Seit der Skandal über Schwarzgeldflüsse in Millionenhöhe für die deutsche Fussball-WM 2006 hochkocht, hat sich Fedor Radmann als eine der involvierten Figuren zum angeblich gekauften «Sommermärchen» mehrmals öffentlich geäussert: «Wir haben keine Stimmen gekauft», sagte er schnell. Später schwor er noch auf seine sechs Kinder. Der Deutsche gilt als Vertrauter von Franz Beckenbauer, war zeitweise sein Vize im WM-Komitee – gemeinsam waren sie die Köpfe hinter der deutschen Bewerbung für die Weltmeisterschaft.

Einer der Beteiligten an der Bewerbung ist seit Montag seinen Job los: Wolfgang Niersbach, Chef des Deutschen Fussballbundes (DFB), musste seinen Posten abgeben. Er versuchte im DFB nach den Enthüllungen des «Spiegels» auszuharren, doch als dann schliesslich noch Steuerfahnder seine Wohnung durchsuchten und in Frankfurt am Main dem DFB-Hauptquartier die Aufwartung machten, gab es für ihn kein Halten mehr.

«Selten öffentlich zu sehen, überall am Tisch»

Die Finanzprüfer traten auf den Plan, weil die angebliche Schmiergeldzahlung in Millionenhöhe laut «Spiegel» 2007 von den Steuern abgesetzt wurde. Nun wollen es die Beamten genau wissen. Nicht nur von Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer. Sondern wahrscheinlich auch von Fedor Radmann in der Schweiz. Zusammen mit seiner zweiten Frau Michaela hat er sich am beschaulichen Mohrenäckerli in einem Landhaus, umgeben von viel Grün, in Appenzell Ausserrhoden niedergelassen. Dort führen sie das Beratungsunternehmen FMR AG.

Radmann, einst bescheidener Kurdirektor von Berchtesgaden, ist dank seiner engen Verbindung zu Franz Beckenbauer der «Mann hinter dem Allgegenwärtigen» geworden, schrieb der Berliner «Tagesspiegel»: «Selten öffentlich zu sehen, aber in den diskreten Runden von Sport und Politik sitzt er am Tisch, anschliessend vor dem Kamin.» Während eines Fluges im Juni 2004 antworte er auf die Frage «Würden Sie Ihre Geheimnisse erzählen, wenn sicher ist, dass wir abstürzen?»: «Nein, Sie könnten ja als Einzige überleben. Das ist dem Uli Hoeness passiert.»

Schützend im Schatten

In der Öffentlichkeit kommt Radmann nicht annähernd an die Popularität Beckenbauers heran. Er sagt von sich: «Ich bin der Elefant, der die Schneisen schlägt durchs Dickicht.»

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Dabei kann der Fussball-Kaiser nur so strahlen, weil er Menschen wie Radmann um sich hat, die ihm die Arbeit abnehmen und Lästiges fernhalten. Radmann wiederum könnte nicht erfolgreich solch potente Netzwerke im Verborgenen knüpfen, würde die «Lichtgestalt» nicht ihren Schatten schützend über sein Paktieren werfen.

Wichtiger Posten bei der ISL

Radmann lernte für seine Karriere bei den Besten. Elf Jahre lang arbeitete er für den verstorbenen Adidas-Chef Horst Dassler, der 1982 die Vermarktungsagentur International Sports & Leisure (ISL) gründete und als Erfinder des Sportmarketings gilt. Seinem Spezi Radmann hielt er in der ISL einen Kaderposten zu: Er wurde Deutschland-Chef.

2001 flog die ISL als grösste Schmiergeldmaschine der Fifa auf: Allein von 1989 bis 2001 schmierte die Firma Fussballfunktionäre mit mindestens rund 142 Millionen Franken. Selbst Sepp Blatters Vorgänger Joao Havelange wurde nach hartem Widerstand öffentlich überführt, dass er sich von der ISL bestechen liess. Radmann war besonders mit Franz Beckenbauer eng verklettet, nicht nur hatten beide Adidas-Verträge, Beckenbauer bis heute, Radmann einige Zeit heimlich. «Kaiser Franz» war auch sein Trauzeuge, er nannte Radmann selbst einen seiner engsten Berater.

