Nach dem historischen Einbruch des Vortages hat sich die Schweizer Börse am Freitag stabilisiert. Die Hoffnung auf Konjunkturpakete von Regierungen im Kampf gegen eine Rezession liess die Verkäufe versiegen, sagten Händler. Der SMI gewann 0,8 Prozent auf 8338 Punkte. Im Verlauf der gesamten Woche resultierte dennoch ein Minus von rund elf Prozent.

Gesucht waren vor allem Firmen, die Krisen trotzen können. Roche kletterten 2,7 Prozent. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat einen Test des Pharmakonzerns zum Nachweis des SARS-CoV-2-Virus im Rahmen einer Notfall-Bestimmung vorübergehend zugelassen. Konkurrent Novartis stieg 0,4 Prozent. Der Telekomkonzerns Swisscom rückte 1,5 Prozent vor, der Aromenhersteller Givaudan 1,3 Prozent.

Dagegen baute der Personalvermittler Adecco die Vortagesverluste aus und gab weiter 2,6 Prozent nach. Auch die Versicherer Swiss Re und Swiss Life kamen unter die Räder.

Bei den Nebenwerten sackten der Handy-Einzelhändler Mobilezone und der GPS-Chip-Hersteller U-Blox nach der Veröffentlichung der Jahresabschlüsse ab. B-Blox stellte für 2020 ein Betriebsergebnis (Ebit) zwischen Null und 30 Millionen Franken in Aussicht.

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Die Hoffnung auf Konjunkturpakete im Kampf gegen eine Rezession brachte auch die US-Börsen am Freitag auf Erholungskurs. Der Dow-Jones-Index, S&P 500 und Nasdaq legten um gut 6 Prozent zu, dann bröckelten die Zuwächse allerdings ab.

Anleger zeigten sich optimistisch, dass die Regierung Trump bald ein Paket präsentiert, das die Wirtschaft im Kampf gegen die Folgen der Virus-Krise stützen kann. Nach dem überraschend verhängten Einreisestopp für Europäer hatte der Dow Jones am Donnerstag zehn Prozent verloren und den grössten Kurssturz seit dem «Schwarzen Montag» von 1987 verzeichnet.

Der Schweizer Börsenindex SMI hatte bis am frühen Nachmittag einen Grossteil seiner Verluste vom Vortag wettgemacht und vorübergehend sogar die Marke von 9000 Zählern zurückerobert. Danach dümpelten die Preise wieder etwas nach unten. Die Ankündigung eines staatlichen 10-Milliarden-Hilfspakets für die Schweizer Wirtschaft hatte wenig Einfluss auf die Kurse.

Was genau die entschlossene Gegenbewegung in Europa ausgelöst hat, ist nicht klar. Es dürfte ein Mix aus Short-Eindeckungen, Schnäppchenkäufen und einer technischen Gegenbewegung sein, heisst es im Handel. «Mutige Schnäppchenjäger befinden sich derzeit auf der Pirsch», sagte etwa ein Händler.

«Bazooka» aus Deutschland

Stimulierend wirkte auch das Signal der deutschen Regierung, die quasi eine «Bazooka» (Finanzminister Olaf Scholz) zückte, indem sie versprach, den Unternehmen der Bundesrepublik notfalls Kredite in unbegrenzter Höhe zu gewähren. Der deutsche Dax-Index stieg um über 6 Prozent.

In der Schweiz liefen insbesondere die Pharmatitel Roche und Novartis gut, die um mehr als 10 Prozent und 8 Prozent zulegten. Roche hatte zuvor von den US-Behörden eine Sofortzulassung für einen Test zum Nachweis des Sars-CoV-2-Virus erhalten.

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Asiens Leitbörse in Tokio war dagegen nach den schweren Kursverlusten in den USA und Europa vom Vortag am Freitag erneut eingebrochen.

Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index gab im Verlauf um 10 Prozent nach und erreichte damit ein Dreieinhalb-Jahres-Tief. «Es fühlt sich an wie Panik. Investoren verkaufen selbst Wertpapiere, die nicht längerfristig vom Coronavirus beeinflusst werden sollten», sagte der Stratege Takuya Hozumi von Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities.

Analysten in Asien erklärten übereinstimmend, der Ausverkauf gehe weiter, weil Investoren keine Ahnung davon hätten, wie weit sich die Weltwirtschaft angesichts der Ausweitung der Pandemie abkühlen werde.

Zur Unsicherheit trägt in Japan die fragliche Austragung der Olympiade diesen Sommer in Tokio bei. Bislang hat die japanische Regierung ungeachtet der Absage an Massenveranstaltungen rund um den Globus versichert, dass die Spiele wie geplant stattfinden werden. Analysten rechnen damit, dass die Absage der Olympiade die Gewinne der heimischen Wirtschaft um knapp ein Viertel verringern könnte.

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Dramatischer Einbruch am Donnerstag

Am Vortag hatten die Sorgen wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie die Börsenkurse weltweit dramatisch einbrechen lassen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) und der US-Leitindex Dow Jones erlitten ihre stärksten Tagesverluste seit rund drei Jahrzehnten (siehe unten «Die schwärzesten Börsentage»).

