Nun hat also Nicolas G. Hayek, im Februar 80 geworden, doch noch seinen Meister gefunden: «Was hätte Abraham-Louis Breguet gemacht, wenn er die Technik von heute gehabt hätte?», fragt der Breguet-Chef und Präsident der Swatch Group regelmässig.

Die Antworten aus der mittlerweile zwölfköpfigen Ingenieurabteilung: Doppeltourbillons mit Differenzial, Hemmpartien aus Silizium, Werkaufbau in Richtung Zifferblatt (statt wie üblich umgekehrt), Krafttransmission über Schnecke und Kette. Alles Antworten, die sich sehen lassen.

Die jüngste Breguet-Erfindung ist sogar zu hören: Die neue Minutenrepetition (mit ewigem Kalender), die in diesen Tagen auf der Uhrenmesse in Basel vorgestellt wird, beweist schlagend den Geist des Gründervaters. An ihrer Klangqualität hätte Abraham-Louis Breguet bestimmt nichts zu mäkeln gehabt.

Dass sich die Firma zu ihrem heutigen Stand hin entwickeln würde, war nur bedingt Absicht. Was einmal mehr beweist, dass vielseitige Menschen wie Hayek noch vielseitiger sind als wahrgenommen und dank einer feinen Intuition richtig handeln.

Als 1983 auf seine Empfehlung hin die beiden grossen Schweizer Uhrengruppen Asuag (Allgemeine Schweizerische Uhren AG) und SSIH (Société Suisse de l’Industrie Horlogère) zur späteren Swatch Group fusionierten, stand die SSIH (Omega, Tissot) bereits ohne den Werkproduzenten Lémania da. Die vormaligen SSIH-Chefs hatten sich im Überlebenskampf unschön vom Spezialisten für Chronographenwerke getrennt. Dass Lémania (nachfolgend Nouvelle Lémania getauft) alle Stoppuhren für Omega fertigte, darunter die legendäre Speedmaster, interessierte in Biel zeitweise niemanden.

Anzeige

Nicolas G. Hayek hatte die Manufaktur in L’Orient am Ende des Vallée de Joux jedoch nicht vergessen. Der Patron der Swatch Group schnappte sich im Jahr 1999 Breguet vor allem deshalb, weil er Lémania wieder «heim­holen» wollte.

Wie gut ein Preis ist, weiss man immer erst hinterher. Die aufgewendeten 200 Millionen erwiesen sich rückblickend als einmaliger Gelegenheitskauf. Nach Analystenschätzungen erzielt Breguet heute einen Umsatz von knapp 500 Millionen Franken.

Nach Nicolas G. Hayeks eigenen Worten betrug der Jahresgewinn 2005 bereits 120 Millionen. 2007 wird er bei mindestens 170 Millionen liegen. Das sind selbst für die fette Margen gewohnte Uhrenindustrie stolze Zahlen.

Bei der Übernahme hatte die Marke gewaltige Probleme. Die Familie Breguet hatte die über Generationen in Paris am Quai d’Horloge 39 betriebene Uhrmacherei 1882 an Edward Brown, den Werkstattchef, verkauft. Sie konzentrierte sich nach Abstechern in die Telefontechnik auf Flugzeuge. Die Erben Brown ihrerseits betrieben ein bescheidenes Geschäft an der Place Vendôme, bis sie den Markennamen 1970 an den Pariser Juwelier Chaumet abtraten.

Die erste Renaissance kam mit dem Erwerb von Chaumet durch die Investcorp, die ihren Riecher für das Uhrengeschäft bereits mit TAG Heuer bewiesen hatte. Sie kurbelte die Bekanntheit des Namens Breguet durch eine grosse Auktionstournee mit einer reichen Kollektion von Testimonialuhren aus der Zeit Abraham-Louis Breguets an.

Gleichwohl dümpelte die Jahresproduktion um die 2000 Stück, als sich Nicolas G. Hayek der Marke annahm und gleichzeitig ihr Marketing selber zu führen begann. Der Relaunch erfolgte entlang der Achse von Kultur, Schönheit und technischer ­Innovation. Technisch verordnete Nicolas G. Hayek der Marke eine Rückbesinnung auf das Tourbillon, die bekannteste Erfindung Abraham-Louis Breguets. Dass sich die Patentierung des Tourbillons 2001 gerade zum zweihundertsten Mal jährte, war sicher kein Nachteil.

Anzeige

Kulturell setzte die 2002 lancierte Kampagne mit den historischen Testimonials von Marschall Ney bis Winston Churchill einen deutlichen Akzent.

Und in Sachen Schönheit appellierte die Marke mit der ebenfalls 2002 lancierten Reine de Naples erfolgreich an eine zahlungskräftige weibliche Kundschaft. Der Anteil der Damenuhren an der Gesamtproduktion erreicht mittlerweile 30 Prozent. Der Umsatzanteil liegt sogar noch höher. Die Reine de Naples kostet mit Diamantenband 520  000 Franken. Damit verglichen, ist die Anschaffung einer Grande Complication zu 176  000 Franken fast eine Bagatelle.

Neu war auch der Aufbau einer Haute-Joaillerie-Kollektion. Sie ist ausschliesslich in den Breguet-Boutiquen erhältlich.

Die Rückbesinnung auf die uhrmacherischen und historischen Werte mit dem Ziel der Erschliessung eines Segments der weiblichen Käuferschaft ging mit einer Straffung der Distribution und dem Aufbau eigener Geschäfte einher.

Anzeige

Das Schönste ist sicher das Etablissement an der Place Vendôme. Dort lagern auch die Stammbücher, und es wurde ein Museum eingerichtet. 120 Uhren zählt die Sammlung derzeit, darunter die Breguet Nr. 5, die Napoleons zänkischer Schwester Joséphine gehörte.

Klingende Namen auch unter den Lebenden: Emmanuel Breguet, ein Sprössling der siebten Generation, arbeitet für Breguet in Frankreich.

Technisch organisierte Nicolas G. Hayek den Erfolg mit der Routine des grossen Industriellen. Den Namen Nouvelle Lémania gab er 2003 auf und konzentrierte dafür die Breguet-Ateliers in L’Orient. 750 Uhrmacher und Techniker arbeiten heute in dem nach vielen Jahrzehnten erstmals grosszügig erweiterten Bau. Sie sind vollauf damit beschäftigt, die explodierende Nachfrage zu bewältigen. Von 2000 Uhren im Jahre 1999 steigerte sie sich zuletzt auf 30  000.

Anzeige