Selten kommt eine Ausstellungspräsentation ohne Superlative aus, aber im Wiener Leopold Museum scheinen sie diesmal angebracht: «Alberto Giacometti. Pionier der Moderne» wird am (heutigen) Donnerstag eröffnet und zeigt bis zum 26. Januar «den ganzen Giacometti».

Dabei sei man auch kaufmännisch an Grenzen des Machbaren gegangen, sagte Interimsdirektor Franz Smola an der Präsentation in Wien. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Ein umfangreiches Bild von den Wurzeln des Schweizer Künstlers

Selbstverständlich ist «ganz» nicht mit «alles» gleichzusetzen, aber was das Haus in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich zusammengetragen hat, zeichnet ein umfangreiches Bild von den Wurzeln des Schweizer Künstlers (1901-1966): über seine Stationen beim Kubismus und Surrealismus, gefolgt von einer Schaffenskrise bis hin zu jenen Skulpturen, bei denen laut Sammlerin Elisabeth Leopold «jedes Kind sagen kann: Schau, das ist ein Giacometti».

Und tatsächlich wird so mancher Besucher überrascht sein, im Untergeschoss des Leopold Museums nicht ausschliesslich jene hageren, unheimlich in die Länge gezogenen Figuren vorzufinden, für die Giacometti schlussendlich bekannt wurde und die bei Auktionen für Rekorde sorgen.

Bezug zu anderen Werken

Welchen Wert Giacomettis meterhohe schreitende Männer und stehende Frauen haben, hat man im Leopold Museum nicht verhehlt. So sind die Wände in jenen Räumen, auf denen diese markanten Skulpturen auf von unten beleuchteten Podesten präsentiert werden, bis zur Decke in sattem Bronze bemalt und verströmen so in Kombination mit den Kunstwerken eine düstere, aber edle Aura.

Ganz anders jene Kapitel, die sich Giacomettis Jugend widmen, wo nicht nur Gemälde seines Vaters Giovanni gezeigt werden, sondern auch frühe Ölbilder Albertos. Darunter auch ein stilistisch an Paul Cézanne gemahnendes Selbstbildnis aus dem Jahr 1923.

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Giacomettis kubistische Phase

Es folgt ein Streifzug durch Giacomettis kubistische Phase ab der Mitte der 1020er-Jahre, wo den Skulpturen auch Werke von Zeitgenossen wie Constantin Brancusi oder Juan Gris gegenübergestellt werden.

Scheibenplastiken wie die «Liegende Frau» oder «Blickender Kopf» sind der surrealistischen Phase zuzuordnen, in der Giacometti Anfang der 30er Jahre in die Surrealisten-Gruppe rund um Andre Breton aufgenommen wurde. Eingerahmt werden diese Arbeiten von Werken Mirós, Magrittes oder auch Max Ernsts.

Mit dem Kunsthaus Zürich

Das berühmte Spätwerk erschliesst die Faszination, die Giacomettis Arbeiten entgegenschlägt. In den Fokus gerückt werden neben den Skulpturen auch Gemälde, Zeichnungen und Skizzen, die die Skulpturen vorwegnehmen oder erweitern. Besonders stolz ist man auch auf jenes Selbstporträt, das Giacometti nur wenige Monate vor seinem Tod anfertigte.

Dass die Ausstellung, die insgesamt 146 Werke zeigt, überhaupt zustande kam, ist zwei Jubiläen zu verdanken, wie Smola ausführte. Einerseits dem 20-Jahr-Jubiläum der Gründung der Stiftung Leopold, andererseits dem 25-Jahr-Jubiläum der «Schiele-Kooperation» mit dem Kunsthaus Zürich, wo einst die erste grosse Schiele-Schau mit Werken aus der Sammlung Leopold stattfand und wo seit dem 10. Oktober die Schau «Egon Schiele - Jenny Saville» mit wichtigen Werken aus Wien läuft.

Einen Zusammenhang zwischen Giacometti und Schiele gibt es übrigens auch: Im Jahr 1964 besuchte Giacometti gemeinsam mit Francis Bacon die von Wolfgang Georg Fischer in der Marlborough Fine Art Galerie in London organisierte Schiele-Ausstellung. Laut einem Tagebuchauszug Fischers sei Giacometti vor dem «Herbstbaum» (1912) gestockt und habe gesagt: «Das ist ausserordentlich!»

(sda/ccr)