Die Sulzer-Generalversammlung vom 19. April mit der deutlichen Abfuhr für Investor Rene Braginsky und seine Incentive Capital wurde in Winterthur als Sieg des Verwaltungsrates gefeiert. Es war aber auch ein Sieg von Fred Kindle, Geschäftsleiter von Sulzer Industries. Den Befürchtungen, der Incentive-Chef sei nur an Sulzer Medica interessiert und werde den Industrieteil verscherbeln, widersprach er zumindest nicht. Jetzt hat er die Gelegenheit zu zeigen, dass seine Rechnung aufgeht: Konzentration auf Erfolg versprechende Märkte, in denen Sulzer eine führende Stellung hat; Verkauf der anderen Betriebe zu Bedingungen, die nicht nur die Aktionäre, sondern auch die Arbeitnehmer befriedigen. Sulzer Infra und die Turbomaschinen sind bereits verkauft, die Webmaschinen und die Kolbenkompressoren sollen folgen. War es mutig oder naiv, als der McKinsey-Berater Fred Kindle 1992 zu Sulzer Chemtech wechselte, einem Unternehmen, das damals «operativ und strategisch in Schieflage» war? Die Meinungen unter seinen Bekannten waren geteilt und sind es bis heute. Warum setzte er sich 1999 auf den heissen Stuhl des Sulzer-Industries-Chefs? Warum hielt er trotz allen Turbulenzen während des Kommens und Gehens von Konzernchefs und des Abwehrkampfs gegen Braginsky bei Sulzer aus? «Wenn ich ohne Wagnis schnell und viel Geld hätte verdienen wollen, wäre ich Anwalt in Liechtenstein geworden», sagt Kindle, der 1959 im liechtensteinischen Schaan geboren wurde und dort seine Jugend verlebte. «Mein grösster Ansporn ist eine anspruchsvolle Aufgabe.» Die hat er dem leichteren Weg konsequent vorgezogen: Er kombinierte an der ETH Zürich die Studien Maschinenbau und Betriebswissenschaften, er holte sich seinen Titel als Master of Business Administration (MBA) an der Marketing-Eliteschule Kellogg an der Northwestern University in Evanston (USA), er qualifizierte sich für das Vorzeige-Consultingunternehmen McKinsey & Company, er hat sich vorgenommen, einen der grössten Problemfälle der Schweizer Industrie zu lösen – und er steuert lieber eine Harley als ein Auto.

Widersacher und Mahner
Niemand kann behaupten, die Gewerkschaften und die Betriebsräte von Sulzer hätten die Strategie des Unternehmens immer verstanden, geschweige denn gebilligt. Die grossen Worte von Ex-VR-Präsident Pierre Borgeaud an den Generalversammlungen der vergangenen Jahre, wonach mit dem Konzern alles bestens stehe, um gleich darauf den Verkauf wesentlicher Teile anzukündigen, brachten die Belegschaften zu Recht gegen den Verwaltungsrat und das Management, darunter Fred Kindle, auf. Heute hat sich der CEO von Sulzer Industries ein neues Image bei den Arbeitnehmern geschaffen. Bruno Junker, Präsident des Schweizer Betriebsrates: «Obwohl wir mit der Strategie nicht immer einverstanden waren, schätzen wir das hohe Ausmass an sozialer Verantwortung bei deren Umsetzung.» Und Ernst Laufer, Präsident der europäischen Mitarbeitervertretung, wehrte sich gegen die Übernahme durch Braginsky mit den Worten: «Wir werden alle unsere Ressourcen dagegen mobilisieren.» So wurden aus Widersachern kritische Beobachter, was auch für Rene Braginsky gilt. Er, der dem Management eine zu langsame strategische Neuorientierung vorgeworfen hat, will nun von einer Übernahme vorderhand nichts mehr wissen, sondern lediglich ein unangenehmer Mahner im Aktionärskreis bleiben.

Die McKinsey -Connection
Wer wie Fred Kindle vier Jahre bei McKinsey war, erhält Zugang zu einem Bekanntenkreis, um den einen viele beneiden. Dazu gehört Credit-Suisse-Chef Lukas Mühlemann, damals Kindles Chef bei der Consultingfirma. Der Exberater und heutige Sulzer-CEO hütet sich aber, jeden Bekannten aus dieser Zeit gleich zu seinem Freundeskreis zu zählen. Natürlich sieht man sich ab und zu, aber Kindle gehört nicht zu den Menschen, die unentwegt die Namen berühmter Zeitgenossen erwähnen, um sich selbst wichtig zu machen. Anders verhält es sich mit dem heutigen McKinsey - Thomas Knecht. Mit ihm hat er schon vor seinem Wechsel zu Sulzer intensive Gespräche geführt, mit ihm kann er auch heute über seine Probleme offen reden. Bei McKinsey hat Kindle auch den heutigen «Winterthur»-Chef Thomas Wellauer kennen und, wie er sagt, schätzen gelernt. Eine wirklich persönliche Freundschaft verbindet ihn mit Max Bolanz und Matthias Reinhard vom VermögensZentrum VZ und mit dem heutigen Schweiter-CEO Beat Sigrist, alles ehemalige McKinsey -Mitarbeiter.

Lehrer und Türöffner
Zwei Professoren haben Fred Kindle massgeblich beeinflusst. Der eine, Armin Seiler, unterrichtet Betriebswirtschaft an der ETH Zürich, der andere spielt nur mehr Tennis. Zwischen 1986 und 1988 aber lehrte Alfred Rappaport, der Erfinder des Begriffs Shareholder-Value, an der Kellogg School of Business. Zu seinen Schülern gehörte Fred Kindle. Beeindruckt von Rappaport, bedauert er heute, dass dessen Theorie für jeden Schabernack missbraucht wird. Zu einem Platz an der Eliteschule verhalf ihm unter anderem ein Empfehlungsschreiben des damaligen liechtensteinischen Regierungspräsidenten Hans Brunhart. Unter seinen Kollegen sorgte dies für Aufregung. «Von wem stammt deine Empfehlung? Vom Präsidenten persönlich?», wunder-ten sich die Amerikaner. «Und wie bist du dazu gekommen?» – «Nun, ich bin in sein Büro spaziert und sagte: Ich brauche ein Empfehlungsschreiben.» Für Amerikaner, die nur eine ungenaue Vorstellung von Liechtensteins Grösse haben, eine unglaubliche Szene.

Die Förderer
Da, wo sich die Grossen treffen, verkehrt Fred Kindle nicht: Als Liechtensteiner ist er weder im Generalstab noch in der FDP, er ist nicht Mitglied der Freunde des Opernhauses und nicht im Golfclub Zumikon. Und im Vorstandsausschuss der Industriellenvereinigung Swissmem werden auch nicht die ganz grossen Karrieren aufgegleist. Lieber als gesellschaftliche Anlässe sind Fred Kindle die Stunden mit der Familie – er selbst hat drei Kinder, seine Partnerin zwei – und beim Fitnesstraining. Dafür durfte er immer auf Unterstützung im Hause Sulzer rechnen: Der frühere Konzernchef Fritz Fahrni hatte noch vor seinem abrupten Abgang Fred Kindle für die Leitung des Industrieteils vorgeschlagen. Und der heutige VR-Präsident Leonardo Vanotti stand zu ihm auch in den stürmischsten Zeiten, als noch keineswegs klar war, ob der Turnaround zu schaffen wäre.
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