Lang, schwarz und lukrativ: In Taihe im Osten Chinas ist das menschliche Haar Wirtschaftsfaktor Nummer eins. Frisch geschoren wird um die Ware gefeilscht, bevor sie gepflegt, gefärbt und verknüpft wird - und in allen Teilen der Welt wieder auf den Köpfen landet. Was einst klein anfing, ist mittlerweile ein Millionengeschäft.

Dicke Säcke, gefüllt mit Menschenhaar, stehen auf dem Markt in Taihe. Die Lieferanten bringen ihre Ware aus ganz China hierher und feilschen mit Dutzenden Käufern. «Wir müssen um das Haar verhandeln», sagt Käufer Liu Yanwen. Der 35-Jährige ist seit 5:30 Uhr in der Früh hier. «Wir haben eine Firma, die es für den Export nach Übersee verarbeitet», erzählt er und greift nach einem Büschel kräftigem, schwarzem Lockenhaar.

Gao Pu, ein Verkäufer mit geschorenem Kopf, leert auf dem Boden einen Rucksack mit Dutzenden Haarbündeln aus. «Es stammt von den Köpfen gewöhnlicher chinesischer Leute», erklärt er. Für ein Kilo von deren Haarpracht werden Preise von bis zu 5400 Yuan (790 Franken) gezahlt.

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Haare für die Welt

Taihe in der östlichen Provinz Anhui ist Standort für mehr als 400 Unternehmen der Echthaarbranche. Von hier kommen alle möglichen Produkte, von lockigen Haarverlängerungen bis hin zu kompletten Perücken. Gedacht ist die Ware für lichter behaarte Häupter in den USA, in Europa und in Afrika. Die eigentümlichen Haarmärkte, die heruntergekommenen Werkstätten und die Firmen von Taihe erwirtschafteten 2012 mit ihren Haarexporten 88 Millionen Dollar.

Fu Quangou leistete in den 70er Jahren Pionierarbeit in Sachen Haarhandel. «Früher haben wir das menschliche Haar hier in der Gegend gesammelt», erzählt der 64-Jährige. «Aber jetzt kommt es aus allen möglichen Ländern: Myanmar, Vietnam, solchen Ländern.»

Fus Sohn Fu Qianwei ist in die Fussstapfen des Vaters getreten. Der 36-Jährige betreibt eine Firma mit Namen «Anna», die mit ihren Auslandsverkäufen, vor allem in die USA, pro Jahr gut acht Millionen Dollar einnimmt. «Jedes Land hat eigene Anforderungen an Länge, Dicke und Qualität», erzählt der Jungunternehmer mit dem Igelschnitt, während seine Arbeiter gerade Berge an Haarteilen für Afrika nähen und lockig machen. Mehrere Boxen gefüllt mit «Afro-Curly»-Haarverlängerungen stehen schon fertig da.

Die Farbpalette reicht von blond bis schwarz

Vor der Verarbeitung muss das geschorene Echthaar in riesige Fässer mit Desinfektionsmittel. Anschliessend wird es in Bottiche mit kochendem Wasser getaucht. Dann folgt der Färbevorgang: Von blond über rot und lila bis schwarz reicht die Farbpalette. Anschliessend werden die Haare in Öfen getrocknet, gebürstet und am Ende - meist von Näherinnen - zu Haarteilen vernäht.

«Ich fädle die einzelnen Teile zusammen. An einem Tag schaffe ich 1500», sagt die 23-jährige Zhang Qing. Sie ist gerade dabei, Haarbündel in eine ratternde Nähmaschine einzuziehen. Der Hocker von Zhang Hongmei ist währenddessen umgeben von Haufen an rotem Haar, das sie mit einer langen Bürste bändigt. Wie die meisten Arbeiter hier habe sie früher auf den Feldern gearbeitet, erzählt sie. Und wenn sie in der Fabrik keine Anstellung gefunden hätte, würde sie das wohl bis heute tun. «Aber die Arbeit hier ist weniger ermüdend und es gibt mehr Geld», erzählt Zhang Qing.

Die Haarproduktion sei die mit Abstand grösste Industrie in Taihe, sagen die Fus. Nach Jahrzehnten im Geschäft beschäftigt Fu senior heute über 200 Vollzeitkräfte. «Ich verdanke mein Einkommen der Haar-Industrie», sagt er. Der Wert des Haars sei hoch, in Taihe werde es auch «das schwarze Gold» genannt.

(sda/ccr)