheit über den Konzern. Und selbst für den Lebensstandard der Besitzerfamilien ist die Bewertung des Vermögens zweitrangig: Ihr effektives Geldeinkommen hängt weniger vom Kurswert der Aktie ab als von der Dividendenpolitik des Unternehmens. Und da ist den beiden Zweigen der Familie ein hohes zweistelliges Millioneneinkommen pro Jahr gewiss.
Ähnliches gilt für die meisten der 300 Superreichen in unserer Liste. Ihr Vermögen besteht in aller Regel nicht aus effektiv verfügbarem Geld, sondern ist in Unternehmen, in Immobilien, in Kunst angelegt. Deshalb ist die absolute Höhe dieser Vermögen im Grunde genommen zweitrangig, und die jährliche Schwankung des Buchwerts ist es nicht minder. Die Macht, die mit derart grossen Vermögen verbunden ist, ergibt sich nicht aus dem Liquidationswert der angelegten Kapitalien, sondern aus der Marktstärke der involvierten Unternehmen. Wer die Mehrheit des Pharmakonzerns Roche besitzt, kontrolliert eben nicht nur ein Aktienpaket – er bestimmt massgeblich über Zehntausende von Arbeitsplätzen mit, über das wirtschaftliche Wohlergehen einer ganzen Region, über die künftige Ausrichtung der medizinisch-pharmakologischen Forschung. Kurz, so grosse Vermögen sind ein volkswirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktor, häufig sogar weit über die Landesgrenzen hinaus.
Und daraus leitet sich letzten Endes auch die Legitimation der BILANZ ab, den Umfang der Supervermögen zu schätzen und zu publizieren. Es gehört zur Hygiene einer demokratischen Gesellschaft, Machtverhältnisse offen zu legen. Im Bereich der Politik ist dieser Sachverhalt unbestritten: Wer politische Macht ausüben will, muss dazu vom Volk legitimiert sein, er muss sich wählen lassen. In der Wirtschaft ist das durchaus nicht unbestritten: Dort leitet sich Macht aus dem akkumulierten Vermögen und den damit kontrollierten Arbeitsplätzen und Produktionsmitteln ab. Der Eigentümer muss sich keiner Wahl stellen, sein Elektorat ist allenfalls der Markt. Umso wichtiger ist es, wenigstens Transparenz herzustellen. Wenn wir die Herren über unsere Arbeitsplätze schon nicht wählen können, dann wollen wir wenigstens wissen, wer sie sind.
Ein erheblicher Anteil – wenn auch nicht alle – der von der BILANZ aufgelisteten Superreichen ist diesem Anspruch gegenüber durchaus aufgeschlossen. Die Bereitschaft, mit den BILANZ-Rechercheuren zu sprechen, hat in den letzten Jahren eher zugenommen. Nur mehr vereinzelte Betroffene lehnen die ganze Übung rundweg ab und versuchen, mit allerlei tauglichen und untauglichen Mitteln die Publikation ihres Vermögens zu verhindern.
Und das ist eigentlich schade. Denn der Zweck des BILANZ-Listings ist es ja nicht, die Reichen an den Pranger zu stellen. Im Gegenteil, die grosse Mehrheit der Superreichen ist zu ihrem Vermögen gekommen, weil sie selber oder ein Vorfahre mit einer herausragenden Leistung Erfolg hatte. Erfolg, der sich nun eben in mehr als hundert Millionen Franken Vermögen ausdrückt. Es bestünde also Grund, auf das Erreichte, auf den zu Geld geronnenen Erfolg stolz zu sein und das Rampenlicht nicht allzu sehr zu verabscheuen. Auch in den kommenden Jahren werden wir von der BILANZ auf die Reichsten im Lande den Scheinwerfer richten.
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