Der Dax schloss am Donnerstag mit einem Minus von 12,24 Prozent - der stärkste Tagesverlust seit 1989. Der Dow Jones büsste 9,99 Prozent ein und landete bei etwa 21'200 Punkten. Dies war der stärkste Verlust seit dem Börsencrash vom Oktober 1987

Die schwärzesten Börsentage seit 1987

Beim bislang grössten Börsenkrach der Nachkriegszeit am 19. Oktober 1987, als Spekulationen auf Zinserhöhungen den Dow-Jones-Index an der Wall Street um 23 Prozent einbrechen liessen, gab es den SMI noch nicht. Er wurde am 1. Juli 1988 erstmals veröffentlicht.

Eine Übersicht über die prozentual höchsten Verluste des Schweizer Leitindex seither:

Die 1990er Jahre und die Anschläge von 9/11

  • 16. Oktober 1989: Der SMI fällt um 11 Prozent und folgt damit der Wall Street, wo Finanzierungs-Schwierigkeiten bei einem Unternehmensverkauf einen Crash auslösen. Auch der deutsche Leitindex Dax gibt um rund 13 Prozent nach.
  • 19. August 1991: Ein später gescheiterter Putsch gegen den damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow drückt den SMI um gut 8 Prozent ins Minus.
  • 28. Oktober 1997: Im Sog der Asienkrise sackt der SMI im Handelsverlauf um bis zu über 10 Prozent ab und schliesst 4,6 Prozent niedriger.
  • 1. Oktober 1998: Die Sorge vor einem Flächenbrand im Bankenwesen nach der Schieflage eines Hedgefonds sowie einer Eskalation der Krisen in Asien, Japan, Lateinamerika und Russland drücken den SMI um knapp 6 Prozent ins Minus.
  • 11. September 2001: Nach den Anschlägen in den USA fällt der SMI um rund 7 Prozent.
  • 21. September 2001: Zehn Tage später markieren die Börsen weltweit neue mehrjährige Tiefstände. Der SMI sackt zwischenzeitlich um knapp 8 Prozent ein. Anleger fürchten sich nicht länger nur vor wachsenden Konjunkturrisiken und den finanziellen Terrorschäden in vielen Branchen, sondern auch vor einem möglichen Krieg.

Finanz- und Schuldenkrisen hinterlassen tiefe Spuren

  • 21. Januar 2008: Sorge vor einer Rezession in den USA drückt den SMI um über 5 Prozent ins Minus.
  • 15. September 2008: Bei der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers gibt der SMI um 5,4 Prozent nach. Währenddessen kommt der deutsche Dax glimpflich davon und verliert moderate 2,7 Prozent. Bis zum Handelsende erholt sich auch der SMI etwas und schliesst noch 3,8 Prozent tiefer.
  • 8. Oktober 2008: Im Sog der Finanzkrise stürzt der Nikkei-Index um über neun Prozent ab. Der SMI verliert bis zu 6,6 Prozent, der Dax bis zu neun Prozent. Nach einer konzertierten Zinssenkungsrunde der grossen Notenbanken erholen sich die Kurse nur leicht. Der SMI schliesst mit einem Minus von 5,5 Prozent.
  • 24. Oktober 2008: Ein erneuter Absturz der Tokioter Börse drückt den SMI in der Spitze um über 8 Prozent.

China, Zinsen und Frankenschock

  • 15. Januar 2015: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hebt den Euro-Mindestkurs auf. Der SMI erlebt mit einem zwischenzeitlichen Sturz um 13,8 Prozent seinen bisher grössten Tagesverlust von über 9'000 Punkten am Vorabend auf unter 8'000 Punkte. Er schliesst 8,7 Prozent tiefer. Am Tag darauf geht es um weitere 6 Prozent nach unten.
  • 24. August 2015: Die Furcht vor einem deutlichen Konjunktureinbruch in China drückt den SMI um 7,3 Prozent. Spekulationen auf eine Geldspritze der chinesischen Notenbank bremsen am Abend die Talfahrt. Der SMI schliesst 3,7 Prozent im Minus.
  • 24. Juni 2016: Grossbritannien entscheidet sich für den Ausstieg aus der EU. Der SMI bricht zwischenzeitlich um 6,8 Prozent ein und schliesst um 3,4 Prozent tiefer.
  • 24. Februar 2020: Ein neuartiges Coronavirus breitet sich nach Europa aus. Die Furcht vor den Folgen der Epidemie beendet den Höhenflug des SMI, das Barometer gibt vier Prozent nach. Erst kurz zuvor hatte der SMI ein neues Rekordhoch bei 11'270 Punkten erreicht.
  • 9. März 2020: Zu einer allgemeinen Verunsicherung wegen des Coronavirus kommt ein Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland hinzu: Weil die Regierung in Moskau sich nicht an einer Förderbremse beteiligen will, dreht Saudi-Arabien den Ölhahn voll auf, der Preis bricht zeitweise um rund ein Drittel ein. Das drückt den SMI im Handelsverlauf um 7,0 Prozent oder fast 700 Punkte. Weltweit brechen die Börsen ein.
  • 12. März 2020: Ein Einreisestopp der USA für Personen aus dem Schengen-Raum lässt die Börsen im Zuge der Corona-Krise erneut abstürzen. Der SMI verliert an diesem schwarzen Donnerstag 9,6 Prozent. In den USA verliert der Dow Jones fast 10 Prozent.
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(reuters/awp/sda/mbü/gku)