Zwei Dinge sind so unvermeidlich wie das Jahresende: Weihnachtssongs und Weihnachtsbiere. Ab November tauchen sie auf und bei beiden fragt man sich: Braucht es sie wirklich? Wir wollten es – zumindest bei letzteren – herausfinden und haben getestet, was auf dem Markt zu finden war. Was verdient das Prädikat «Weihnachtsbier»? Und was ist so überflüssig wie das ewige «Last Christmas» am Radio?

Leicht rauchig, an Waldweihnacht erinnernd

Wir haben drei Gruppen ausgemacht: Die Bing Crosbys unter den Weihnachtsbieren erinnern mit Gewürzen und Früchten an Lebkuchen und Zimtsterne. Dazu gehören etwa das spritzige «Rodolphe» der Brasserie de la Pêcherie oder das leicht rauchige, an eine Waldweihnacht erinnernde «Wisby Jul» der Gotlands Bryggeri.

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Dann gab es die Mariah Careys der Weihnachtsbiere: süss, klebrig und etwas übertrieben. Mit Caramel-Aromen überlastete belgische Starbiere wie das «Gordon Xmas» von John Martin oder das «Père Noël» von De Ranke.

Die dritten schliesslich leben mehr von der Etikette. Das «Weihnachtsbier» von Feldschlösschen ist ein ganz ordentliches Amberbier, hat aber bis auf eine zarte Caramel-Note wenig Festliches an sich. Auch das «Hoppy Christmas» von Brewdog ist etwa so weihnachtlich wie eine Fondue Chinoise. Man kann es zu Weihnachten trinken. Aber besser passen würde es eher zu Silvester.

Ein Bier trägt den Weihnachtstitel zu Recht

Wir degustierten gutes Bier. Das «Winter Ale» von St. Peter’s ist ein wunderbares Porter und das «Santaclause» der Officina della Birra ist zwar fürs Weihnachtsessen eine Spur zu anspruchsvoll, fasziniert aber mit seiner feinen Säure und den Holznoten aus dem Fassausbau.

Unser Gewinner war der «Schmutzli» aus der Bier Factory. Er erinnert wunderbar an den Lebkuchen vom Santiglaus, ohne gleichzeitig mit Zucker, Gewürzen oder Alkohol zu übertreiben. Ein gutes Bier, das den Weihnachtstitel zu Recht tragen darf.

Diese Kolumne wäre nicht vollständig ohne den Verweis auf das Bier gewordene «Last Christmas», das mittlerweile von der Brauerei Eggenberg in Österreich gebraute «Samichlaus». Es ist süss und stark (14 Prozent!), findet in der noch jungen 2021er Version aber dennoch die Balance zwischen Malz und Hopfen. Und es zeigt, wie ein «Weihnachtsbier» aus einer Grossbrauerei auch sein könnte. Bis zur Fusion Hürlimanns mit Feldschlösschen wurde es nämlich von Hürlimann in Zürich hergestellt.

«Schmutzli» – der Weihnachtsbier-Testsieger

Die Bier Factory in Jona SG bezeichnet ihren «Schmutzli» als «Winter Spiced Ale». In der Nase fallen denn zunächst auch Gewürze auf, wie wir sie von Weihnachtsplätzen kennen: Nelken, Zimt. Im Mund entfaltet das dunkle Bier dann ein wunderbares Aroma von Lebkuchen. Es hat eher wenig Kohlensäure, doch das passt, kommt es doch elegant und unaufgeregt daher. Alles hält sich die Balance, kein Gewürz tritt hervor. Und ein wenig schimmert der Hopfen durch. Eines der wenigen Biere, das an der Degustation komplett getrunken wurde.

«Schmutzli» von Bier Factory, Jona (SG). Winter Spiced Ale mit 6,9 Prozent Alkohol. 3.95 Franken pro 3 dl (beim Hersteller). 

«Schmutzli»-Bier Prduktfoto.

«And the winner is...»: Weihnachtsbier: «Schmutzli» von Bier Factory.

Quelle: ZVG
Apéro-Kolumne

In dieser Kolumne schreiben der «Handelszeitung»-Redaktor Michael Heim und Autor Ben Müller alternierend einmal im Monat über Bier und Wein. Heim selbst ist an einer Vereinsbrauerei beteiligt.