Nachdem Fiat im vergangenen Jahr den zahlungsunfähigen US-Hersteller-Chrysler praktisch zum Nulltarif übernommen hatte, machen sich Fiat-Chef Sergio Marchionne und sein Team mit Nachdruck daran, das so entstandene Unternehmen von Grund auf umzustrukturieren. Einer der grossen Pläne in der Konzernzentrale in Turin besteht in der Rückkehr auf den US-Markt mit der Sportwagen-Marke Alfa Romeo. Dies ist allerdings nicht vor 2013/14 zu erwarten (siehe Kasten). Als Erstes bekommt jetzt die Marke Lancia, die im Fiat-Konzern für gediegene Eleganz und Luxus steht, eine Frischzellenkur. Von dieser weiss man allerdings noch nicht wirklich, ob sie auch wirkt. Sonst ist Lancia weg vom Fenster.

Die Verstärkung kommt ab Herbst von Chrysler in Form der beiden Modelle Thema und Voyager. Beim Thema handelt es sich um den Chrysler 300 C, um eine Limousine amerikanischen Ausmasses also, die später eventuell auch noch als Kombi angeboten werden soll. In den USA ist das fast identische Modell weiter unter der Bezeichnung 300 C erhältlich. Ferner wird der bisherige Lancia Phedra, eine Grossraumlimousine, durch den Lancia Voyager ersetzt. Dieses Fahrzeug basiert wiederum auf dem erfolgreichen Chrysler Voyager, der in den Staaten ebenfalls unter dieser Bezeichnung weiter erhältlich ist. Als Preis wird für den Thema eine Spanne zwischen 62 000 bis 66 000 Franken genannt, für den Voyager ist der Basispreis noch nicht bekannt; er dürfte sich aber ebenfalls in dieser Region bewegen. Gebaut werden die Fahrzeuge in den USA und in Kanada, was die Händler mit einiger Sorge verfolgen.

Für die Marke Lancia bedeutet diese Anlehnung einen tiefen Einschnitt. Die Pläne von Marchionne werden vor allem von den Kunden, aber auch von den Händlern, die diese «Zwitter» verkaufen müssen, mit Argwohn verfolgt. Treue Markenkunden fragen sich, ob Marchionnes Plan für Lancia die richtige Therapie ist. Die Marke kennt zwar schon seit Jahren Probleme. Händler beklagten sich immer wieder, dass keine sportlichen und auch keine grösseren, luxuriös ausgestatteten Modelle im Angebot stehen. Was die Fahrzeuge der oberen Klasse betrifft, sollen diese nun neu von Chrysler kommen. Das aber verursacht bei den treuen Lancia-Anhängern Stirnrunzeln.

Am Genfer Automobilsalon 2011 waren drei Lancia-Modelle auf Chrysler-Basis zu sehen, wovon der als Lancia Flavia gezeigte Wagen, ein auf dem früheren Sebring basierendes Cabriolet, vorerst noch als Studie gilt. Ob dieses Modell je gebaut wird, will die Fiat-Führung bis Herbst 2011 entscheiden.
 

Mit dem Thema gegen das Vergessen

Der Thema, also eigentlich Chryslers 300 C, ist gross und massig geblieben. Allerdings haben die Designer versucht, italienisches Flair sowohl ins Blech wie ins Interieur zu zaubern. Der Wagen löst bei den Händlern ein unterschiedliches Echo aus. Einerseits sind diese positiv erstaunt und glauben, mit diesem Wagen einen neuen Anfang machen zu können. Anderseits heisst es kurz und bündig, der Thema sei im doppelten Sinn ein «Amerikaner» und kein echter Lancia. Die Händler werden also bei den Kunden einige Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Gerechterweise muss aber gesagt werden, dass der Thema reichhaltig und luxuriös ausgestattet ist. Die Preise sind absolut konkurrenzfähig. Mit dem Thema aus amerikanischer Produktion verfügt Lancia zudem endlich wieder über ein grosses Fahrzeug, wie das von den Händlern immer wieder gewünscht worden ist. Als Motoren stehen vorerst ein V6-Benziner und ein 3-Liter-Diesel des italienischen Konstrukteurs VM zur Verfügung. Der Wagen ist bestimmt noch nicht das, was sich manche Kunden und Händler wünschen, aber auf dem Modell lässt sich aufbauen.
 

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Eine Frage bleibt die Qualität

Hinzugefügt werden muss allerdings ein grosses Wenn. Und zwar wenn die Qualität stimmt. Dieser Faktor ist wahrscheinlich noch entscheidender als die Designsprache. Wenn die Qualität stimmt, dann wird sich das herumsprechen und auch mancher frühere 300-C-Fan könnte zu Lancia überlaufen, statt – wie von Fiat befürchtet – sich einen Amerikaner auf dem Graumarkt zu beschaffen.

Ähnliches gilt für den Lancia Voyager. Wobei in diesem Fall die Emotionen nicht so hoch gehen wie beim Thema. Dazu eignen sich Grossraumlimousinen weniger. Beim Voyager muss neben dem Preis vor allem die Verarbeitung stimmen, sonst kann das Modell, wie übrigens der Thema auch, abgeschrieben werden.

Dem Hersteller, dem Importeur, dem Händler wie nicht zuletzt den Kunden steht also eine spannende Zeit bevor, in der sich nichts weniger als das Schicksal der Marke Lancia entscheidet. Ach ja, und auch das ist nicht zu vergessen: Möglicherweise auch das Schicksal von Fiat-Konzernchef Sergio Marchionne mit seinen hochfliegenden Plänen, inklusive der Rückkehr auf den US-Markt mit der Sportwagenlegende Alfa Romeo.