Nach der ISL-Ära wechselte Radmann zu CWL, einem Konkurrenzunternehmen des Schweizers César W. Lüthi, das sich etwa die Bandenvermarktung der Heimspiele der deutschen Nationalmannschaft gesichert hatte. Dort stiess er auf Günter Netzer, der bei CWL für die nötige Prominenz sorgte.

Eishockey-WM organisiert

Bei CWL blieb Radmann jedoch nicht lange und er machte sich selbstständig. Nicht immer war er dem Fussball verpflichtet. So versuchte er in den 90er-Jahren Eishockey populärer zu machen und stellte etwa die Deutsche Eishockey-Weltmeisterschaft 1993 auf die Beine. 1998 dann erhielten Fedor Radmann und Franz Beckenbauer den Auftrag vom DFB, die WM-Bewerbung auf die Beine zu stellen.

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Neben Franz Beckenbauer ist auch Andreas Abold eine ständige Konstante in Radmanns Vita. Zusammen mit Sonja Abold sitzt er seit 2008 in der BLM Beyond Limits Marketing, mit Andreas Abold gründete Radmann im März 2013 die BRA AG. Beide Firmen haben ihr Domizil auf dem Land in Teufen.

Die Zusammenarbeit zwischen Abold und Radmann reicht weit zurück. Seit 1990 hatten sie in Deutschland im gleichen Gebäude Räume für ihre Firmen gemietet. Zog der eine im Raum München an eine andere Adresse, ging es jeweils nicht lange, bis der andere nachfolgte.

«Keine Macht den Drogen»

Die enge Zusammenarbeit zeigt sich schon früh. Kurz vor der für Deutschland so erfolgreichen WM 1990 in Italien wurde Karl-Heinz Rummenigge 1989 noch Torschützenkönig der Schweizer Nationalliga A für Servette Genf und trat kurz darauf zurück. Der Ex-Profi, Wolfgang Schäuble, damals Innenminister unter Helmut Kohl und Fedor Radmann heckten zusammen die Anti-Sucht-Kampagne «Keine Macht den Drogen» aus.

Das Logo durfte Abolds Agentur entwerfen, berichtet Journalist Fred Sellin im Buch «Schmutziges Spiel». Millionen Steuergelder wurden in die Kampagne gebuttert, Sportler wie Lothar Matthäus oder Steffi Graf traten auf, die deutsche Fussballnationalmannschaft zeigte das Logo auf dem Trikot. In den Stadions wurden fürs Fernsehen Werbebanden gebucht, die Lüthis Agentur CWL im Auftrag des DFB vermarktete. Ein Teil der Gelder ging also an Abold und Lüthi sowie indirekt zu Radmann, der 1990 noch bei der CWL in der Schweiz beschäftigt war. Auch der DFB profitierte, kassierte der Verband doch von Lüthi Gelder für die Nutzung der Bandenwerberechte.

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Mischeln in Australien

Auch die bunten Pillengesichter der Fussball-WM 2006 gehen aufs Konto von Abold. Seine Tätigkeiten waren gefragt: Nach dem durchschlagenden Wirken für Deutschlands Weltmeisterschaft durfte Andreas Abold auch für die Organisatoren der Fussball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika wirken.

Abold und Radmann arbeiteten auch für Australiens WM-Bewerbung 2022, die bald für Kontroversen sorgte. Der «Sydney Morning Herald» titelte 2010, «Geheime Millionen schmieren WM-Bewerbung», weil der Regierung, Hauptsponsor der Bewerbung, offenbar Details verheimlicht wurden. Die Zeitung berichtete auch über exorbitante Zahlungen an Radmann. Der soll über die Münchner Agentur seines Geschäftspartners Andreas Abold, die ebenfalls Australiens Bewerbung betreute, bis zu 3,5 Millionen Dollar Honorar plus rund 4 Millionen Erfolgsprämie erhalten, sollte Australien zum Zug kommen.