Vor noch wenigen Jahren, als ein Rotwein als umso besser galt, wenn er tintenfarbig dunkel, hyperkonzentriert und von holzigen Röstaromen geprägt war, hatte es der Gamay mit seiner hellen, rubinroten Farbe und seiner fruchtig-saftigen Eleganz nicht eben leicht, sich gegen die modischen Muskelweine zu behaupten. Das bekam auch das Beaujolais-Gebiet zu spüren, wo heute noch rund 17 000 Hektaren mit dieser alten Sorte bestockt sind. Doch die Krise des Beaujolais (und damit auch des Gamay) ist nicht allein auf die Launen wechselnder Weinmoden zurückzuführen. Sie ist auch hausgemacht. Schuld daran ist vor allem der Beaujolais Primeur, dessen weltweiter Erfolg als kommerzieller Selbstläufer zugleich seinen Niedergang einleitete.

Auf der Jagd nach dem schnellen Geld brachten viele Produzenten banale Weine auf den Markt und vernachlässigten die Pflege der berühmten Crus wie Fleurie, Morgon, Moulin-à-Vent. Nachdem in den letzten Jahren rund 5000 Hektaren ausgerissen wurden (was der gesamten Rebfläche des Wallis entspricht), scheint sich das Blatt nun wieder langsam zu wenden. Heute, da vermehrt eigenständige und elegante Weine gefragt sind, vermögen gute Gamay-Gewächse (nicht nur jene des Beaujolais) wieder zu punkten. Mit ihrer von roten und schwarzen Beeren geprägten, feinwürzigen Aromatik und ihrem saftigen, finessenreichen Charakter sowie ihren fairen Preisen bieten sie alles, was man von einem vielseitig einsetzbaren Essensbegleiter erwartet.

Wie andere Sorten aus dem benachbarten Frankreich gelangte auch der Gamay in die Schweiz, wo er sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Westschweiz und im Wallis etablieren konnte. Heute wird er hierzulande auf 1430 Hektaren kultiviert. Damit ist der Gamay hinter dem Pinot noir und dem Chasselas die drittwichtigste Traubensorte. Im Wallis hat der Gamay in den letzten Jahren zwar an Terrain eingebüsst. Gleichwohl halten auch Spitzenwinzer wie Gérald Besse in Martigny oder Robert Taramarcaz von der Domaine des Muses in Sierre (um nur zwei zu nennen) der Sorte die Treue und füllen sie reinsortig ab. Gérald Besse tut dies gleich in drei überzeugenden Varianten: Mit dem knackigen, frisch-fruchtigen Bovernier, dem würzigen Champortay und dem noblen, komplexen Saint-Théodule.

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Doch lange nicht alle Gamay-Weine kommen unter ihrem Rebsortennamen auf den Markt. Ein ansehnlicher Teil wird mit Pinot noir assembliert und gelangt als Dôle in den Verkauf. Das Gleiche gilt auch für die Waadt, wo der Gamay meist zusammen mit Pinot noir verschnitten als Salvagnin angeboten wird. Leider verbergen sich hinter den Gamay-Cuvées Dôle und Salvagnin nicht selten eher einfache und banale Weine. Deshalb empfiehlt es sich, sich an reinsortige Gamay-Gewächse zu halten. Hervorragend ist beispielsweise die Cuvée d‘Entreroches des Château d’Eclépens, ein kräftiger, im Eichenfass gereifter Wein aus verschiedenen Gamay-Sorten. Eine Kuriosität ist der Plant Robert, der einst im Lavaux verbreitet war, dann aber in Vergessenheit geriet und beinahe ausstarb. Genetische Studien haben gezeigt, dass es sich beim Plant Robert um eine hochwertige Selektion des Gamay handelt, die von schwarzen Fruchtaromen und würzigen Noten geprägte Weine hervorbringt.

Mit 317 Hektaren ist im Kanton Genf nicht weniger als ein Viertel der Rebfläche mit Gamay bepflanzt. Reinsortig oder auch assembliert in den Vorzeige-Crus «Esprit de Ge­nève» findet man im Kanton Genf viele hochstehende Gamay-Kreszenzen, so etwa auf der Domaine Les Hutins oder in der Cave des Chevalières. Und dies zu einem Preis von meist unter 20 Franken.