Lancia war einst der Inbegriff der Innovation: 1906 gegründet, baute das Unternehmen des ehemaligen Fiat-Testfahrers Vincenzo Lancia 1913 das erste Auto mit elektrischem Anlasser, zehn Jahre später revolutionierte es die Branche mit der selbsttragenden Karosserie. So bekam die Marke hohes Ansehen. Davon ist heute nichts mehr übrig.

Ob Greta Garbo, Marlene Dietrich oder Ernest Hemingway: Wer in den dreissiger Jahren etwas auf sich hielt, hatte einen Lancia in der Garage stehen. Das galt auch zwanzig Jahre später noch. Unvergessen ist Brigitte Bardot, wie sie in ihrer weissen Aurelia den Herren den Kopf verdrehte. Trotz all dem Ruhm schafften es die Turiner nicht, mit ihren Autos Geld zu verdienen. Schuld war die Modellpolitik: Die Italiener boten eine Fülle von Modellen an, produzierten aber nur in kleinen Stückzahlen. Das lohnte sich nicht.

Sportlicher Touch vom neuen Besitzer

1969 übernahm Fiat die marode Lancia und verlieh ihr zur Steigerung der Attraktivität einen sportlichen Anstrich. Fortan kämpfte der Autobauer um Spitzenpositionen im Rallye-Sport. Zugleich setzte Fiat den Rotstift an, mit katastrophalem Resultat: Plötzlich hatte Lancia, einst als Marke der Ingenieure gefeiert, ein Rostproblem.

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Dank Rallye-Erfolgen verschwand Lancia nicht von der Bildfläche. Mit dem Delta Integrale gewann der Hersteller fünf Mal in Folge die Weltmeisterschaft. Ende der achtziger Jahre war Lancia wieder ein Gesprächsthema. Doch anstatt auf dem Sportler-Image aufzubauen, ging Fiat einen anderen Weg.

Lancias verunglückter Premium-Ausflug

Denn Fiat kaufte Alfa Romeo. Das führte zu einem Konflikt, weil auch Alfa mit Sportlichkeit um Kundschaft buhlte. Fiat entschied sich gegen Lancia und richtete die Marke erneut anders aus.

Als selbst ernannter Premiumhersteller dümpelten die Turiner in den Neunzigern vor sich hin, produzierten eine Nichtigkeit nach der anderen. Das Weltmeister-Image war vergessen, von italienischer Noblesse wenig zu spüren. Das spiegelte sich in den Verkaufszahlen wider: Einzig der Kleinwagen Y konnte die roten Zahlen etwas einschwärzen.

Extravaganz wird zum Flop

Anfang des neuen Jahrtausends versuchte es Fiat nochmals: Mit dem extravaganten Thesis sollte Lancia aus der Versenkung auftauchen. Doch die Limousine war ein Flop: Technisch den deutschen Premiummarken unterlegen, optisch zu eigenwillig. Der Thesis verkaufte sich noch schlechter als sein gescheiterter Vorgänger.

Sergio Marchionne, der mittlerweile bei Fiat das Ruder übernommen hatte, gab nicht auf. 2011 versuchte er, ein allerletztes Mal die Marke in Gang zu bringen. Doch statt neue Autos zu entwickeln, verkaufte er Chrysler-Modelle mit Lancia-Badges. Fans beider Marken rümpften die Nase, die Italo-Amerikaner-Autos blieben in den Showrooms stehen.

Mit Ypsilon findet Lancia ein Ende

Nach drei Jahren zog Marchionne die Handbremse. In der Schweiz gab es den Voyager noch bis Mitte Jahr, der kleine Ypsilon ist bis 2016 erhältlich. Dann ist hierzulande Schluss. Einzig in Italien soll der Ypsilon weiter verkauft werden. Würdelos wird die italienische Schönheit zu Grabe getragen. Lancia, du hättest mehr verdient.