Er gilt immer noch als «der Neue» – dabei hat er schon vor der Jahrtausendwende am Flughafen angeheuert: Stephan Widrig, seit Jahresbeginn CEO der Flughafen Zürich AG. Der 43-Jährige hatte und brauchte demnach nicht allzu viel Zeit, um sich in die üblichen Baustellen und Fallstricke im Flughafengeschäft einzuarbeiten.

Lärmstreit mit den Anwohnern. Rechtsstreit zwischen der Schweiz und Deutschland beim Anflugregime von Norden. Gebührenstreit mit den Airlines, allen voran mit Hauptkunde Swiss. Nachfrageschwäche beim Immobilien-Grossprojekt The Circle. Und dann noch die zunehmenden ­Kapazitätsengpässe für Flugbewegungen zu Spitzenzeiten.Nicht zu vergessen das einschneidend enge Zeitkorsett durch das scharfe Nachtflugverbot. Es gilt als engstes unter allen europäischen Drehkreuzen. Als Flughafen-Chef in Zürich ist man zwangsweise Abwehrspieler – nicht Angreifer.

Die eine oder andere Neuerung hat der Neue aber umgesetzt, der sich «in der neuen Funktion gut angekommen» fühlt. Im Gegensatz zum Vorgänger twittert er, wenn auch keine strategischen Überlegungen, sondern eher Beobachtungen vom Flughafen. Und er hat die Geschäftsleitung personell verkleinert, genauso wie den Sichtschutz des Chefschreibtischs im Grossraumbüro: Die Stellwände enden jetzt bei etwa 1,60 Meter­n.

Die Freunde

Eingestellt und gefördert hat ihn Flughafen-Legende Josef Felder. Später hat Stephan Widrig in wichtigen Projekten eng mit Beat ­Spalinger zusammengearbeitet, damals CFO am Airport und später Chef des Implantateherstellers Straumann. Ebenfalls gut war und ist das Verhältnis zu Rainer Hiltebrand, der als Operationschef am Flughafen später in gleicher Funktion zur Swiss wechselte.

Mit Andreas Schmid, Präsident des Flughafen-Konzerns seit 2000, kann es ­Widrig gut. Und auch sein Vorgänger im Chefsessel, Thomas Kern, förderte ihn – ohne Kerns Plazet hätte ihm Widrig womöglich nicht im Amt nachfolgen können. Als sein direkter Nachfolger im Kommerzgeschäft am Flughafen hat Widrig Patrick Candrian installiert, Spross der gleichnamigen Gastronomenfamilie; er hatte zuvor die Verpflegungsbetriebe am Zürcher HB geleitet. Leiter des Flug­geschäfts bleibt der erfahrene Stefan Conrad. Ein enger Weggefähr­te Widrigs ist Flughafen-CFO Daniel Schmucki, mit dem er 1999 ­zusammen unter Felder angefangen hat.

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Zur beruflichen Connection gehören auch Julián Díaz, CEO des Duty-free-Giganten Dufry, und Gianmario Tondato Da Ruos, Chef des italienischen Multis Autogrill, der am Zürcher Airport diverse ­Lokale betreibt.

Die Politik ist im Verwaltungsrat des Flughafens mit Regierungsrat Ernst Stocker und der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch vertreten. Beiden, versichert Widrig, sei die volkswirtschaftliche ­Bedeutung des Standortfaktors Flughafen absolut bewusst.

Die Gegner

Ganz in seiner Nähe sitzen Widrigs erbittertste Gegner: die Fluglärm-Aktivisten. Etwa der Rümlanger Gemeindepräsident und SP-Nationalrat Thomas Hardegger, der als Präsident des Schutzverbands der Bevölkerung um den Flughafen (SBFZ) regelmässig Zugang zum Flughafen-CEO hat. Weniger persönliche Berührungspunkte gibt es mit den Leitern der Bürgerinitiativen aus den Anflugs-Himmelsrichtungen, im Norden beispielsweise Hanspeter Lienhart, im Osten Georg Brunner. Der berüchtigte Südschneiser Thomas Morf hat sein Amt an Matthias Dutli weitergereicht. Im deutschen Waldshut sitzt mit Landrat Martin Kistler ebenfalls ein Fluglärmgegner; er ist Nachfolger des abgewählten Tilman Bollacher.

Mit den Chefkollegen am Flughafen, Swiss-Boss Harry Hohmeister oder Skyguide-Chef Daniel Weder, diskutiert Widrig immer wieder über Kosten und Gebühren, doch alle wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind, und verhalten sich deshalb anständig. Eher ein Fernkampf herrscht um Langstreckenflüge des Lufthansa-Verbunds, etwa gegen den Flughafen München, geleitet von Michael Kerkloh. Im Kampf um Mieter für die Büroflächen des Bauprojekts The Circle tritt Widrig gegen SPS-Chef Markus Graf oder SBB-Immobilienboss Jürg Stöckli an.

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